Glück und Glauben kannenweise
Max Merkel, 59, spielte früher in der großdeutschen und österreichischen Nationalmannschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg trainierte er Hollands Nationalmannschaft. Mit den Bundesligaklubs München 60 und 1. FC Nürnberg wurde er Deutscher Meister. Für Atletico Madrid gewann er den spanischen Titel. Jetzt ist er WM-Direktor beim Österreichischen Fußball-Bund.
Ich kenne niemand, der Helmut Schön
nicht gern hat. Dafür scheint es zwei Gründe zu geben. Die einen mögen ihn, weil er ein so netter Kerl ist. Die anderen schätzen ihn, weil er erfolgreich ist. Und an einer Suppe, auf der besonders viele Fettaugen schwimmen, löffeln viele gern mit.
Es gibt noch einen dritten Grund, der Bundestrainer Helmut Schön auszeichnet: er ist ein Glückskind. Glück ist eine Vorbedingung für Fußballtrainer. Ich habe in Buenos Aires bei der Auslosung der vier Spielgruppen für die Fußball-Weltmeisterschaft 1978 neben ihm gesessen. Das erste Los für Helmut Schön war Polen. Der Lange erschrak, ich rief ihm zu: »Zweiter werdet's trotzdem in eurer Gruppe.«
Er wurde noch ernster. »Wart's ab, das kann noch dick kommen.« Er bekam Mexiko, auch gut. Schön lachte so herzlich wie Lou van Burg in seinen wunderbarsten TV-Zeiten. Dann aber wurde er wieder blaß. Dabei waren nur noch Tunesien oder Frankreich für ihn im Pott, beides Außenseiter. Wir Österreicher waren schon bei den Riesen Brasilien, Spanien und Schweden gelandet. Schön bekam Tunesien.
Jetzt sagte ich: »Helmut, das Glück ist wie ein Vogel, wo es einmal hingeschissen hat, macht es immer wieder hin.« Er schüttelte mir die Hand und wünschte »viel Glück in eurer schönen Gruppe«.
Glückskinder wie Schön müßte man adoptieren, wenn man sie nicht schon hätte. Bei Friedrich dem Großen hätte einer mit soviel Fortüne wie Schön nicht nur das Gardekorps, sondern auch noch die Tabakdosen und Flöten betreuen dürfen.
Als Nationaltrainer kann einer ja eh nicht viel machen. Kraft und Raffinesse, Erfahrung und Schlitzohrigkeit lernen die Spieler im Klub, wo jede Woche zwei-, dreimal gespielt wird, in der Nationalmannschaft, wenn nicht gerade Weltmeisterschaft ist, höchstens fünf-, sechsmal im Jahr. Im deutschen Fußball macht der Lange doch nur das Bukett. Aber das kann er besonders schön. Er ist nett zu den Spielern, bei ihm haben es sogar die Absahner gut, wenn sie sich nur nicht erwischen lassen und immer schön alles tun, was der Bundestrainer sagt.
Schön geht mit den Spielern ab und zu ins Theater, und nicht immer in Krimis oder Brutalo-Western. Am Tage, wenn der Lagerkoller droht, packt er seine Leute in den Bus und fährt sie zu den Delphinen im Zirkus oder den Möwen-Gelegen am Ostseestrand. Unser Wiener Linksaußen Hans Pesser, der früher fünfmal neben Schön für Großdeutschland gespielt hat, lobt den Langen sehr treffend: Der Helmut Schön war ein großartiger Spieler, ein riesiger Techniker, aber sehr, sehr vorsichtig.
Helmut Schön piesackt keinen Spieler. Er nimmt sie nicht zur Brust, wie es vor ihm Herberger getan hat, er kann aber ein so trauriges und beleidigtes Gesicht ziehen, daß jeder Spieler plötzlich spürt, was er sonst im Leben nur selten gemerkt hat: ein schlechtes Gewissen. Den Helmut Schön zu enttäuschen ist so, als wenn man im Salon auf den Teppich gepinkelt hat.
Von dem Hurengeschäft Fußball hat Schön nie etwas mitgekriegt. Er kennt es nicht, wenn Spieler um Prämien feilschen. Wenn der Präsident den einen Spieler bevorzugt und der Schatzmeister einen anderen. Das ganze Personal-Kompott kennt er nicht. Wenn nach Niederlagen die Welt untergeht und das Volk »Max raus« ruft, davon weiß er nichts. Er erlebt es nicht, wenn irgendein Spieler im Hotel »ne Katze aufs Zimmer schmuggelt und der Trainer beim Kontrollgang mitten in die Bumserei platzt. Der Alltag im Fußball ist tödlich, und den Alltag kennt Schön nicht.
Der Nationaltrainer schwebt über allem wie der große Guru. Er erlebt es nicht, wenn sich die Frauen der Stars im Klubhaus in die Haare geraten und getrennt werden müssen. Er erfährt nichts direkt davon, wenn das Kleinkind vom Nationalstürmer Sowieso lebensgefährlich erkrankt ist. Als Vereinstrainer, glaube ich, wäre Helmut Schön vor die Hunde gegangen.
