GOTTES EIGENES KONZIL
2. Fortsetzung
Als urn 800 nach Christus Westeuropa seine weltgeschichtliche Rolle zu übernehmen begann, konnten sich die römischen Bischöfe bereits darauf berufen, daß ihr geistiger Führungsanspruch über mehrere Jahrhunderte alt sei. Gestützt auf die Dogmen, welche die großen Konzilien des christlichen Altertums definiert hatten, bewährt und gestärkt im Kampf mit den weltlichen Gewalten des römischen Imperiums, nahmen die Päpste seit Beginn der abendländischen Geschichte eine durch Tradition gefestigte Stellung ein.
Von dieser Stellung her traten sie den neuen Machthabern, Völkern und Menschen im Westteil des alten römischen Reiches als Mahner und Richter gegenüber. Ihr Anspruch auf geistige Führung spielte oft in die Politik hinüber.
Mit diesem Anspruch der Kirche auf die Führung der Völker wurde das Christentum zur bestimmenden geistigen Kraft in Europa. Indem die Päpste diesen Anspruch mißbrauchten, um selber zu absoluter weltlicher Macht zu gelangen, bereiteten sie dem Christentum Niederlagen.
Indes, welchen Demütigungen von außen und welchen Verirrungen im Innern die Kirche im Verlauf der abendländischen Geschichte auch immer unterworfen war, bewundernswert bleibt, wie die Päpste den Anspruch auf geistige Führung länger als ein Jahrtausend verteidigten:
- zwischen 800 und 1300 gegen die
fränkischen und deutschen Kaiser,
- zwischen 1300 und 1400 gegen den
französischen König,
- zwischen 1400 und 1500 gegen die
Konzilien,
- zwischen 1500 und 1650 gegen die
religiösen Bewegungen der Reformation und
- zwischen 1650 und heute gegen außerkirchliche und revolutionäre, schließlich atheistische Ideologien, wie zum Beispiel den Kommunismus.
Der erste bedeutende Gegner in diesem tausendjährigen Duell zwischen Geist und Macht war das deutsche Kaisertum, das mit Otto dem Großen begann.
Otto, ein Sachsenfürst, hatte sich 962 in Rom durch Papst Johannes XII. zum Kaiser krönen lassen. Das Papsttum befand sich damals in einem Zustand, den die Geschichtsschreibung derb, aber treffend eine »Pornokratie«, eine Dirnenherrschaft, genannt hat. Das Papsttum war zur Beute sittenloser Adelsgeschlechter, teils germanischen, teils römischen Ursprungs, geworden.
Ein verderbtes Weib, die römische Aristokratin Theodora, besetzte den Papstthron mit ihren Geliebten. Ihre Tochter Marozia war die Konkubine des Papstes Sergius III. (904 bis 911). Papst Johannes XI. (931 bis 935) war der Sohn der Marozia.
Papst Johannes XII. (955 bis 964), der Otto den Großen zum Kaiser krönte, war ein Enkel der Marozia. Er war mit 19 Jahren Papst geworden, lebte mit seinen Schwestern in Blutschande und pflegte bei seinen Saufgelagen in der Engelsburg Trinksprüche auf den Teufel auszubringen.
Die Päpste der »Pornokrabie« finanzierten ihr Leben, indem sie einträgliche Bischofssitze, Klöster und andere Pfründen an Freunde verkauften. Oft häufte einer dieser Günstlinge mehrere Pfründen an. Ämter-Anhäufung und »Simonie' (Ämter-Handel) erregten bis zur Gegenreformation die Gemüter, und die Geschichte des Mittelalters ist voll von Versuchen, die Kirche von dieser Schmach zu befreien. Der Kampf gegen die Simonie bildete noch zu Luthers Zeiten einen Punkt der großen Reform der Kirche »an Haupt und Gliedern«, die damals von aller Welt gefordert wurde.
Angesichts dieser römischen Dirnenwirtschaft faßte Otto der Große einen Plan, der in seinen wesentlichen Punkten mit dem Plan übereinstimmte, den 600 Jahre zuvor der antike Kaiser Konstantin der Große zu verwirklichen getrachtet hatte.
