GOLFKRIEG Good bye
Ronald Reagan wußte nur, was er am Mittwoch in der »New York Times« dazu gelesen hatte: »Die Schuld wird dort den Leuten im Kommandoraum gegeben«, so der Präsident, mehr könne er mangels Informationen auch nicht sagen.
Genau einen Monat nach dem Abschuß des iranischen Airbus A-300 über der Straße von Hormus, bei dem 290 Menschen starben, bewies aber nicht nur Reagan, daß es ihm diesmal an Feingefühl oder einfach nur an Mut fehlte.
George Bush, sein möglicher Nachfolger als Präsident und Oberster Befehlshaber der US-Streitkräfte, wollte zunächst gar nichts zu dem Verdikt sagen, das in einem über 1000 Seiten dicken Untersuchungsbericht der U.S. Navy ausgebreitet wurde. Danach, so hatte die »New York Times« enthüllt, trifft Amerikas stolze Marine die alleinige Verantwortung für das Blutbad am Golf - wegen »menschlichen Versagens« an Bord des Raketenkreuzers »Vincennes«, der den Airbus am Morgen des 3. Juli mit zwei Luftabwehr-Raketen abgeschossen hatte.
Erstellt wurde der geheime Bericht von einem sechsköpfigen Team unter Leitung des Konteradmirals William M. Fogarty, der fast vier Wochen an Bord der »Vincennes« recherchiert und dabei Magnetbänder mit den Radaraufzeichnungen geprüft sowie die Crew des Lageraumes verhört hatte.
Fogartys Fazit, wie es sich letzte Woche darstellte, ist beklemmend: Danach war die Bedienungsmannschaft des ultramodernen Schlacht-Management-Systems »Aegis«, das mit Batterien von Radar- und Computeranlagen bestückt ist, überfordert. Sie hatte richtige Angaben des Kampfnetzwerks falsch interpretiert, weil sie unter schwerstem Psycho-Streß gestanden habe - Minuten vor dem fatalen Schießbefehl waren das Schiff, sein Kommandant Will C. Rogers III. und die Besatzung zum erstenmal in ein Gefecht, und zwar mit iranischen Rennbooten, verwickelt worden.
»Mit 'Aegis'«, sagte ein Mitglied des Untersuchungsteams dem Washingtoner Militärexperten Norman Black, »gab es keine Probleme, keine Störung.« Das System habe auf keine bedrohliche Absicht der iranischen Verkehrsmaschine hingedeutet.
Trotzdem handelte die Kommandoraum-Crew anscheinend wie losgelöst von ihren Konsolen, Sichtschirmen und Rechnern. »Irrtümlich«, heißt es in der vorigen Montag verschickten Fassung des Berichts, hätten die Radar-Maate von Anfang an geglaubt, daß es sich bei dem in Bandar-e Abbas gestarteten Airbus um ein Feindflugzeug handele.
Sie hatten ihn offenbar mit einer »Hercules«-C-130-Transportmaschine der iranischen Luftwaffe verwechselt, die auf dem Vorfeld des Flughafens von
Bandar-e Abbas stand und deren elektronisches Erkennungssignal von den Lauschsystemen des Kreuzers registriert wurde.
Nur Stunden nach dem Airbus-Abschuß hatte Washingtons offizielle Version noch gelautet, die Unglücksmaschine habe den Ziffernkode eines iranischen F-14-Jägers ausgesendet. Der Vorsitzende des Vereinigten Generalstabs, Admiral William J. Crowe, hatte an dem Tag außerdem behauptet, der Airbus habe sich »vier bis fünf Meilen« außerhalb der Luftstraße nach Dubai befunden.
Dabei, so Crowe, habe sich der Airbus nicht etwa im Steigflug, wie in dieser Phase vorgeschrieben, sondern im raschen Sinkflug in Richtung der »Vincennes« befunden. Ein Sprecher des Pentagon beschrieb die überraschend anmutende Kursänderung als Angriffsmanöver ("attack profile").
