Gnadenlose Muttersöhnchen - DER SPIEGEL
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VERBRECHEN Gnadenlose Muttersöhnchen

Unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen beginnt der Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder von Tom und Sonja. Die Tatdetails schockieren selbst hartgesottene Ermittler.
• aus DER SPIEGEL 45/2003
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Ein solcher Aufwand ist sonst nur von Terroristenprozessen bekannt: Vor dem Eingang des Aachener Landgerichts werden am Mittwoch Hundeführer der Polizei patrouillieren, jeder Besucher, der das Gebäude betritt, muss mehrere Sicherheitsschleusen passieren. Oben, im Verhandlungssaal 339, lässt die Justiz zentnerschwere Panzerglasscheiben aufstellen, sie sollen die beiden Angeklagten schützen.

Das könnte auch nötig werden. Demonstranten haben sich bereits mit der Parole »Todesstrafe für Kinderschänder« angekündigt, das Gericht fürchtet Hass-Attacken auf die mutmaßlichen Mörder Markus Lewendel, 33, und Markus Wirtz, 28. Die beiden haben gestanden, im März in Eschweiler die Geschwister Sonja, 9, und Tom, 11, entführt, gequält und getötet zu haben.

Selten hat ein Verbrechen solche Emotionen hervorgerufen, kein Wunder: Die Männer müssen, nach allem, was bisher bekannt ist, mit gnadenloser Brutalität vorgegangen sein. Selbst hartgesottene Ermittler zeigen sich schockiert über die Gefühlskälte der Angeklagten. »Das war das Furchtbarste, was ich je erlebt habe«, sagt Heinrich Funken, Leiter der Aachener Kriminalpolizei, angewidert. Oberstaatsanwalt Albert Balke geht es ähnlich: »Die Leichtigkeit, mit der hier die Entscheidungen getroffen wurden, Kinder zu töten, habe ich vorher nicht für möglich gehalten.«

Am 30. März dieses Jahres machten sich Tom und Sonja auf den Weg zum Schwarzen Berg, einer ehemaligen Steinkohlezeche bei Eschweiler, die knapp einen Kilometer von ihrem Elternhaus entfernt liegt. Das Gelände sieht aus wie ein geheimnisvoller Abenteuerspielplatz: verwilderte Birkenwäldchen, tiefe Mulden, verfallene Schachteingänge. Es war das erste Mal, dass die Eltern ihrer Tochter erlaubten, den großen Bruder dorthin zu begleiten.

An diesem sonnigen Frühlingssonntag trieb sich ein seltsames Männer-Duo in der Gegend herum: der hagere Markus Lewendel, ein Hausmeister, der schon mal als Exhibitionist aufgefallen war und dem die Mutter regelmäßig die Wäsche machte. Und Markus Wirtz, eher klein und dicklich, ein Elektroniker, der gern mit der Eroberung von Frauen prahlte, die in Wahrheit nur in seiner Phantasie existierten; die einzige Frau, zu der er eine Beziehung hat, ist seine Mutter.

Oft schon waren die beiden im schwarzen Fiat Punto auf der Pirsch gewesen, auf der Suche nach Kindern, die sie quälen und missbrauchen konnten. So wie sie es sich immer wieder ausgemalt hatten: In heißes Öl wollte Lewendel seine Opfer tauchen; Wirtz träumte davon, sie auszupeitschen, bis das Blut fließt. Die Anregung für die Perversionen hatten sie im Internet gefunden.

An diesem Nachmittag wurden sie am Schwarzen Berg fündig. Sie zwangen Tom und Sonja ins Auto, fuhren mit ihnen umher, bis es dunkel wurde, und parkten den Wagen schließlich in der Tiefgarage des Mehrfamilienhauses, in dem die Männer zur Miete wohnten: nebeneinander im Souterrain. Beim Aussteigen wehrte sich Tom heftig, er wurde in den Kofferraum gesperrt; Sonja musste Wirtz in dessen Wohnung begleiten, dort wurde sie laut Anklage von beiden sexuell missbraucht.

Zur gleichen Zeit suchten nur gut einen Kilometer entfernt 175 Polizisten und Freiwillige nach den Geschwistern. Zwei Hubschrauber kreisten über dem Zechengelände, jeden Quadratmeter leuchteten sie aus, doch sie fanden nichts.