Indem Otto sich zum Kaiser krönen ließ, erhob er den Anspruch, Herr der Kirche zu sein - ein Anspruch, der angesichts der Verkommenheit des Papsttums mehr als plausibel war. Jedermann verlangte nach einer Reinigung der römischen Kirche, und Otto stellte sie in Aussicht.
Gleichzeitig aber wollte Otto die sittlich reformierte Kirche, insbesondere deren Episkopat, zum Instrument seiner kaiserlichen Macht entwickeln. Hatte sich Ottos Vater, Heinrich I., bei der Regierung auf die eigennützigen Stammesherzöge und einen freilich schwächlichen Grafenstand stützen müssen, so hoffte Otto, in den Bischöfen einen Stand zu finden, der ihm bei der Verwaltung des Reiches dienstbar sein würde. Er stattete die Bischöfe mit weltlichen Lehen auf Lebenszeit aus und vergab an sie die Regalien, die den Grundstein für die geistlichen Territorial-Fürstentümer legten.
So fühlte Otto sich auch berechtigt, Bischofssitze und andere geistliche Ämter kraft seiner kaiserlichen Würde auf Lebenszeit zu verleihen. Das war das Gewohnheitsrecht der Investitur, das dann in späterer Zeit das Kern -Problem des Kampfes zwischen Kaisertum und Papsttum bilden sollte.
In der Tat ging es bei diesem Kampf für Kaisertum und Papsttum um grundsätzliche Entscheidungen. Indem Otto die Bischöfe zu Reichsbeamten auf Lebenszeit machte, war es für ihn und seine Nachfolger unerträglich, daß der Papst bei der Investitur der geistlichen Reichsfürsten mitwirkte. Eine Verwaltung mit zwei obersten Instanzen, die völlig verschiedene Interessen haben, ist eine Unmöglichkeit.
Andererseits: Akzeptierten die Päpste das Investitur-Recht des Kaisers, so verzichteten sie de facto auf die Durchsetzung christlicher Ideen in der politischen Wirklichkeit. Es war klar, daß ausschließlich vom Kaiser eingesetzte Reichsbischöfe schnell verweltlichen und der Führung der Kirche entgleiten würden.
Ottos Kurienreform - er setzte Papst Johannes XII. ab - scheiterte nach vorübergehenden Erfolgen. Das Papsttum versank erneut in Korruption: Die Papstwürde wurde käuflich. Erst dem salischen Kaiser Heinrich III. (1039 bis 1056) gelang, eine nachhaltige Reform des Papsttums einzuleiten. Er ließ 1046 eine Synode nach Sutri in Italien einberufen und ließ als Herr der Kirche drei miteinander konkurrierende Päpste von der Synode für abgesetzt erklären.
Unter Heinrich III. hatte das deutsche Kaisertum einen Höhepunkt seiner Macht und seines Ansehens erreicht: eine Position, die der des antiken Kaisers Konstantin ähnelte.
Nach Heinrichs Reinigungs-Akt regierten in Rom nacheinander fünf deutsche Päpste. Mit ihnen begann das Reform -Papsttum, mit ihnen begann aber auch eine Entwicklung, die schließlich zum Zusammenbruch des deutschen Kaisertums führen sollte.
Das Reform-Papsttum verhinderte, daß sich der Anspruch der deutschen Kaiser auf absolute Vorherrschaft durchsetzte. Die Päpste trugen dadurch dazu bei, daß in Europa im Widerstreit der weltlichen Gewalten Raum für geistige Auseinandersetzungen blieb.
Die christlichen Klöster waren damals die einzigen Pflanzstätten geistigen Lebens in Westeuropa. Von ihnen gingen die ersten Impulse der europäischen Kultur aus. Durch sie lernten die barbarischen Völker neben der antiken Philosophie und frühen christlichen Theologie neue handwerkliche und landwirtschaftliche Techniken kennen. Aus den Klöstern kam auch jene Reformbewegung, der dann von deutschen Päpsten zum Durchbruch verholfen wurde.
Das durch Heinrich moralisch gefestigte Papsttum erneuerte den alten Anspruch auf die absolute Jurisdiktionsgewalt der römischen Bischöfe über die ganze Christenheit.
