Goldgräber im Cyberspace - DER SPIEGEL
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Goldgräber im Cyberspace

• aus DER SPIEGEL 12/1996
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vor sechs Jahren hatte Bill Schrader eine Idee. Und so gründete er, ganz nach amerikanischer Art, eine eigene Firma: PSINet.

Schrader, heute 44, wollte Geschäftsleuten und Privatkunden über einen speziellen Online-Dienst Zugang zu den weltumspannenden Datenhighways schaffen. Doch in seiner Heimat Virginia interessierte das kaum jemanden. Oft wußte der Jungunternehmer nicht, wie er seine Mitarbeiter bezahlen sollte.

Auch Doug Colbeth, 40, schlug sich jahrelang mehr schlecht als recht durch. Gestützt auf kleine Zuschüsse aus der Staatskasse, arbeitete er in Illinois mit seiner Firma Spyglass an einer Software für Wissenschaftler. Als die Subventionen ausblieben, mußte Colbeth seine gesamten Ersparnisse in die Firma stecken, um eine Pleite abzuwenden.

Die lausigen Zeiten sind vorbei, die Welt hat sich für die beiden Mittelständler aus der US-Provinz grundlegend verändert. Als Colbeth und Schrader im vergangenen Jahr Aktienanteile ihrer Firmen an der Börse verkauften, wurden sie über Nacht zu Multimillionären.

Ihren plötzlichen Reichtum verdanken die High-Tech-Unternehmer dem Internet. Wie keine andere technologische Entwicklung in den vergangenen Jahren beflügelt das weltumspannende Datennetz die Phantasie der Amerikaner - und die der Spekulanten. »Im Cyberspace«, sagt John Chambers, Chef der Elektronikfirma Cisco, »herrscht Goldgräberstimmung.«

Wenn wahr wird, was viele Experten prophezeien, dann wird das Internet die Wirtschaft grundlegend verändern. Künftig läßt sich zu Hause am Computer bequem shoppen, Wohnungs- und Stellenangebote können studiert werden; viele erledigen dann auch einen großen Teil ihrer beruflichen Arbeit daheim.

Neue Firmen werden entstehen, alte an Bedeutung verlieren. Vielen Branchen steht ein Strukturwandel bevor, dessen Ausmaß heute erst zu erahnen ist: Was etwa passiert mit den herkömmlichen Medien, wenn die Werbung ins Netz abwandert?

Mittlerweile gibt es zwischen New York und San Francisco fast 2000 Firmen, die allein den Zugang zum Netz zu ihrem Geschäft gemacht haben.

Das Internet, behauptet Howard Anderson, Chef der Beratungsfirma Yankee Group, sei »die wichtigste Innovation seit der Erfindung des Halbleiters«. Mindestens 200 Milliarden Dollar sollen im Jahr 2000 beim elektronischen Shopping im Internet umgesetzt werden.

»Das Internet«, schwärmt Anderson, »zieht Geld an wie ein Magnet.« Allein in diesem Jahr, so seine Prognose, werden private Investoren 4,8 Milliarden Dollar in Firmen rund ums Internet stecken.

Eine neue Gründerzeit ist angebrochen. In den USA werden die Pioniere des Cyber-Business wie Helden gefeiert, das US-Magazin Time widmete ihnen sogar eine Titelgeschichte.

Die Internet-Unternehmer setzen an der Wall Street alle bisher bekannten Regeln außer Kraft. Colbeths Spyglass wird an der Börse inzwischen zu einem Wert gehandelt, der 25mal höher ist als der Jahresumsatz der Softwarefirma aus Naperville in Illinois.

Bill Gates, den die High-Tech-Investoren im Laufe der vergangenen 20 Jahre zum reichsten Unternehmer der Welt machten, nimmt sich daneben geradezu bescheiden aus. Seine Firma Microsoft, weltweit Marktführer für Computersoftware, wird an der Börse nur mit dem zehnfachen Jahresumsatz bewertet, und das ist bestimmt keine schlechte Quote.

Als heißester Tip an der Wall Street gilt die erst 1994 gegründete Firma Netscape Communications. Deren technischer Kopf, Marc Andreessen, hat einen »Navigator« entwickelt, mit dem sich auch Laien ohne größere Probleme im Datendschungel des digitalen Neulands bewegen können.