Zwar hatten zwei andere US-Kriegsschiffe in der Straße von Hormus, die Fregatten »Elmer Montgomery« ("gleichbleibende Höhe oder steigend") und »John H. Sides« ("definitiv steigend") das Gegenteil gemeldet - und ebenso eine englische Abhörstation im Oman. Politiker und Militärs in Washington ließen sich davon aber nicht beeindrucken.
Noch am 27. Juli behauptete Admiral Carlisle Trost, der Chef des Einsatzstabs der U.S. Navy, der Abschuß des Airbus sei »ohne Zweifel das richtige Ding« gewesen.
George Bush, im Zweiten Weltkrieg als Marinepilot selbst abgeschossen, hielt sogar bis letzten Mittwoch an der hurrapatriotischen Linie fest und erklärte auf Befragen auch noch: »Ein amerikanischer Captain muß das Leben seiner Jungs verteidigen, wenn er und sein Schiff angegriffen werden.«
Dabei wird in dem Report ausdrücklich dargelegt, was die »Elmer Montgomery« und »John H. Sides« berichtet hatten - daß der Airbus in Wirklichkeit gerade im Begriff war, den Steigflug von 12 000 auf 14 000 Fuß, die Reiseflughöhe über den Golf nach Dubai, fortzusetzen. Und anders als von Crowe und »Vincennes«-Kapitän Rogers behauptet, betrug die Geschwindigkeit des Airbus nicht ungewöhnliche 450, sondern nur 350 Knoten (648 Stundenkilometer).
Noch ist nicht bekannt, ob der Bericht etwa die Frage klärt, warum die »Vincennes« den Funksprechverkehr zwischen dem Tower in Bandar-e Abbas (wo die Fluglotsen Unglückspilot Mosen Rezaian »Good bye, have a good flight« wünschten) und Iranair-Flug 655 nicht mithörten. Ungeklärt ist auch, ob es im Kommandoraum des Kreuzers einen gewöhnlichen Flugplan gab, der Flug 655 als reguläre und mit nur drei Minuten Verspätung gestartete Maschine ausgewiesen hätte.
Streß nach einem vergleichsweise harmlosen Scharmützel, mangelnde psychologische Vorbereitung auf eine Kriegszone wie den Persischen Golf, vorangegangene Übungen, die sich auf Bildschirm-Simulationen beschränkten - all das mag zur Entfremdung in der Kunstlicht-Atmosphäre des Kommandozentrums beigetragen haben.
»Streß kann in einer solchen Situation das Denkvermögen ausschalten«, meinte ein Marineoffizier, der schon in Vietnam dabei war, »man sieht nur das, was man sehen will, man hört nur, was man hören möchte.« Nach der Explosion des Airbus, heißt es in dem Untersuchungsbericht, seien Matrosen der »Vincennes« überzeugt gewesen, sie hätten einen Schwenkflügel-Jagdbomber getroffen. Am westlichen Golfufer, in Dubai, gibt es noch eine andere Version zu dem Geschehen. Die »Vincennes« hatte nur drei Tage vor dem Zwischenfall die Fensterscheiben in der Wüstenmetropole klirren lassen, als Captain Rogers die gesamte Mannschaft auf dem Deck antreten und mit den Bordgeschützen Salutsalven schießen ließ. Es ging ihm darum, die amerikanische Fregatte »Samuel B. Roberts« zu verabschieden.
Das Kriegsschiff war von einer Mine schwer beschädigt worden und sollte nun, an der »Vincennes« vorbei, von einem holländischen Spezialschiff in Richtung Straße von Hormus und aus dem Golf geschleppt werden.
»Das Salutschießen war neu hier«, erinnert sich ein Schiffahrtsmanager, »wahrscheinlich kam später zu der Konfusion auf der 'Vincennes' auch Schießwütigkeit hinzu.«