Ausgehend von der Auffassung, daß Auftrag der Kirche sei, die Welt christlich zu machen, begriffen sich die Reform-Päpste als oberste Richter der Welt und den Kaiser als einen Beamten des Apostolischen Stuhls. Das von den deutschen Kaisern seit Otto dem Großen ausgeübte Recht, Päpste ein- und abzusetzen, war für die Reform-Päpste unerträglich, obwohl sie die Nutznießer eben dieses Rechtes gewesen waren: Ohne die Absetzung dreier Päpste durch Heinrich III. hätte es wahrscheinlich kein Reform-Papsttum gegeben.
Der bedeutendste der Reform-Päpste war Gregor VII., ein dämonischer Mann, den der Theologe Petrus Damiani den »heiligen Satan« nannte. Gregor (1073 bis 1085) bereitete dem deutschen Kaisertum seine erste große Niederlage.
Zwischen Gregor und Heinrich IV., dem Sohn Kaiser Heinrichs III., kam es wegen des Investitur-Rechts zum Konflikt. Gregor verstieß schließlich den deutschen König aus der Kirche und setzte ihn ab. Die deutschen Fürsten nutzten die Gelegenheit, um von Heinrich abzufallen.
Im Winter 1076/1077 pilgerte daraufhin Heinrich nach Italien, um die Aufhebung des Bannes beim Papst zu erwirken. An drei Tagen stand er barfuß, ein Büßerhemd über der Rüstung, in Schnee und Eis auf dem Burghof von Canossa, bis endlich Gregor ihn wieder in die Kirchengemeinschaft aufnahm.
Das war knapp 20 Jahre nachdem Heinrichs Vater zu Sutri drei unwürdige Päpste aus dem Amt entfernt und dem Papsttum zu moralischer Erneuerung verholfen hatte. »Das ganze Universum«, triumphierte Gregor, »muß der römischen Kirche gehorchen und sie verehren.«
Der Kampf um die Investitur ging jedoch nach dieser Demütigung des deutschen Kaisertums weiter. Zwar kam es im Wormser Konkordat (1122) zu einem Kompromiß zwischen Kaisertum und Papsttum - wonach beide Mächte bei der Einsetzung von geistlichen Würdenträgern zusammenwirken sollten -, indes, auch diese Absprache erwies sich nicht als dauerhaft. Unter den Hohenstaufen-Kaisern (1138 bis 1254) flammte der Kampf um die Investitur wieder auf.
Die Päpste stützten sich dabei auf eine Theologie, die den Anspruch auf christliche Lebensgestaltung, den Anspruch der Päpste auf Weltherrschaft, schärfer denn je formulierte. Der große Theologe Bernhard von Clairvaux (gestorben 1153) hatte proklamiert: Wer »dem Herren Papst« widerspreche, der widerspreche dem Herrgott selbst.
Gürten soll er (der Papst) sich mit dem Schwert«, schrieb Bernhard, »um Vergeltung zu üben an den Geschlechtern, um die Völker zu schelten, die Könige zu binden mit Fußfesseln - und die Edlen mit eisernen Handschellen; den Fürsten soll er vorsitzen, den Bischöfen befehlen, über Königreiche und Kaisertümer hat er zu verfügen.«
In den Worten des Heiligen ist ein christlich-revolutionärer Affekt gegen die weltliche Gewalt, gegen Kaiser und Könige, Adel und sogar gegen das verweltlichte Prälatentum spürbar. Es war die Zeit, da in Europa die ersten Armutsbewegungen auftauchten, die sich gegen die weltlichen Gewalthaber, aber auch gegen den Reichtum der Diener Christi, der Bischöfe und Prälaten, empörten.
Bernhard hatte den Papst zum Beherrscher der Welt ausgerufen, und die Päpste griffen seine Lehre gerne auf, freilich ohne das asketische Lebensideal des Heilligen zu verwirklichen.
Papst Innozenz III. (1198 bis 1216) bannte Kaiser und Könige, setzte sie ab und ein, ließ sich von den Königen von England, von Aragon und von Sizilien den Lehnseid schwören und billigte die Vertreibung des griechisch-orthodoxen Kaisers aus Konstantinopel, wo die Kreuzfahrer auf dem Vierten Kreuz« zug im Jahre 1204 ein römisch-katholisches Kaiserreich errichtet hatten.