Als die Netscape-Aktien am 9. August vergangenen Jahres erstmals an der US-Computerbörse NASDAQ gehandelt wurden, sollte das Papier 28 Dollar kosten. Doch schon innerhalb weniger Stunden schoß der Kurs auf 75 Dollar hoch.

Firmengründer Andreessen, 24, hatte zuvor noch für einen Stundenlohn von 6,85 Dollar an der Universität von Illinois gejobbt. Nun war er plötzlich Multimillionär - und ein Vorbild für eine ganze Generation technikgläubiger Twens.

Sein Partner Jim Clark, 51, hatte den Netscape-Start mit fünf Millionen Dollar finanziert. Inzwischen ist sein Aktienpaket rund eine Milliarde Dollar wert.

»Nie zuvor«, wundert sich der amerikanische Historiker Alan Brinkley, »wurden Reichtümer so schnell geschaffen wie heute.« Wofür Firmengründer früher ein ganzes Leben oder sogar Generationen brauchten, geschieht im Zeitalter des Internet fast über Nacht.

Jahrelang sah die Wirtschaft in der Datenbahn bloß eine globale Spielwiese für technikbegeisterte Wissenschaftler und jugendliche Computerfreaks. Geschäfte, so schien es, waren mit dem elektronischen Abenteuerspielplatz nicht zu machen, zumal ein Großteil der Angebote allen Cyberspacern kostenlos zur Verfügung steht.

Die hierarchielose Struktur des Internet weckte Mißtrauen, für die Übertragung sensibler Firmendaten schien sie ungeeignet. Lieber investierten die Multis viel Geld in teure Netzwerk-Software von Novell oder IBM und in eigene Computernetze. Die waren von den öffentlichen Datenbahnen abgeschottet und versprachen mehr Sicherheit vor lästigen Hackern.

Erst im vergangenen Jahr begannen die Wirtschaftsbosse umzudenken. Ständig neue Prognosen der Marktforscher signalisierten, so Siemens-Nixdorf-Chef Gerhard Schulmeyer, eine »Revolution von unten«. Die sich abzeichnende Zeitenwende, getragen von Nobodys im internationalen Kommerz, schreckte die Firmenchefs auf. »Das Internet«, drohte etwa Yankee-Chef Anderson, »wird praktisch alle Branchen durcheinanderwirbeln.«

So wie das Telefon die Weitergabe von Nachrichten extrem beschleunigte und in den Industrieländern heute nahezu jeden Haushalt erreicht, meint Anderson, so werde das Netz bald die Verteilung von Informationen aller Art drastisch billiger machen. Keine Firma könne es sich leisten, dieses Medium zu übersehen.

Aus dem früheren Textmedium Internet ist eine bunte Multimedia-Welt geworden. Mit jedem Mausklick öffnet sich dem Zuschauer am heimischen Monitor ein Datenkosmos aus Bildern, Tönen und Videosequenzen, ohne daß der Benutzer merkt, mit welchem Rechner im weltweiten Datendschungel er gerade verbunden ist.

In ein, zwei Jahren, versprechen die High-Tech-Pioniere, soll das Netz noch viel mehr Möglichkeiten für jedermann bieten: Musik und Spielfilme auf Bestellung oder auch kostenloses Telefonieren rund um den Globus.

Den entscheidenden Schub für solche Zukunftsvisionen brachte die US-Firma Sun Microsystems, die sowohl Computer als auch Software für die Internet-Welt herstellt. Sie entwickelte mit Java eine Computersprache, die auf allen Rechnertypen, vom Großrechner bis zum PC, läuft. Damit soll Java die zersplitterte Datenwelt demnächst zu einem riesigen Telekosmos verschmelzen.

Der neue Sun-Standard, der von fast der gesamten Branche unterstützt wird, vereinfacht die Arbeit der Programmierer gewaltig. Softwarefirmen brauchen nur noch eine einzige Version ihrer Programme zu entwickeln. Erst auf dem Rechner wird das Computer-Esperanto von einem kleinen Zusatzprogramm, dem sogenannten Interpreter, in eine dem jeweiligen Computer entsprechende Maschinensprache übersetzt.

Noch ist erst wenig Software in der Java-Sprache programmiert. Aber allmählich begreifen die Unternehmen, welche Potentiale im Netzwerk-Computing mit dem gemeinsamen Standard stecken. »Das ist wie eine Rakete, die gezündet wurde und die niemand mehr stoppen kann«, erklärt Sun-Manager Eric Schmidt das Phänomen.

