Gott erhalt's
Die Vorliebe, zu feierlichen Veranstaltungen mit weißer Tennishose, kaffeebraunem Sakko, und knallroter Krawatte zu erscheinen, ist nicht die einzige Extravaganz, die Dr. Karl Felix Koch in der Pfalz bekanntgemacht hat. Auch daß er als Entnazifizierungskommissar in Pullover, Trainingshose und Pantoffeln zu den Verhandlungen erschien, nahmen die Pfälzer dem Elsässer weniger übel, als die Tatsache, daß er die treibende Kraft des pfälzischen Separatismus ist.
Er ist nicht mehr Entnazifizierungskommissar, und er ist auch nicht mehr Oberregierungsvizepräsident der Pfalz, die im Land Rheinland-Pfalz ein verwaltungstechnisches Eigenleben führt, sondern er steht in der Wirtschaft seiner Mutter in dem kleinen Weinörtchen Edenkoben hinter der Theke. Dort hat er auch als Bürgermeister ausgedient. Seine Berechtigung, den Doktor-Titel zu führen, ist noch nicht einwandfrei geklärt, und als er nach seiner Entlassung aus dem Verwaltungsdienst einen Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der Universität Mainz übernehmen sollte, erklärten die Studenten, sie würden in Streik treten.
Aus der Unpopularität seiner Bestrebungen macht sich der 46jährige, der nach dem Zusammenbruch plötzlich in der Pfalz auftauchte, gar nichts. »Solange ich nicht im Panzerwagen fahren muß, geht es noch an, und notfalls werde ich eine französische Division heranholen.« Seine Mitarbeiter sind Dr. Opitz, dessen, Rheinische Union nach einer wenig gesegneten Tätigkeit in der britischen Zone platzte, und ein greiser Druckereibesitzer namens August Bley, der schon 1923 unter dem 1924 in Pirmasens erschossenen pfälzischen Separatistenführer Heinz Orbis Minister war.
Die Ziele der pfälzischen Separatisten sind die gleichen wie nach dem ersten Weltkrieg: sie wollen eine autonome Pfalz ausrufen, und wenn sich die wirtschaftliche Lebensunfähigkeit dieses politischen Kretins herausgestellt hat, den Weg der Saar gehen. Offizielle französische Hilfe haben die Separatisten nicht. Doch gibt es noch den einen oder anderen Offizier, der sich aus dem Umgang mit den französischen Generalen Girard und Magin, die nach dem Weltkrieg den Separatisten mit Wohlwollen begegneten, einige Erfahrungen bewahrt hat. Paris hatte allerdings schon damals den Bestrebungen, einen lebensunfähigen Pufferstaat zu konstruieren, seine Hilfe versagt.
Die separatistische Bewegung führt noch keinen offenen Agitationsfeldzug, sondern zieht vorerst nur politisches Treibholz an sich, Leute, die Kriegsgewinn oder ihre politische Vergangenheit zu verbergen haben. Die Werbebüros tarnen sich einst weilen noch. In Neustadt an der Haardt beispielsweise steht auf dem Aushängeschild »Auskunfts- und Vermittlungsbüro«. Wirtschaftlich mächtige Kreise stehen mancherorts den Separatisten nahe, und auch beim Klerus ist die Ablehnung nicht überall einhellig.
Um so deutlicher wurde sie im rheinpfälzischen Landtag dokumentiert. Breit und ernst im feierlichen blauen Anzug, stand Ministerpräsident Peter Altmeier bei der letzten Sitzung im Koblenzer Rathaussaal und las Wort für Wort seine Erklärung vom Blatt. Von der Not des Landes und den Kartoffeln sprang er ohne Uebergang und anfangs ohne Betonung auf die besonderen innenpolitischen Verhältnisse über: Es bestehe im Rahmen einer vorgesehenen Verwaltungsvereinfachung für das französische Besatzungsgebiet die Möglichkeit einer pfälzischen Selbstverwaltung. Und dann kam es Schlag auf Schlag: Entrüstung und Abscheu über Umtriebe separatistischer Landesverräter; schärfstes Einschreiten gegen separatistische Wühler in öffentlichen Aemtern; gegen Gewalt die stärkere Gewalt; Separatismus ist Kriegserklärung an die Demokratie und eine Belastung der Verständigungsbereitschaft. Der Landtag vertraue darauf, daß die Militärregierung die Spekulation einer Clique von Abenteurern enttäuschen werde.
Kurze Pause, kurze Beratung, dann einmütige Erklärung aller Fraktionen von links bis rechts gegen die Separatisten. Für die CDU sprach Dr. Heberer. Erstaunte Gesichter in den Abgeordnetenreihen: Dr. Heberer und nicht der Fraktionsvorstand Dr. Zimmer? Will die eigene Fraktion Dr. Heberer festlegen, da man bei dessen Föderalismus ein gewisses Unbehagen empfand? »Rheinland-Pfalz. Gott erhalt's«, waren die pathetisch-lauten Schlußworte des untersetzten Pfälzers mit dem Spitzbart.
Der pfälzische Oberregierungspräsident Bögler, der in Neustadt präsidiert und in Mainz die sozialdemokratische »Freiheit« mit herausgibt, erklärte, er habe beruhigende Zusicherungen von den französischen Behörden. Der 45jährige emigrierte 1933 nach Frankreich. Er kennt das französische Volk und sucht die Verständigung. Aber er ist gegen Separatismus.
Gewalt gegen Gewalt Peter Altmeier sprach vom Blatt