Doch schon unter Innozenz III. wurde deutlich, daß das Papsttum sich mit dem Anspruch auf eine geistliche Weltherrschaft übernommen hatte.
Innozenz mischte sich in die deutschen Thronfolge-Streitigkeiten ein, die entstanden waren, nachdem der Hohenstaufen-Kaiser Heinrich VI. im Alter von 32 Jahren 1197 gestorben war. Der Papst wollte verhindern, daß wiederum ein Hohenstaufe Kaiser wurde. Er fürchtete, daß die Hohenstaufen - von Oberitalien und Sizilien aus - das Papsttum von Norden und Süden umklammern und dessen Handlungsfreiheit aufheben würden. Er begünstigte deshalb den Welfen Otto von Braunschweig im deutschen Bürgerkrieg um die Königs- und Kaiserwürde.
Indes, Otto war kaum im Jahre 1209 durch des Papstes Hilfe Kaiser geworden, als er sich auch schon gegen Innozenz wandte. Der Papst bannte daraufhin Otto und bewog die deutschen Fürsten, nun den Hohenstaufen Friedrich, Sohn des Kaisers Heinrich VI., Enkel Friedrich Barbarossas, zum neuen König zu wählen. 1215 erkannte Innozenz Friedrich II. als Kaiser an und führte damit eben jene Konstellation herauf, die er zuvor so sehr gefürchtet hatte: die Umklammerung Roms von Süd und Nord durch ein Herrscherhaus, das neben seinem schwäbischen Herzogtum das Reich und das Königreich beider Sizilien beherrschte.
Innozenz starb im Jahre 1216. Er hinterließ seinen Nachfolgern einen ins Übermäßige gesteigerten Anspruch auf Weltherrschaft und eine heikle Lage. Über drei Jahrzehnte lang wogte der Kampf zwischen Kaiser Friedrich II. und den Päpsten hin und her.
Papst Innozenz IV. schloß den Kaiser 1245 aus der Kirche aus und entsetzte ihn seines Amtes. Indes, die Waffen des Papsttums waren durch - allzu ausschweifenden Gebrauch stumpf geworden. Eine Entscheidung blieb aus. Sie fiel erst, als Friedrich 1250 starb und in Deutschland ein langer Thronfolgestreit das kaisertum entmachtete.
Friedrichs Enkel Konradin versuchte zwar, seine Ansprüche auf Unteritalien geltend zu machen, geriet aber in die Gefangenschaft des neuen Königs beider Sizilien, Karl von Anjou, den der Papst mit Sizilien belehnt hatte. 1268 wurde Konradin in Neapel hingerichtet.
Auch das deutsche Kaisertum hatte sich an einer allzu großen Aufgabe übernommen. Mit Konradins Tod war der Kampf zwischen den Hohenstaufen und dem Papsttum zu Ende. In Deutschland begann 1254 das »Interregnum«, die »kaiserlose, die schreckliche Zeit«,
Im Kampf zwischen Papsttum und deutschem Kaisertum hatten die Konzilien kaum eine Rolle gespielt. Zwar fanden zwischen der Jahrtausendwende und dem Beginn des deutschen Interregnums fünf Konzilien statt, die heute als ökumenisch« gelten, doch bei den zentralen Fragen der damaligen Welt hatten sie kein entscheidendes Wort mitzureden.
Das erste Lateran-Konzil, 1123 (das erste Konzil im Abendland und das neunte in der Reihe der ökumenischen Konzilien), fand in Rom im damaligen päpstlichen Palast, dem »Lateran«, statt. Es war vor allem einberufen worden, um seine Zustimmung zu dem ein Jahr vorher zwischen Papst und Kaiser geschlossenen Wormser Konkordat einzuholen.
Dem ersten Lateran-Konzil folgten noch drei mit gleicher Bezeichnung, -nämlich
- 1139 (Einberufer: Papst Innozenz II.),
- 1179 (Einberufer: Papst Alexander
III.), .
- 1215 (Einberufer:Papst Innozenz III.).
Auch diese Konzilien trafen, jedenfalls was die brennendsten politischen Zeitfragen anging, keine wesentlichen Entscheidungen.