Immer mehr Firmen wollen dabeisein. 1994 war noch kein einziger namhafter Konzern mit einem eigenen Angebot im World Wide Web (WWW) zu finden, jetzt sind schon an die 200 Großunternehmen im Multimedia-Teil des Internet vertreten. Im laufenden Jahr, so rechnen Branchenkenner, werden weitere 200 Großunternehmen den Anschluß ans WWW suchen.

Das Tempo, mit dem sich das Internet ausbreitet, hat selbst die fortschrittsgläubige Computerbranche erstaunt. »Die gesamte Computerwelt wurde überrascht«, sagt Rick Stenze vom Marktforschungsmulti Dataquest.

Sogar Microsoft-Chef Bill Gates, der sich gern als Visionär geriert, hatte den Trend fast übersehen. Erst im vergangenen Dezember leitete er die Wende ein. Nun sitzen die Microsoft-Entwickler mit Hochdruck an Programmen fürs Internet, um den Vorsprung von Netscape nicht zu groß werden zu lassen.

Vergangene Woche gelang Gates ein großer Sprung nach vorn. America Online (AOL) vereinbarte eine »weitreichende Kooperation« mit Microsoft. Der weltgrößte Online-Dienst bietet seinen fünf Millionen Kunden als Orientierungshilfe im Cyberspace künftig nicht nur Netscapes »Navigator« an, sondern auch den von Microsoft entwickelten »Internet Explorer«. Damit liegen die neuen Rivalen gleichauf.

Die Nachrichten vom digitalen Neuland, das gerade in den USA entdeckt wird, haben inzwischen auch die deutschen Chefetagen erreicht - zunächst natürlich die Medienkonzerne. Bertelsmann will in vier Jahren zwei Milliarden Mark mit Multimedia erzielen.

Die Voraussetzungen sind gar nicht so schlecht, die immer noch als technikfeindlich geltenden Deutschen stehen dem Medium durchaus wohlwollend gegenüber. So zeigt die Kundenzahl bei T-Online seit einem Jahr steil nach oben. Der Anfang der Achtziger zunächst als Btx gestartete Online-Dienst der Telekom, der schon mehrmals eingestellt werden sollte, bedient nun gut eine Million Bundesbürger.

Insgesamt gibt es zur Zeit gut 1,6 Millionen Online-Anschlüsse. Ende kommenden Jahres sollen schon fast acht Millionen Deutsche Zugang zu einem Datendienst haben.

»Wöchentlich kommen 7000 bis 8000 neue Kunden hinzu, das entspricht der Größe einer Kleinstadt«, rühmt Telekom-Manager Guido Weishaupt die Zugkraft von T-Online, der wie die meisten anderen Datendienste auch das Surfen im Internet ermöglicht.

America Online registriert hierzulande ebenfalls reges Interesse. Die US-Firma, die sich mit dem Gütersloher Mediengiganten Bertelsmann verbündet hat, zählte Anfang des Jahres, zwei Monate nach dem Start, zwischen Konstanz und Kiel schon rund 40 000 Abonnenten.

Die »atemberaubende Steigerungsrate«, so Bertelsmann-Vorstand Thomas Middelhoff, soll anhalten. »AOL wird allein in Deutschland jeden Monat 20 000 neue Kunden gewinnen«, verspricht Middelhoff.

Die typischen Online-Nutzer gelten unter Marketingstrategen als ideale Zielgruppe: Sie sind um die 30 Jahre alt, männlich, gut ausgebildet, und sie verfügen über ein ordentliches Einkommen.

Klaus Mangold, Chef der Daimler-Benz InterServices (Debis), ist deshalb überzeugt, daß bald Millionen von Deutschen elektronisch auf Shoppingtour gehen. Das Internet, glaubt Mangold, wird den »herkömmlichen Markt für immer verändern«.

Noch ist das große Geschäft kaum mehr als eine Utopie. Die Datenbahnen sind holprig und voller Baustellen, das Angebot gleicht einem orientalischen Basar, bunt zusammengewürfelt, verwirrend und voller Überraschungen.

Bisher sondieren die Konzerne nur zaghaft das neue Terrain. Ihre Internet-Adressen bieten kaum mehr als einige dürftige elektronische Prospekte und Verbrauchertips. Homeshopping via Internet gleicht in Deutschland einem Schaufensterbummel entlang meist geschlossener Läden.

