Abgeordnete Goldene Krokodile
Der Mann hätte Modell stehen können: groß, schlank, graumeliert und stets in feines Tuch gehüllt.
Ein Kerl wie gemacht für die Europawahl-Kampagne der Sozialdemokraten. Die plakatieren bundesweit ein großflächiges Foto: ein Mann im dunklen Anzug, die Hände mit Handschellen auf dem Rücken gefesselt. Darunter der Text: »Die Mafia in Europa zerschlagen! Sicherheit statt Angst. SPD«.
Doch der elegante Genosse Dieter Schinzel, 51, ist kein Werbegag, sondern sozialdemokratische Realität: Am Freitag nachmittag vorletzter Woche schlossen sich im Hotelrestaurant »Zur Post« in Aschaffenburg Handschellen um die Gelenke des langjährigen Europa-Abgeordneten der SPD. Ein Trupp des Mobilen Einsatzkommandos (MEK) Bayern hatte die Gaststätte gestürmt.
Schinzels Abgeordnetenpaß beeindruckte die Beamten nicht: Der Volksvertreter war bei einem Falschgeldhandel erwischt worden, da nutzte ihm auch seine Immunität nichts.
Die Polizei stellte einen schwarzen Aktenkoffer mit gefälschten Schweizer Franken im Nennwert von rund 5 Millionen und 20 echten 1000-Franken-Scheinen sicher. Schinzels Verteidigung, er habe von nichts gewußt und sei von einem normalen »Geschäft mit Kursgewinn« ausgegangen, glaubte der Untersuchungsrichter nicht. Er erließ Haftbefehl. Für die Ermittlungsbehörden ist der Abgeordnete aus Aachen, seit 15 Jahren für seine Partei in Straßburg, »eindeutig der Haupttäter«.
So endete die Karriere eines Mannes mit vielen schillernden Seiten.
Schinzel, der in der nordrhein-westfälischen SPD einen schnellen Aufstieg absolvierte und mit 30 bereits in den Bundestag einrückte, wuchs in Sardinien auf, was ihm unter Freunden den Kosenamen »Angelo« eintrug. Sein Bruder ist der zeitweise erfolgreiche Schlagersänger Christian Anders ("Es fährt ein Zug nach Nirgendwo"), der heute als selbsternannter Guru in Kalifornien wirkt.
In den achtziger Jahren baute der quirlige Genosse, den Parteifreunde als brillanten Redner rühmen, exzellente Verbindungen zu den Botschaften und Regierungen vieler arabischer Staaten auf. Selbst Willy Brandt profitierte von den Nahost-Kontakten des Diplomphysikers. Schinzel fädelte den letzten großen politischen Triumph des SPD-Ehrenvorsitzenden ein: die Freilassung der deutschen Geiseln im Irak vor knapp vier Jahren.
Privat ruinierten ein aufwendiger Lebensstil und mißglückte Immobilienspekulationen den Sozialdemokraten. Das Einkommen (16 344 Mark monatlich) und die vielfältigen Privilegien eines Europa-Abgeordneten reichten nicht. Kenner schätzen Schinzels Schulden auf rund acht Millionen Mark.
Bonität und Seriosität des Parlamentariers litten auch unter seiner Spielleidenschaft. In seiner Partei galt Schinzel als »Zocker«, dem es schwerfiel, einen Bogen um Kasinos zu machen. In der niederländischen Spielbank Valkenburg soll Schinzel nach Zeugenaussagen an einem Abend mehrere zehntausend Mark verloren haben.
Mit Charme und dem Hinweis auf seine Arabien-Kontakte schwatzte er Bekannten und Geschäftsleuten sechs- bis siebenstellige Summen ab. Weil viel Schwarzgeld im Spiel gewesen sein soll, hielten die Gläubiger still.
Beim Amtsgericht Aachen waren Schinzels Probleme bekannt: Einen Termin zum Offenbarungseid im vergangenen August ließ der Parlamentarier im letzten Moment platzen.