Es folgte 1245 das Erste Konzil von Lyon (das 13. ökumenische Konzil). Der vor Kaiser Friedrich II. aus Rom geflohene Innozenz IV. hatte es einberufen, um den Kaiser feierlich seines Amtes zu entsetzen. In seiner Eröffnungsrede warf Innozenz dem Kaiser vor, er pflege freundschaftliche Beziehungen mit islamischen Fürsten, habe viele Eide gebrochen, sei überhaupt ein Ketzer und unterhalte einen Harem sarazenischer Mädchen.
Auf den letzten Vorwurf erwiderte der kaiserliche Konzil-Gesandte Thaddäus von Suessa: Der Kaiser halte die Sarazeninnen nicht zum Beischlaf, sondern weil sie ihn durch ihre Künste erheiterten.
Das Konzil setzte den Kaiser ab, ohne jedoch diesen Beschluß durchsetzen zu können.
Wenn diese Konzilien auch für die hohe Politik der damaligen Zeit keine übermäßige Bedeutung hatten, so spiegelte sich in ihnen doch das Heraufkommen neuer Mächte: fanatischer, religiöser Volksbewegungen, die das Recht der Verwirklichung christlicher Gedanken in die eigenen Hände nehmen wollten, weil Papst und Kaiser, Geistlichkeit und Adel sich in eitlen Machtkämpfen zerfleischten, in Korruption versanken und so ihr Christentum immer mehr an Glaubwürdigkeit einbüßte.
Auf dem zweiten Lateran-Konzil wurde Arnold von Breseia, der Führer einer christlich-anarchistischen Armutsbewegung in Italien, zu »ewigem Schweigen« verurteilt. (Arnold wurde dann 1155 in Rom öffentlich gehängt und verbrannt.)
Das dritte Lateran-Konzil erließ Bannsprüche gegen die sogenannten Katharer, eine moralisch rigorose Volksbewegung.
Das vierte Lateran-Konzil schließlich unterstützte sogar einen Kreuzzug gegen die Katharer, der große Teile Südfrankreichs verwüstete. Auf dem vierten Lateran-Konzil wurde ferner die Lehre des Abtes Joachim von Fiore verworfen, der die Heraufkunft eines Zeitalters des Heiligen Geistes prophezeit hatte, das ein Zeitalter völliger Freiheit sein sollte. Joachims Lehre hatte wie die der Katharer und anderer Armutsbewegungen bereits sozialrevolutionären Beigeschmack.
Indessen, noch hatte die Stunde der revolutionären, zunächst christlichen und später atheistischen Volksbewegungen nicht geschlagen.
Unberührt von den Auseinandersetzungen zwischen Kaiser und Papst hatten sich die nationalen Königreiche Westeuropas, insbesondere das französische, gefestigt. Der französische König war es denn auch, der dem Papsttum
- gerade als es sich angesichts des Zusammenbruchs des deutschen Kaisertums auf dem Höhepunkt seiner Macht glaubte - einen nahezu tödlichen Stoß versetzte.
Von 1294 bis 1303 residierte in Rom Papst Bonifaz VIII. Als im Jubeljahr 1300 Zehntausende von Pilgern aus aller Welt in Rom zusammenströmten und die Kirchen und Kassen Roms füllten, zeigte sich Bonifaz den jubelnden Gläubigen abwechselnd im Ornat des Heiligen Vaters oder im Purpurmantel der antiken Kaiser. »Ich bin Cäsar, ich bin Kaiser«, soll er dabei ausgerufen haben.
Doch eben in jener Zeit begann der Niedergang. Bonifaz verwickelte sich in einen Streit mit dem König von Frankreich, Philipp IV. dem Schönen. Es ging - wie einst im Kampf gegen die deutschen Kaiser - um das Investitur-Recht und vor allem um das Recht des Königs, geistliche Würdenträger zu besteuern.
Bonifaz lud die französische Geistlichkeit zu einer Synode nach Rom ein, drohte dem französischen König mit Absetzung und erließ schließlich am 18. November 1302 eine Bulle, das wohl berühmteste Sendschreiben, das jemals ein Papst erlassen hat: die Bulle »Unam sanctam"*.