In den USA dagegen ist echtes Internet-Shopping schon bei einigen hundert Händlern, vom Eiscreme-Service in Ohio bis zum Buchversand in Oregon, möglich. Bei der Musik-Kette Tower Records etwa können die Netsurfer CDs probehören und bestellen, bei Alamo können sie per Mausklick Autos mieten und Reisen buchen oder über die Firma 1-800-Flowers Blumen verschicken.

Banken und Versicherungen offerieren Finanzdienstleistungen und Beratung (siehe Seite 124), Computerfirmen verlegen ihre Servicedienste ins Internet, Softwarefirmen verschicken ihre Programme online, Verlage publizieren elektronische Lektüre, Spielkasinos locken virtuelle Zocker, und immer mehr kleine, ortsansässige Händler wandeln sich via Netz zum Versandhaus mit weltweiter Kundschaft.

Einige haben ihr Gewerbe schon voll ins Internet verlagert. Zum Beispiel: Peter Ellis, der frühere Händler für Ford und Chrysler, tritt nur noch als elektronischer Vermittler auf.

Wer einen Gebrauchtwagen sucht, kann im WWW bei Auto-By-Tel den Preis eingeben, den er zu zahlen bereit ist, das gewünschte Baujahr und, wenn er will, sogar die Farbe der Sitze. Ellis reicht die Angaben an normale Händler weiter, anschließend kann der Kunde sehen, was der Markt zu bieten hat. Etwa 12 000 Interessenten haben in den vergangenen Monaten bei Ellis angefragt.

Etliche Immobilienmakler vertrauen ebenfalls schon voll aufs virtuelle Business. So gründete Mazi Tahouri vor einigen Monaten in Washington die Firma Shopperty. Jeder Interessent, ob er in Seattle oder in Stuttgart sitzt, kann sich dort online Gewerbeimmobilien und Privathäuser rund um die US-Hauptstadt ansehen.

Der Markt wird transparenter, das stärkt auch die Macht der Verbraucher. Spezielle Programme, sogenannte Schnäppchenjäger, helfen den Kunden, die günstigsten Angebote aus dem Telekosmos herauszufischen.

Firmenkritiker und Verbraucherschützer können Informationen in Sekundenschnelle weltweit verbreiten. Auf die Schnellimbiß-Kette McDonald's haben sich gleich mehrere Aktionsgruppen mit ausführlichen Dokumentationen eingeschossen. Auch der Fehler im Pentium-Chip, mit dem die US-Firma Intel Ende 1994 gewaltig zu kämpfen hatte, wurde zuerst im Internet publik und weitete sich rasch zu einer globalen Protestwelle aus.

Vieles ist technisch möglich, und die Online-Präsenz bietet nicht nur Chancen für pfiffige Computerfreaks. Ziehen die Verbraucher mit, könnte sich die neue Vertriebsform zu einer ernsten Bedrohung für den stationären Handel entwickeln. Mit der Datenbahn ist es für die Hersteller leichter als je zuvor, direkt an die Endabnehmer zu verkaufen. »Das Netz«, davon ist der amerikanische Internet-Propagandist Nicholas Negroponte überzeugt, »ändert die Regeln.« Viele Händler sehen die Entwicklung mit Sorge.

Bisher allerdings handeln im deutschen Cyberspace nur ein paar Pioniere. Die meisten sind noch im Twen-Alter, und ihre Umsätze sind bescheiden.

Und doch wird das Internet auch in Deutschland zu einer Gründerwelle führen. Vom Reichtum eines Marc Andreessen aber können seine deutschen Nachahmer vorerst wohl nur träumen.

Vor fünf Jahren schon starteten Paulus Neef, 36, und andere in Berlin die Firma Pixelpark. Mit witzigen Computeranimationen konnte Neef bald zahlreiche Firmen davon überzeugen, daß sich das Internet auch als Werbefläche für große Markenartikler eignet.

Im vergangenen Jahr setzte Pixelpark mit inzwischen 120 Mitarbeitern 14 Millionen Mark um - und die Gründer machten Kasse. Neef und seine Mitstreiter verkauften 50 Prozent der Firmenanteile an Bertelsmann, über den Preis schweigen sich beide Seiten aus.

Zu den Pionieren im deutschen Cyberspace zählt auch Stephan Schambach, 25. Der junge Mann aus Jena ging im September vergangenen Jahres mit Deutschlands erstem virtuellen Kaufhaus ans Netz: 18 000 Computerartikel, vom PC bis zum Modem, können per Mausklick beim »Intershop« der Firma NetConsult in Jena geordert werden. Binnen zwei Tagen soll die Ware, gegen Nachnahme, geliefert werden.

