Göttlicher Wind - DER SPIEGEL
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JAPAN Göttlicher Wind

Von 700 Jahren wollte der Mongolenfürst Kublai Khan Japan erobern. Jetzt wurde seine gesunkene Flotte entdeckt.
• aus DER SPIEGEL 46/1981
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Abend für Abend, nach vollbrachtem Tagewerk, ging der Fischer Kuniichi Mukae am Strand seiner Heimatinsel Takaschima spazieren. Nichts zu suchen, stand ihm der Sinn - da fand er einen Schatz. Im halbverdorrten Tang der Wassergrenze entdeckte er einen Stempel, das Namenssiegel eines hohen Herren, unverständlich dem Fischer die Inschrift, doch zweifellos ein altes Stück, sehr gut erhalten überdies.

Fast sieben Jahre bewahrte Mukae den noch unerkannten Schatz in seinem Hause auf, zeigte manchem Besucher auch die Kuriosität und erntete allgemein wohlwollende Ratlosigkeit.

Doch diesen Sommer kam auf der entlegenen Insel ein Professor der Tokai-Universität daher, der Ozeanograph Torao Mozai. Auch er sah das Siegel im Fischerhaus - und erklärte es spontan zu einem »unbezahlbaren Nationalschatz«. Der Professor erhielt den Stempel zum Geschenk.

Nationalschatz - obgleich es sich nicht einmal um ein japanisches Relikt aus früher Zeit handelt. Denn der Archäologe Takashi Okazaki von der Universität Kiuschu hat inzwischen zweifelsfrei nachgewiesen, daß der ursprüngliche Besitzer des Siegels ein mongolischer General war, Truppenkommandeur im Dienste S.206 des Kublai Khan, dem Enkel des großen Dschingis.

Darauf eben aber kommt es an. Denn Professor Mozai ist dem Mongolenfürsten Kublai Khan, Kaiser von China und Mäzen des Marco Polo, auf der Spur: Vor genau 700 Jahren war Kublai den Japanern zu nahe getreten - und begründete, ungewollt, damit einen Mythos, dem rational beizukommen noch heute vielen Japanern schwerfällt.

Im Westen waren die Mongolen bis nach Mitteleuropa vorgedrungen; im Osten und Süden hatten sie das gesamte chinesische Reich bis hin nach Annam (Vietnam) erobert, auch das Königreich Korea ihrem Imperium einverleibt. Blieb dem großen Kublai im Osten nur noch ein Ziel: Japan.

Um die Mitte des 13. Jahrhunderts sandte daher der chinesische Kaiser Boten in die damalige japanische Hauptstadt Kioto, die ultimativ eine totale Unterwerfung des Inselreichs forderten. Japans Antwort: Etliche der mongolischen Emissäre wurden geköpft.

Sogar in jenen rauhen Zeiten kam das einer Kriegserklärung gleich - und 1281 (nach einem vergeblichen Invasionsversuch sieben Jahre zuvor) folgte die entscheidende Schlacht.

Der ungleiche Kampf war von nur kurzer Dauer. Hier das größte Invasionsheer, das die Welt bis dato erlebt hatte: rund 150 000 Mann mit mehr als tausend Schiffen. Dort nur wenige tausend mutige, unzulänglich ausgerüstete japanische Verteidiger, die dem Massenangriff in Formation kaum mehr entgegenzusetzen hatten als ihren Stolz auf ritterlichen Zweikampf.

Die Mongolen brauchten am Endsieg nicht zu zweifeln. Doch da geschah das Wunder. Erst ein Teil des Mongolenheeres hatte Japans Strand betreten, da brach ein verheerender Taifun über Kublai Khans Armada herein und machte dem Invasions-Spuk in wenigen Stunden ein Ende. Dankbar erklärten die Japaner den »göttlichen Wind« - japanisch: Kamikaze - zum Sieger des Krieges.

Bis in die jüngste Zeit hinein hat dieser erste Kamikaze-Angriff in der Geschichte den Mythos getragen und gefestigt, der Archipel Japan, Land der Götter, sei unverletzlich und gegen jeden Invasionsversuch gefeit.

So weit kennt ein jedes japanisches Schulkind die Kamikaze-Story. Doch darüber hinaus, Unwissenheit: Wo genau landete die mongolische Streitmacht? Wie war sie bewaffnet?

Professor Mozai ist überzeugt, diese Fragen beantworten zu können; das »unbezahlbare« Siegel vom Takaschima-Strand ist ihm nur ein Indiz.

Denn seit einem Jahr sind 20 Taucher im Auftrag des Gelehrten damit beschäftigt, Keramikscheiben, Statuetten und mittelalterliche Katapult-Munition vom Meeresboden vor Takaschima, nahe Nagasaki, heraufzuholen. Mozai: »Eines weiß ich mit Gewißheit - was da in 25 Meter Tiefe liegt, ist Kublai Khans Flotte.«

Dutzende von Schiffen hat Mozais Crew bislang mit Sonar-Peilgeräten ausgemacht, rund zwei Meter tief sind sie im Laufe der Jahrhunderte in den Meeresschlamm gesackt. Die Holzboote, zweifelt Mozai, werden schwerlich noch zu heben sein, wohl aber die Schätze, die sie bergen, darunter bislang auch eine Buddha-Statue, Schwerter, Katapulte, Steinkugeln, zwei Krüge zum Mischen von Schießpulver.

Die Relikte werden nicht nur neue Erkenntnisse darüber bringen, wie stark etwa der mongolische Einfluß auf die Keramik Chinas und Koreas war, sie werden nach Mozais Überzeugung die Geschichtsschreibung revolutionieren. Denn Kublais Flotte ist eine der »bedeutendsten archäologischen Entdeckungen«, die je vor Japans Küste gemacht wurden.

Die Sicherheit, daß es sich bei den Schiffsfunden tatsächlich um die Flotte des Mongolenfürsten handelt, nimmt Professor Mozai, der seine Schatzsuche mit einem 60 000-Dollar-Stipendium des Tokioter Erziehungsministeriums finanziert, aus alten Erzählungen.

Als die Mongolen nämlich 1274, so ist mündlich überliefert, ihren ersten Versuch einer Eroberung Japans unternahmen, machten sie auf der Insel nicht nur die militärische Besatzung nieder, sondern metzelten alles Leben, Mensch wie Tier. Nur ein Mädchen entkam, heißt es.

Wenn nun altes Gerät vor der einstmaligen Toteninsel geborgen wird, kann es, meint Mozai, nur von Kublai Khans Soldaten stammen: Vor dem Mongolensturm gab es auf Takaschima nur kleine Fischerboote; nach der Kamikaze-Vernichtung der Kublai-Flotte war die Insel jahrhundertelang unbesiedelt.

S.206Mit Schatzfinder Mukae, Mongolen-Siegel.*

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