Aber als Bundestrainer hat er alle seine Kritiker widerlegt, 14 Jahre lang. Gut, er hat viel Glück gehabt, so vor allem, daß er die Nationalmannschaft in einem ausgesprochenen Fußball-Staat wie Deutschland coachen darf. wo es die besten Spieler, die treuesten Fans und die stärkste Spitzenliga der Welt gibt. In der Bundesrepublik brauchst nur mit dem Finger schnippen und befehlen: Bitte schön, die drei besten Mittelstürmer brauche ich, vier Mittelfeldstars, zwei Weltklasse-Liberos und noch drei Nationaltorhüter zu mir, und dann fahren die Herren vor im dicken Mercedes, Ferrari oder Bentley.
Doch dann kommt das große Geheimnis vom Helmut. Er verpaßt ihnen die Trikots mit dem Adler über dem Herzen. Und sogar die schlimmsten Abkocher im Klub wissen plötzlich, daß sie was vertreten: die Nation, das Volk, das Land. Dann schlucken sie doch ganz heiß, wenn vor dem Länderspiel die Hymne erklingt.
Es stimmt nicht, wenn der Paul Breitner uns einreden will, die Hymne sei ihm wurscht oder sie störe ihn in der Konzentration. Bei dem ist doch Konzentration nur eine endlose Folge von Zahlenreihen, wobei es drauf ankommt, daß möglichst viel Ziffern vor dem Komma stehen. Nein, bei der Hymne wird auch so ein Langhaardackel wie der Paul weich.
Der Bundestrainer fördert das. Nicht weil er mit 62 einer von gestern ist, sondern weil er dran glaubt und weil er weiß, daß es wichtig ist, daran zu glauben. Das war schon bei Herberger der Geist, der die Spieler scharf machte. 1954 waren die Ungarn die besseren Fußballer, aber die Deutschen hatten ihnen den totalen Krieg erklärt und siegten im Finale.
Das ist immer noch ein Vorzug deutscher Spieler. Die wissen, wann's aufhören müssen mit dem Scheiberln und Ballstreicheln und wann's anfangen müssen, in die Socken zu treten.
Der Fischer Klaus in der Sturmmitte guckt ab und zu mal hin zur Trainerbank und sieht schon am Gesicht des Langen, was läuft. Schön ist nie ein daher Taktiker gewesen, aber er kann taktisch gucken, seine Betroffenheit oder seine Zufriedenheit sind auf dem ganzen Spielfeld zu sehen.
In Argentinien haben die Deutschen ganz bestimmt nicht mehr die besten Spieler wie 1966 und 1970 und 1974. Aber zum Hinlangen wird es bei denen
reichen, und es wird von Spiel zu Spiel mehr werden. Fern der Heimat, aber für Deutschland, da riskiert ein deutscher Fußballer immer noch die Knochen, mehr als alle anderen.
Vom Können her dürften Schöns Leute die zweite Runde nicht überstehen. Aber ich glaube, sie kommen unter die letzten Vier. Die Deutschen sind die einzigen, die im Trainingslager wachsen.
Sollte Helmut Schön wieder ins Finale kommen, dann mag es sein, daß er wegen seines schwachen Magens schon auf Schonkost gesetzt ist. Aber auch das rüstet seine Spieler auf. Dann sagens: Jetzt kämpfen wir alle für unseren kranken Trainer. In einem Weltmeisterschafts-Endspiel gibt es den absoluten Höhepunkt: die Turnier-Teutonen. Die alten Goten sind noch längst nicht tot. Keiner weiß das besser als Helmut Schön. Das ist eben seine große Herberger-Erbschaft, die hat er bewahrt.
Er hätte zwar besser getan, sich noch den Franz Beckenbauer zu holen, selbst wenn der direkt von New York nach Argentinien eingeflogen worden wäre. Die Nachricht davon hätte die anderen Mannschaften in Panik versetzt. Doch Helmut Schön, so kurz vor der Pensionierung, ist ein braver Angestellter beim Deutschen Fußball-Bund. Was die Zentrale anordnet, wird gemacht.
Dem Langen traue ich dennoch zu, daß er auch aus der Beckenbauer-Lücke noch Nutzen zieht. Mit Handauflegen, beim Heinz Flohe aus Köln und Rainer Bonhof aus Mönchengladbach. Immer schön Handauflegen und dabei murmeln: »Ihr seid die Größten.« Solch Kampfschmäh paßt gut in deutsche Ohren. Ich habe das in der Bundesliga selbst erlebt, dagegen sind Spanier und Holländer Trockenobst, für die hört sich Unsinn wie Unsinn an.
Aber die Deutschen, der Berti Vogts zum Beispiel, die brauchen den Hokuspokus und kriegen ihn vom Helmut. Zwei Dinge braucht der Fußballtrainer: Glück und Glauben. Helmut Schön hat beides kannenweise.