Schambach sieht sich nicht als Kaufhauschef, lieber möchte er sein virtuelles Warenhaus als Software an andere Händler verkaufen. Die Internet-Kunden, glaubt der Twen aus Jena, wollen nämlich nicht am anderen Ende der Welt einkaufen, sondern bei Geschäften, die sie aus der Region kennen.

Daß der Telekosmos für die meisten Cybershopper an der Landesgrenze endet, glauben auch die Macher der Netuse GmbH in Kiel. Allein die unterschiedlichen Verbraucherschutz-Vorschriften und Garantiezeiten machen den Einkauf im gesetzlosen Datenraum zum Risiko.

Die norddeutschen Jungunternehmer brachen vor dreieinhalb Jahren ihr Studium ab, inzwischen steuern sie auf die erste Umsatz-Million zu. Sie setzen ganz bewußt auf den Service vor Ort. »Den Bauern in Schleswig interessiert doch nicht das Wetter in Los Angeles«, meint Netuse-Mann Stefan Mehne, 31, »der will wissen, ob es morgen bei ihm vor der Haustür regnet.«

Für lokale Firmen, die ins Internet streben, gestaltet Netuse auch das elektronische Outfit der virtuellen Filialen. Da die Anbieter selbst nicht in die komplizierte Computertechnik einsteigen müssen, können selbst traditionelle Läden völlig neue Kunden erschließen.

Netuse brachte schon vor fast zwei Jahren Frank Frankens Teehandlung im holsteinischen Oldenburg ins Netz. Mittlerweile ordern über 100 Kunden in Deutschland, Holland, Belgien und der Schweiz regelmäßig Darjeeling, Assam und andere Spezialitäten bei Frank Frankens Teehandlung. »Das hat einiges gebracht«, sagt Firmenchefin Gertrud Schulze, 68.

Meist jedoch sind die Erfahrungen der Internet-Pioniere ernüchternd. So hatte sich der Hildesheimer Händler Heinz Lehmann »auf einen richtigen Ansturm gefaßt gemacht«, als er im vergangenen Dezember mit seinem Kid-T-Store als »Deutschlands erster Online-Discounter« antrat.

An die 700 000 Mark hat der Hildesheimer investiert, um Spielzeug und Computer via T-Online präsentieren zu können. Doch nachdem anfangs bis zu 1600 T-Onliner pro Tag das Angebot beschnupperten, schauen jetzt nur noch 400 bis 500 Interessenten vorbei, und nur die wenigsten geben eine Bestellung auf.

Enttäuscht ist auch Heiko Zeutschner, der nach eigenem Bekunden »Deutschlands erstes Internet-Kaufhaus« betreibt. »Bei Direktbestellungen«, hat der Chef des Netzmarkts erfahren, »ist die Internet-Gemeinde zur Zeit tendenziell eher zurückhaltend.« Seinen Frühstart bereut Zeutschner dennoch nicht. »Wir müssen die Zeit nutzen, solange noch keine Konkurrenz da ist«, meint der Jungunternehmer. Denn an dem neuen Vertriebsweg kommen zumindest die klassischen Versandhäuser nicht vorbei. Und dann, ahnt Zeutschner, »gibt es vielleicht 50 solcher Geschäfte«.

Noch überlassen die großen deutschen Versender das Netz weitgehend den Turnschuh-Unternehmern. Der Hamburger Branchenprimus Otto, dessen Katalog auch auf CD-Rom erhältlich ist, sieht im Internet allenfalls eine »interessante Ergänzung« zu anderen Vertriebsformen.

Die Umstellung auf die neue Technik für einen »noch sehr elitären Bereich« der Kundschaft, so Quelle-Manager Uwe Stephan, ist nicht billig. Der für neue Medien zuständige Mann beim Fürther Versandhaus rechnet mit Investitionen in Millionenhöhe.

Zwar setzt Quelle, so der künftige Vorstandschef Jochen Stremme, verstärkt auf »leichtes Einkaufen« über Online-Dienste, CD-Rom, Teleshopping und interaktives Fernsehen. Doch im vergangenen Jahr brachte der Vertrieb mit elektronischen Medien mit 68 Millionen Mark erst knapp ein Prozent des deutschen Quelle-Umsatzes ein.

