GÖTTLICHE MUTTER ODER TÜCHTIGE KUH
FERKEL, HÖRT DIE SIGNALE! Ihr Kinder und Kinderchen vom Mittelbau! Medioker ist Eure Rolle und beschissen Euer Los. Die fetten Säue vom Ordinarienstall lassen Euch magre Ferkel nur ungern an ihre akademisch feisten Brüste. ihr werdet immer billige Sklaven bleiben ... Mit 30 zittert Ihr vor der Entlassung, mit 40 seid Ihr armselige Hilfslehrer und bleibt das, bis Ihr erbärmlich krepiert, wenn es den fetten Säuen so paßt ...
Eine Büttenrede für den tierischen Ernst? Mitnichten. Ein Beitrag zur Hochschulreform, eine der anonymen Zuschriften, mit denen man als akademischer Lehrer hin und wieder beglückt wird ...
Kein Zweifel, daß der »Mittelbau« an den deutschen Universitäten in einer weitaus schwierigeren Lage ist als die Studenten; aber von den Nöten der Geknechteten und in Unmündigkeit Gehaltenen soll hier ausnahmsweise nicht die Rede sein, sondern von den munteren Streichen der sich zur Mündigkeit Emanzipierenden.
Wer will ihnen die Mitsprache verwehren, die sie bei der Lehrplangestaltung wünschen? Sie werden gebeten, einen Semesterentwurf auszuarbeiten, damit er diskutiert werden kann -- statt dessen veranstaltet man für Neuimmatrikulierte ein »teach-in«, um »Mißstände zu verbalisieren«, was natürlich spektakulärer ist und vorher so schön anzudrohen. Die Erstsemester sollen ja den Eindruck bekommen, künftig den repressiven Manipulationen einer herrschaftssüchtigen Clique stupider Fachidioten und Scheißer ausgeliefert zu sein.
Belustigend sind die Vorstellungen von Didaktik. Allen Ernstes wird einem Dozenten die Tatsache, daß er sich für seine Lehrveranstaltungen vorbereitet, zum Vorwurf gemacht: »Dann sind Sie uns ja voraus! Dann ist es ja kein Abenteuer mehr für Sie. Sie erwarten nichts mehr und haben abgeschlossen. Wir wollen doch in der Veranstaltung gemeinsam etwas erarbeiten«
Oder der Dozent soll zu Beginn des Semesters seinen Standpunkt, seine Bewertung eines Werkes klarlegen; darauf solle dann die Gegenposition erläutert werden, wie bei Thomas von Aquin; und der Rest des Seminars bestehe dann in einer Diskussion. Naiver geht"s kaum noch. Und legt man an einem Tag die Unmöglichkeit einer solchen Methode dar, so wird auf intensive -- das heißt auch zeitfressende -- Argumentation des Dozenten hin zwar zugegeben, so gehe es wirklich nicht; aber beim nächstenmal oder beim nächsten Gesprächspartner verlautet unerschüttert wieder dasselbe ...
Die Bereitwilligkeit, auf alle Fragen, Argumente, Einwände usw. einzugehen und Anregungen zu verwirklichen, führt in der Praxis zu einer längst nicht mehr sachgerechten Richtungslosigkeit und zum Oszillieren aller Strukturen. Was eine Studenten-Generation« durchgesetzt hat, wird von der nächsten als Druck empfunden, als Herrschaftsposition verteufelt und bisweilen massiv bekämpft ...
Was einem 1968 begegnete, ist die Fratze aller Vorstellungen von Reform und Demokratisierung, die man sich einmal gemacht hatte und denen man Wirklichkeit wünschte. Was man an gutem Willen und Bereitschaft zum Gespräch mitgebracht und bewiesen hat, wird fast nur noch mißbraucht. Es verlangt ungeheure Anstrengung, der Resignation und Verbitterung zu widerstehen ...
Wissenschaft ohne Kritik -- was ist das? Aber soll man die kritische Haltung zur Herausforderung, zur Besserwisserei und zum Querulantentum werden lassen? Wissenschaft impliziert nicht nur die Pflicht zum Fragen -- man ist auch selbst gefragt. Schiller vergleicht in einem Epigramm die Einstellung zu ihr mit der zu einer göttlichen Mutter oder einer tüchtigen Kuh -- je nach Horizont. Es gibt noch andere Möglichkeiten. Die hier skizzierte gleicht der zu einer Frau, wo jeder Jüngling einmal kann und fühlt sich schon als starker Mann.
Auf keinen Fall sollten diese Ausführungen als ein Zeichen der Resignation verstanden werden ... Der Verfasser ... hat aber Kollegen, die es manchmal bereuen, an der Hochschule angefangen zu haben, und andere, die sich keinen Aufstieg zum Professor mehr wünschen. So weit ist er noch nicht und hofft, dazu werde es auch nicht kommen. Aber es sind ihm einige Revolutionen im Denken unterlaufen. Unter dem Eindruck von ein paar heißen Sommern schmilzt der eisigste Sozialismus dahin. Der Verfasser entsinnt sich, vor zwei Jahren noch selbst Gewalt gepredigt zu haben (angesichts der Notstandsgesetze). Aber vor eben solcher Gewalt und der dargestellten Zerstörung geistigen Reichtums schlägt die Theorie dann in Praxis um, die Einheit verfliegt -- und man hat seine Nüchternheit wieder.