Auf der ständigen Jagd nach Geld kam der Politiker auf skurrile Ideen. Dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, bot er an, ihm die Erlaubnis zur Hebung eines sagenhaften jüdischen Schatzes in Jordanien zu verschaffen. Doch der Geschäftsmann ließ sich nicht einmal durch Krokodile aus purem Gold locken, die angeblich in der Wüste vergraben lagen.
Vor einem Jahr brüstete sich Schinzel mit einem Auftrag der kuweitischen Regierung: Er sei als Vermittler in die Freilassung kuweitischer Kriegsgefangener im Irak eingeschaltet.
Daß er für seine Bemühungen mit einem Prozent der Freikaufsumme von 600 Millionen Dollar entlohnt werde, dementierte Schinzel großspurig: »Das ist nicht einmal ein Bruchteil.« Die Kuweiter allerdings wußten nichts von dem Geschäft.
In höchster Geldnot versuchte der Parlamentarier jetzt, nach den Erkenntnissen der Ermittler, einen billigen Trick, der in Unterweltkreisen seit langem im Schwange ist.
In der Bundesrepublik dürfen Geldscheine jeder Art nur mit Genehmigung der Bundesbank gedruckt werden. In Ländern wie Holland oder Italien kann sich dagegen jeder mit einer simplen Genehmigung der Ordnungsbehörden Geld in allen Währungen nachmachen lassen. Die Noten müssen lediglich den deutlichen Hinweis »Specimen« (Muster) tragen. Solche Muster werden als Werbegeschenke, Scherzartikel oder auch als Gutscheine für Restaurants gehandelt.
Gauner, die nicht über die Mittel oder die Geduld verfügen, um sich professionell nachgemachte Blüten zu beschaffen, lassen mit Vorliebe bei Muster-Experten arbeiten. Die Kennzeichnung »Specimen« wird auf die Mitte des Geldscheins gedruckt. Verziert mit ein paar echten Noten und einer Banderole, täuschen die Bündel beim schnellen Durchblättern zumindest Amateure.
Ihre Kunden ködern die Anbieter mit dem Hinweis, es handle sich um Mafia-Geld, das gewaschen werden müsse. Deshalb koste es auch weit weniger, als es wert sei.
Nach dieser Anleitung soll auch Dieter Schinzel, so die Ermittler, das Geschäft von Aschaffenburg eingefädelt haben: Der Abgeordnete habe sich die Falsifikate vermutlich in Holland besorgt und Kontakt zu Mittelsmännern aufgenommen, unter anderen zu zwei Polen und drei Männern aus dem ehemaligen Jugoslawien, die zusammen mit Schinzel verhaftet wurden.
Die Kontaktleute boten die Millionen Schweizer Franken in der Szene zum Kauf an. Nachdem mehrere Treffen abgesagt worden waren, entschied sich der multikulturelle Falschgeldtrupp schließlich für einen Kunden in Aschaffenburg. Ihr Pech: Der Mann war ein verdeckter Ermittler der bayerischen Polizei.
Die Genossen haben das böse Ende seit langem geahnt. In Vier-Augen-Gesprächen wurde Schinzel immer wieder eindringlich zu seinen Vermögensverhältnissen befragt. »Schinzel«, so einer aus der Führung der NRW-SPD, »hat immer beteuert, es handele sich um Gerüchte politisch interessierter Kreise.«
Die Partei ging auf Distanz. Im vergangenen Jahr verlor Schinzel seinen Posten als stellvertretender Vorsitzender des SPD-Bezirks Mittelrhein und wurde als Kandidat für die Europawahl am kommenden Sonntag nicht mehr aufgestellt.
Für die Zeit ohne Amt und Würden hatte der quicke Genosse bereits große Pläne. Mit einer Consulting-Gesellschaft wollte er sich selbständig machen. Spezialgebiet: Nahost.
Daraus wird wahrscheinlich erst einmal nichts: In Deutschland gilt auch der Verkauf von gekennzeichneten Blüten als Falschgeldhandel nach Paragraph 146 Strafgesetzbuch. Darauf stehen im Normalfall mindestens zwei Jahre Knast. Y
Das Falschgeld boten Komplizen einem verdeckten Ermittler an