Der kleinste Teil davon entfällt auf das Internet. Über Quelles Web-Site trudeln täglich nur zwei bis drei Bestellungen und 20 Kataloganforderungen ein. Über T-Online registrieren die Fürther dagegen immerhin schon knapp 400 Bestellungen pro Tag.

In den USA erwirtschafteten die Online-Händler im vergangenen Jahr 350 Millionen Dollar. Gemessen am Gesamtumsatz des US-Handels von 2,2 Billionen Dollar, ist auch das ziemlich bescheiden. Renner im Online-Geschäft war der Verkauf von Flugscheinen.

Die Zurückhaltung der Verbraucher ist für den Hamburger Soziologen Horst Opaschowski nicht verwunderlich. Der Chef des BAT Freizeit-Forschungsinstituts glaubt, daß die Anbieter »in technologischer Euphorie« schwelgen und dabei die »psychologische Zurückhaltung der Zuschauer« vergessen. Um mit den weltweit 100 Millionen Kunden ins Geschäft zu kommen, von denen die Internet-Propagandisten träumen, müsse die Technik einfacher und billiger werden.

Die richtige Lösung glaubt Sun-Chef Scott McNealy zu haben. Sein »Computer für das neue Jahrhundert« soll leichter zu bedienen sein als ein Videorecorder. Die von Sun entwickelte Java-Software benötigt nämlich relativ wenig Computerpower. Dadurch könnte der Rechner abgespeckt und die Intelligenz übers Netz geliefert werden.

Für McNealy, 41, geht es bei dem Netzrechner nicht nur um ein neues Gerät. Im Verbund mit der Softwarefirma Oracle will der ehrgeizige Sun-Chef die Vorherrschaft des bislang unbesiegbaren Gespanns Microsoft/Intel brechen. »Im Internet«, frohlockt Oracle-Chef Larry Ellison, »werden die Karten jetzt völlig neu gemischt.«

Nicht mehr als 500 Dollar soll der Billig-Computer kosten. Schon Ende September sollen die ersten Geräte auf den Markt kommen. Für Steven Jobs, Mitbegründer von Apple und jetzt als Multimedia-Unternehmer mit dem Computertrickfilm »Toy Story« erneut erfolgreich, ist klar: »Der Desktop-PC ist tot.«

»Jobs hatte einen schlechten Tag, als er das sagte«, kontert Intel-Chef Andy Grove. Der gebürtige Ungar, der seit mehr als 20 Jahren äußerst erfolgreich den größten Chip-Produzenten der Welt leitet, sagt dem PC noch eine große Zukunft voraus (siehe Interview Seite 133).

Der Computerbranche steht ein neuer Systemkrieg bevor. Außer IBM stehen die meisten Hersteller klassischer PC auf der Seite von Microsoft und Intel. Sie glauben nicht an den einfachen Netzcomputer, der, wenn er sich durchsetzte, ihr Geschäft erheblich beeinträchtigen würde.

Der Trend, meint Compaq-Manager Jan-Bernd Meyer, gehe nicht zu weniger, sondern zu mehr Funktionalität. Und Siemens-Nixdorf-Chef Gerhard Schulmeyer bezweifelt, »ob der Nutzer eines Personalcomputers bereit ist, sich maschinelle Intelligenz und kreative Möglichkeiten wegnehmen zu lassen«.

Als Hindernis auf dem Weg in die vernetzte Computerwelt gilt nicht nur die komplizierte Technik. Die Zukunft des elektronischen Marktplatzes hängt auch entscheidend von der Frage ab, wie all die Milliarden, die im Netz umgesetzt werden sollen, sicher den Besitzer wechseln können.

Bei der Bezahlung krankt der Cyberspace an seinem größten Vorteil: Er ist für jedermann zugänglich. »Wir haben noch keine Möglichkeit, das Internet so abzuschotten, daß Hacker keine Chance haben«, gibt Nico Stein, Vorstandsmitglied der Deutsche-Bank-Tochter Bank 24, freimütig zu.

Mühelos können gewiefte Hacker Botschaften abfangen, die im Netz herumgeistern. Wer die Technik beherrscht, schnappt sich einfach eine fremde Kreditkartennummer, die bislang häufigste Art der Bezahlung, und setzt sie zum eigenen Teleshopping ein. Schlimmer noch: Wer garantiert dem gutgläubigen Kunden, daß sich hinter dem virtuellen Kaufhaus in Wahrheit nicht eine Sammelstelle für Kreditkartennummern verbirgt?

