Goldener Hornstoß - DER SPIEGEL
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Goldener Hornstoß

• aus DER SPIEGEL 14/1947
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf acht Minensuchbooten wurde in dem englischen Hafen Devonport die Flagge mit dem türkischen Halbmond gehißt.

Es handelte sich um amerikanische Boote, die während des Krieges auf Grund des Pacht- und Leihvertrages in englischen Diensten standen. Die USA haben sie an die Türkei verkauft. England selbst spielte nur die Rolle des Vermittlers, der die Kaufobjekte übergab.

Der Vorgang ist symbolhaft. Die USA lösen Großbritannien ab. Es kann seine Positionen in der Türkei nicht länger halten. In einer Botschaft an die Regierung in Washington - adressiert an »das amerikanische Volk, zu Händen von George C. Marshall« - bezeichnet England sich selbst als finanziell zu schwach.

Ein amerikanischer Senator hält dies »für die bedeutendste Sache seit der Kriegserklärung«. Und die in Chikago erscheinende Zeitschrift »Time« zieht eine Parallele zu dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor, der schwebende Dinge harte Wirklichkeit werden ließ. Sie fügt hinzu, die britische Botschaft sei, genau wie im Dezember 1942 Pearl Harbor, für die USA-Regierung die Verpflichtung, »das Volk und die Welt vorwärts zur Sicherheit zu führen«.

Die amerikanische Oeffentlichkeit ist mit der Nahost-Politik ihres Präsidenten Einverstanden. Auf eine Umfrage des Gallup-Instituts zur Erforschung der öffentlichen Meinung sprachen sich die USA-Bürger mit dem Stimmverhältnis 3 gegen 1 für die Hilfe an die Türkei aus.

Der englische »New Statesman« bemerkt dazu etwas boshaft, »der Kongreß mag überlegen und debattieren; aber die Botschaft des Präsidenten hat die Nation zu diplomatischem Handeln geführt; genau so wie die Aufforderung zur Ausführung kriegerischer Handlungen folgen muß, wenn der Präsident es will«. Die »Daily Mail« betrachtet das Ganze weniger ernst. Sie stellt fest, Trumans neue Außenpolitik hätte im Kongreß »Mammut- und Marathonläufer-Debatten« ausgelöst. Sie sieht zu wenig tatsächliches Handeln in der amerikanischen Politik und faßt zusammen, »Hebammen bei der Geburt einer »Neuen Ordnung« können es sich auf gar keinen Fall erlauben, wie Fischweiber zu handeln.«

Grundsätzlich liegt die USA-Politik in der alten Linie. Als Wilson 1917 den Kriegseintritt der USA verkündete, geschah dies mit den Worten: »Um die Welt für die Demokratie zu retten«. Fast die gleichen Worte werden auch heute gebraucht.

Aber auch auf sowjetischer Seite bedeutet die Dardanellen-Politik nur die Fortsetzung eines jahrhundertealten Kurses. Noch als sich die Sowjetunion formte, wies 1919 Trotzki darauf hin. Er betonte, »auch im bolschewistischen Regime wird Moskau nicht eher ruhen können, bis Hammer und Sichel auf der Hagia Sophia aufgerichtet sind«. Die Sowjetunion begegnet den USA in der Meerengenfrage mit genau dem gleichen Mißtrauen wie die Staaten ihr. Die Ansicht der Moskauer »Prawda« geht dahin, die Türkei leide unter dem Dollarfieber. In der amerikanischen Hilfsaktion sieht sie »das Signal für den Krieg«.

Ueber den vielen Veröffentlichungen über das Griechenlandproblem ist der Türkei weniger Aufmerksamkeit geschenkt worden. Grundsätzlich fällt ihr eine noch größere Bedeutung zu.

Während des Krieges hatte die Türkei die Schlüsselstellung im Nahen Osten. Sie kontrollierte die Dardanellen und bewachte durch ihre geographische Lage die europäischen Annäherungen an den ganzen Mittleren Osten. Die Mobilmachung der türkischen Armee hat im übrigen Aegypten in den kritischen Tagen von 1941/42 gerettet. Hitler zögerte vor einem Angriff auf die Türkei nach seinen siegreichen Feldzügen auf dem Balkan. Der türkisch-englische Pakt von 1939 half ebenfalls der britischen Sache, als Syrien noch von Vichy kontrolliert wurde und im Frühjahr 1942 die zu früh gestartete Revolte im Irak versucht wurde. Die Verdienste der Türkei sind in einem Bericht des General Head Quarters des Mittleren Ostens bestätigt worden.

Die Türkei hat jedoch einen hohen Preis für ihre Neutralität zahlen müssen. Die Aufrechterhaltung einer Armee von mehr als 1 Million Mann verschlang den Halbjahresetat des Staates. Die nationalen Finanzen sind damit praktisch ruiniert worden. Auch die Abwertung des türkischen Pfundes im September 1946 konnte keine wesentliche Aenderung der Wirtschaftslage herbeiführen. Es ist deshalb eine notwendige Folge, daß nunmehr die Wirtschaftshilfe Trumans einsetzt, nachdem Grobritannien sich dazu außerstande sieht.

Die Bedenken einiger Ausschußmitglieder des amerikanischen Repräsentantenhauses, ob man die Anleihen nicht vorteilhafter anlegen könne, beseitigte Kriegsminister Patterson mit der Erklärung: »Das griechische und das türkische Gebiet ist von strategischer Bedeutung und großem Wert. Das dort angelegte Geld wird nicht schlecht verwendet sein.«

Die notwendigen Mittel für die Finanzierung ihrer zivilen Wirtschaft kann die Türkei auf dem normalen Kreditwege erreichen. Dagegen ist eine ausländische Hilfe für die notwendigen Aufwendungen für die Landesverteidigung erforderlich. So lauten die neuesten Informationen des amerikanischen Außenamtes.

Der türkische Ministerrat hielt unter dem Vorsitz von Ministerpräsident Peker zwei ausgedehnte Sitzungen ab. Der Sitzungsverlauf selbst wurde geheimgehalten.

Die türkische Regierung richtete anschließend an die Vereinigten Staaten die Bitte um Entsendung von Spezialisten für die Reorganisation der eisenverarbeitenden Industrie. Im Laufe des Aprils sollen ferner amerikanische Fachingenieure zum Ausbau der Zivilflughäfen in der Türkei eintreffen.

Der türkische Mariner (rechts) bleibt, der englische Offizier geht von Bord

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