AUSTRALIEN Glut in den Wipfeln
Endlich, am Donnerstag voriger Woche, waren die fahlen Schwaden und die Rauchglocke über Sydney, der Vier-Millionen-Metropole am Pazifik, verschwunden. Das Panorama der Buschbrände, die an Weihnachten ausgebrochen waren und die Olympiastadt umzingelt hatten, wich erstmals ein wenig zurück.
Doch Bürgermeister Frank Sartor konnte trotzdem nicht Entwarnung geben. Das Ende der Katastrophe war noch längst nicht abzusehen. Gut hundert Brandherde loderten im Bundesstaat von Neusüdwales, und die Prognose verhieß wenig Gutes: weiterhin Temperaturen über 35 Grad, böige Winde und eine Abnahme der Luftfeuchtigkeit, die Sydney gerade eine Atempause verschafft hatte.
Im Gebirgszug der Blue Mountains, die sich nordwestlich der Weltstadt erstrecken, und in der Küstenzone südlich von ihr tobten kilometerlange Feuerfronten. Buschwerk und brennende Eukalyptusbäume verwandelten die Luft über den Bergen in aufsteigende Flammen. Eine besonders gewalttätige Feuerwalze, das so genannte Biest vom See Burragorang, überrollte beinahe einen Trupp von Brandbekämpfern. »Glut fegte in die Wipfel der Bäume und ließ sie explodieren«, berichtete Chris Tierney, der mit seinen Kollegen in ein Löschfahrzeug geflohen war, um sich mit Decken zu schützen.
Dann ging es zu wie auf dem Gefechtsfeld eines Hightech-Kriegs. Per Funk riefen die Männer einen Großhubschrauber vom Typ S-64 Erickson »Air Crane« zu Hilfe, der dank Satellitensteuerung neun Tonnen Wasser über dem Inferno abwarf und die vom Tode Bedrohten rettete. Bob Carr, Regierungschef von Neusüdwales und selbst ein begeisterter Buschgänger, hatte den Helitanker wegen der australischen Sommerhitze und der Ferien extra angemietet. Er will nun zwei Exemplare kaufen.
Im Royal National Park südlich von Sydney war das Feuer nicht zu stoppen. Der zweitälteste Nationalpark der Welt ist nur noch eine verkohlte Fläche. Tausende Beuteltiere - Kängurus, Koalas und Wombats - kamen in den Lohen um.
Am Küsteneinschnitt des Sussex Inlet mussten 7000 Menschen ihre Siedlungen verlassen und die Flucht an den Strand antreten. Auf der Suche nach Alten und Kranken nahm die Feuerwehr regelrechte Razzien von Haus zu Haus vor. Noch am Freitag war der Ferienort Bendalong, den eine dicke Ascheschicht bedeckte, durch die Brände abgeschnitten.
Australien machte sich unterdessen auf die Suche nach den Schuldigen an dem Desaster, bei dem bisher ein Gebiet von der doppelten Größe Londons zerstört wurde. Dabei sind Buschfeuer auf dem fünften Kontinent nichts Ungewöhnliches: Schon Kapitän Cook hielt anlässlich seiner ersten Reise entlang der Ostküste im Logbuch fest, dass überall Rauch und Feuer sichtbar seien.
Buschbrände waren für die Aborigines, Australiens Ureinwohner, stets Anlass zu Essgelagen. Grund: Beuteltiere, die vor den Flammen flohen, waren für sie leichter zu bejagen. Die Asche wiederum düngte den Boden, förderte das Wachstum von Gras und schuf neue Futterstellen.
Die modernen Australier freilich haben sich am mythischen Busch der Ureinwohner versündigt - mit Kohlekraftwerken, riesigen Rodungen und einer Urbanisierung, wie es sie sonst nirgendwo gibt: 82 Prozent der Bevölkerung leben an der Ostküste in einem schmalen Küstenstreifen von nur 100 Kilometer Breite. Wild wuchern die Vororte - fast immer Siedlungen aus Holzgebäuden - in das Buschland hinaus.
Blitzschlag war an Weihnachten mutmaßlich die Ursache des ersten Brands, vielleicht aber auch ein achtlos weggeworfenes Konservenglas, das wie eine Lupe wirkte und an dem sich das Unterholz entzündete. Doch dann kamen die Feuerleger, von denen bis Freitag 24 festgenommen wurden. 15 von ihnen waren Kinder und Jugendliche zwischen 9 und 16 Jahren. Ein Brandstifter wollte gar die ausgedorrte Wiese neben einer Tankstelle abbrennen.
Die Polizei von Neusüdwales vermutet, dass sich die jungen Zündler in den Schulferien langweilten und »action« in den Parks veranstalten wollten. Premier Carr will die Täter hart angehen: »Wir müssen sie am Schlafittchen packen und ihre Nasen in der Asche reiben, für die sie verantwortlich sind.« JOACHIM HOELZGEN