Ganze Hundertschaften von Programmierern bemühen sich weltweit um eine Lösung. An die 200 Firmen tüfteln an Zahlungssystemen, die sich zum Teil nur in Nuancen unterscheiden.

Die besten Chancen haben die Großen der Branche, die sich in zwei Blöcken vereinigt haben. Visa und Microsoft auf der einen Seite sowie IBM, Mastercard und Netscape auf der anderen Seite setzen nun auf einen Standard namens Secure Electronic Transactions (SET). Er soll Kreditkartennummern künftig mit einem Code verschlüsseln, ehe sie durchs Netz wandern; Hacker sollen keine Chance mehr haben. »Das ganze ist sicherer, als wenn man im Restaurant seine Karte dem Kellner gibt«, glaubt IBM-Manager Mark Greene.

Selbst wenn sich SET durchsetzt, bleiben zwei Nachteile am virtuellen Plastikgeld haften: Zum einen lohnt es sich nicht für Pfennigbeträge, zum anderen können Banken, Kreditkartenfirmen und Händler immer lückenloser Buch führen über die Einkaufsgewohnheiten der Kunden. Mit jedem Klick im elektronischen Kosmos hinterlassen die Nutzer eine Datenspur - das Internet wird zum »Big Brother«.

Kleine, innovative Firmen wie Digicash oder Cybercash haben deshalb eine andere Vision: das virtuelle Bargeld fürs Internet, das Cybermoney oder E-Cash. »Die Kreditkartenleute kümmern sich um die Zahlungen über zehn Dollar, wir um alles, was darunter liegt«, sagt David Chaum, Chef von Digicash.

Der Amerikaner mit dem Pferdeschwanz, einst Professor im kalifornischen Berkeley, ist Experte für Verschlüsselungstechnik. Mit seiner vor sechs Jahren in Amsterdam gegründeten Firma schuf er ein digitales Gegenstück zu Geldnoten und Münzen, genauso einfach zu benutzen und vor allem völlig anonym.

Die Mark Twain Bank in St. Louis, Missouri, das bislang einzige Geldinstitut, das Chaums Idee umsetzt, wechselt normales Geld in Chaums E-Cash und führt dafür spezielle Girokonten. Das elektronische Geld läßt sich leicht auf der Festplatte jedes Computers speichern und von dort an jede Adresse im Internet versenden - vorausgesetzt, der Empfänger hat die entsprechende Software geladen.

Der Schutz vor Hackern ist nicht nur für Teleshopper und Banken wichtig. Von großer Bedeutung ist die Datensicherheit auch für die wachsende Zahl der Firmen, die das Internet für die interne Kommunikation nutzen.

Einige Marktforscher sehen darin ohnehin das wichtigste Anwendungsgebiet des Netzes. »Die Aussichten für das Konsumentengeschäft«, glaubt etwa Stephen Auditore, »werden gewaltig überschätzt.« Der Chef der kalifornischen Beratungsfirma Zona Research sieht vor allem firmeninterne Vorteile durch das Internet.

Schon jetzt stehen in den US-Firmen 15 Millionen Computer mit Internet-Anschluß, mehr als doppelt so viele wie in den Privathaushalten. Kommunikation über E-Mail ist in amerikanischen Firmen selbstverständlich.

Die Mehrzahl der deutschen Manager dagegen, kritisiert eine von der EU-Kommission in Auftrag gegebene Studie, verschließe vor der technischen Entwicklung die Augen. Wichtige Schlüsseltechniken wie die elektronische Post würden noch viel zuwenig genutzt.

Experten sagen vor allem den sogenannten Intranets eine große Zukunft voraus. Sie verbinden das globale Datennetz mit hauseigenen, nur Mitarbeitern zugänglichen Netzwerken. Für die Firma ist es dann gleichgültig, wo die Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz haben.

In Europa ist Siemens-Nixdorf einer der Vorreiter des Intranet-Konzepts. Über diese Netze können Ingenieure an verschiedenen Orten billiger und effektiver als bisher gleichzeitig an Entwürfen für neue Produkte arbeiten. Forschungslabors suchen in externen Datenbanken und Patentämtern nach Lösungen für bestimmte Probleme, Manager tauschen Termine aus, und jeder kann im Netz an elektronischen Pinnwänden Nachrichten hinterlassen.