Das Geräusch der Rotoren drang bis in die Kellerwohnung. Dort überlegten die Männer, was mit Tom geschehen sollte. »Der Junge musste entsorgt werden«, so Lewendel eiskalt im Verhör.

Für die Fahrt hatten sie Bier und Frikadellen dabei, so als ginge es zu einem Picknick. Wirtz war mit dem Auto, im Kofferraum der kleine Tom, schon aus der Tiefgarage gefahren, als Lewendel noch einmal in die Wohnung zurückging. Da entdeckte er, dass sich Sonja die Lufthansa-Schlafbrille von den Augen gezogen hatte und versuchte, ihre Fesseln zu lösen. Einer musste bei dem Mädchen bleiben; weil Lewendel keinen Führerschein besaß, konnte nur Wirtz den Jungen wegbringen - und töten.

Sonjas Martyrium dauerte noch weitere 24 Stunden, mal wurde sie in Lewendels, mal in Wirtz' Wohnung gepeinigt. Einmal schellte es an der Tür: Der Wohnungsverwalter, ein ehemaliger Polizist, wollte Lewendel sprechen, aber niemand öffnete ihm. Heute quält den Mann die Frage, ob er das Mädchen hätte retten können, wenn er hartnäckiger geblieben wäre.

Am Montag ging Wirtz, als wäre nichts geschehen, im nahen Heinsberg zur Arbeit. Später meldete er sich beim Malteser Hilfsdienst, um bei der Suche nach dem Geschwisterpaar zu helfen.

Abends, bei Lewendel in der Wohnung, war nicht mehr die Rede vom Plan, einen Kinderpornoring aufzuziehen. Auch nicht mehr davon, dass sie sich ein Mädchen als Sexsklavin halten wollten. Jetzt ging es nur darum, das Kind loszuwerden.

Sie fuhren mit Sonja in den Wald. Lewendel legte ihr eine Paketschnur um den Hals und zog zu. »Ich kriege keine Luft mehr«, keuchte das Kind. »Das ist ja auch Sinn der Sache«, sagte Lewendel ungerührt.

Sonjas Todeskampf muss Minuten gedauert haben. Nach Überzeugung der Ermittler zog Lewendel die Tötung absichtlich in die Länge; am Ende griff Wirtz offenbar ein, kniete sich neben das Kind, das mit dem Gesicht in einer Pfütze lag, und drückte ihm mit den Händen den Hals zu.

Einem Gutachter hat Lewendel später erzählt, das Schreien des Mädchens habe ihn an seine verhasste Mutter erinnert. Als er die Schnur immer enger zog, habe er »ihr Gesicht vor Augen« gehabt. Der Angeklagte versucht offensichtlich, das Unbegreifliche der Tat mit einer neurotischen Hass-Liebe zu seiner Mutter zu erklären.

Vor der Flucht in die Schweiz, wo die Männer 17 Tage nach der Entführung gefasst wurden, schrieb er seiner Mutter in einem Brief: »Hallo Mama! Es tut mir Leid das ich Dir einen Schock gebe ... Ob Du noch zu mir hältst weiß ich nicht! ... In Liebe Markus.« Er legte den Brief auf einen Tisch in deren Wohnung, zwei Stockwerke über ihm. Daneben platzierte er einen Ordner mit der Aufschrift »Meine Dokumente«, darin sauber abgeheftet Zeugnisse, Verträge, Versicherungspolicen.

Oberstaatsanwalt Balke will im Prozess die »besondere Schwere der Schuld« beider Angeklagten betonen. Das würde bedeuten, dass sie bei einer lebenslangen Strafe nicht mit einer vorzeitigen Entlassung nach 15 Jahren rechnen können.

Vor einigen Wochen hat der Eschweiler Bürgermeister Rudi Bertram den Eltern die Kondolenzbücher übergeben, die im Rathaus auslagen, dazu Hunderte E-Mails aus der ganzen Welt; selbst aus Australien kamen mitfühlende Schreiben.

»Die Bürger der Stadt hoffen auf eine gerechte Strafe, diese Männer müssen für immer hinter Gitter«, sagte Bertram beim Abschied. »Gerecht«, fragte der Vater von Tom und Sonja seinen Besucher, »was ist schon gerecht?« BARBARA SCHMID

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