Spürbare Entlastung für die Firmen können die Intranets im Kontakt mit den Kunden bringen. So richtete die US-Firma Federal Express, der weltweit größte private Kurierdienst, Ende 1994 eine Internet-Auskunft ein. Statt beim Servicebüro anzurufen, können die Kunden nun selbst feststellen, wo sich ihre Sendung gerade befindet.

Mit 12 000 Abfragen pro Tag ist die Kurierstelle eine der gefragtesten Anlaufstellen im Internet, obwohl die Recherche von Europa aus sehr teuer ist. Geschätzte Ersparnis für Federal Express: zwei Millionen Dollar im Jahr.

Sichere Intranets sind auch die Voraussetzung, um die von Ökonomen und Wirtschaftsplanern geforderten Arbeitsplätze für Teleworker schaffen zu können. Zwei Drittel der deutschen Chefs, so das Ergebnis einer Umfrage der Unternehmensberatung Roland Berger, halten die Telearbeit für einen »wichtigen Wettbewerbsfaktor der Zukunft«. Doch bislang haben in Deutschland erst einige zehntausend Angestellte ihre Arbeitsplätze am Computer zu Hause.

Mit mehr Telearbeit würde nicht nur der Berufsverkehr entlastet, die Unternehmen könnten zudem beachtliche Summen sparen. Gleichzeitig seien, so das Ergebnis einer Expertengruppe im Zentralverband der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie, »erhebliche Beschäftigungsimpulse« bei Netzwerkbetreibern und Softwareherstellern zu erwarten.

Schließlich würden die Telearbeiter, meinen die Experten, »mit Sicherheit eher als andere Bevölkerungsgruppen auf neue elektronische Dienstleistungen wie Telebanking« und Online-Dienste zurückgreifen. Da schließt sich dann der Kreis, die Wirtschaft schafft sich ihre eigenen Kunden.

Doch »ein bißchen Skepsis ist angebracht«, sagt Internet-Experte Clifford Stoll. Wie keine andere Branche, weiß der US-Kritiker, der immer noch begeistert durch den Datenkosmos surft, »lebt die Computerindustrie von Versprechungen«.

Der Kanadier Robert Peterson hat noch die Versprechungen vom papierlosen Büro im Ohr. »Das Vermächtnis der Informationstechnologie aus den vergangenen 30 Jahren«, sagt der Chef der Imperial Oil in Toronto, »besteht zum größten Teil aus unerfüllten Erwartungen.«

Zu den Skeptikern zählt auch Hartmut Hellweg. »Die Euphorie um das Internet wird im Chaos enden«, fürchtet der Mitbegründer der westfälischen Computerfirma Peacock.

Das hindert Peacock allerdings nicht daran, als eine der ersten Firmen einen speziellen Internet-PC, der an jeden Fernseher angeschlossen werden kann, zum Preis von 1000 Mark auf den Markt zu bringen. »Wir müssen das liefern, was die Kunden wollen«, sagt der pragmatische Unternehmer, »und im Moment reden alle vom Internet.«

Wie lange die Euphorie anhält, weiß niemand. Doch daß die anfängliche Begeisterung für die Kunstwelt der Bits und Bytes schnell nachlassen kann, hat sogar der unermüdliche Internet-Propagandist Nicholas Negroponte erfahren.

Der US-Wissenschaftler ließ sich schon vor 15 Jahren, damals noch mit einer Sondergenehmigung, einen Internet-Anschluß zu seinem Ferienhaus auf einer griechischen Insel legen. Schon auf seinem Laptop wollte er die Washington Post und das Wall Street Journal lesen können.

Inzwischen, sagt Negroponte, »finde ich das schrecklich langweilig«. Lieber wartet er auf die gedruckten Ausgaben der US-Zeitungen, auch wenn sie erst vier Tage später kommen. Negroponte: »In der Zeitung zu schmökern, hat einfach eine andere Qualität.« *HINWEIS:

Im nächsten Heft Das Internet verändert Recht und Politik: Der Kampf um die Meinungsfreiheit - Cyberpolizisten auf Verbrecherjagd - Bürgernetze und Behördenservice - Kommt die virtuelle Demokratie?

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Internet: Umsätze

Umsatzprognosen für Multimedia-Einrichtungen in Europa

Umsatzprognose für Server-Software

Online-Dienste - Kosten

Telearbeit - Anzahl der Telearbeiter

Jahresgehälter von Programmierern 1994

Bezahlen Online - zwei Methoden

Online-Geschäfte

[GrafiktextEnde]

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