In dieser Bulle formulierte Bonifaz in hochfahrender Weise den Anspruch der Päpste darauf, die Welt im Namen Christi zu regieren: »Es muß aber... die weltliche Autorität der geistlichen unterworfen sein ... Die (göttliche) Wahrheit bezeugt nämlich, daß die geistliche Gewalt die zeitliche einzusetzen und über sie zu urteilen hat, wenn sie nicht gut ist ... Wer immer daher dieser (geistlichen) Gewalt widerstrebt, der widerstrebt der Anordnung Gottes.«
Der Anspruch, den Bonifaz in seiner Bulle erhob, war keineswegs neu. Schon die Päpste des christlichen Altertums und die großen Reform-Päpste des Mittelalters hatten ihn erhoben, aber die Zeiten waren vorüber, da dieser Anspruch Glauben fand.
So hatte es denn auch Philipp von Frankreich nicht mehr nötig, wie einst die deutschen Kaiser mit einem Heer über die Alpen zu ziehen. Er verspottete vielmehr den Papst, indem er von seinen Hofjuristen behaupten ließ, Bonifaz sei homosexuell und müsse einen »Hausteufel« haben, denn da er sich für unfehlbar halte, sei anzunehmen, daß er sich diese Fähigkeit durch Zauberei erworben habe.
Schließlich schickte Philipp einen schneidigen Höfling nach Italien, der den Papst ohne viel Umstände verhaftete. Zwar gelangte Bonifaz wieder in Freiheit, aber kurze Zeit danach starb er an der erlittenen Aufregung.
Mit dem Tode des Papstes Bonifaz VIII. war das mittelalterliche Papsttum zu Ende gegangen. Der Gedanke einer päpstlichen Weltmonarchie, wie ihn Gregor VII. und Innozenz III. zu verwirklichen getrachtet hatten, war gescheitert. Und doch war dies ein großer Gedanke gewesen.
Gegenüber einer Welt des Krieges und der Gewalt hatten die Päpste die christliche Botschaft von einer besseren Welt verkündet, in die jeder Mensch im Glauben an die Erlösung durch Jesus Christus und in der Hoffnung auf die göttliche Gnade eintreten könne. Diese Botschaft war die innerste Begründung des päpstlichen Machtanspruchs im Mittelalter gewesen, das Papsttum aber hatte sich bei der Vertretung dieses Anspruchs selber in Gewalt und Krieg verstrickt und sich allzuweit von jener Botschaft entfernt.
Es gab damals in der Kirche viele Theologen, die eine Rückbesinnung auf die Botschaft forderten. Aber ehe sie gehört wurden, machte das Papsttum eine lange Zeit der Krise durch.
Sechs Jahre nach dem Tode des Bonifaz verlegte Papst Clemens V. unter französischem Druck seine: Residenz in die: frazösische Provinzstadt Avignon. Dieses »Babylonische Exil« des Papsttums dauerte von 1309. bis 1377, aber auch später noch residierten in Avignon Päpste, wenngleich zur selben - Zeit in Rom konkurrierende Päpste ihres Amtes walteten. Am Ende gab es sogar drei Päpste.
Erst das Konzil von Konstanz (1414 bis 1418) bereitete der verfluchten Dreiheit« ein Ende. Damit setzte sich eine Richtung durch, deren Ansätze weit zurückreichten: der sogenannte Konziliarismus. Absicht und Tendenz dieser Richtung war, den Papst als obersten Führer der Christenheit durch ein regelmäßig zusammentretendes Konzil zu ersetzen.
Schon in der Karolingerzeit hatten Theologen die Kirche, auf Kirchenvater Augustinus fußend, als eine »universale Gemeinschaft der (im Glauben) Gerechten« aufgefaßt - womit gesagt war, daß Christus seinen Auftrag, die Welt christlich zu machen, nicht dem Papst (als dem Nachfolger Petri), sondern der Gemeinde der Gläubigen selbst übereignet habe.
Im 14. Jahrhundert bauten deutsche Professoren in Paris diesen Standpunkt weiter aus. Die Konziliaristen stützten sich dabei auch auf die Christusworte, über die im Matthäus-Evangelium, Kapitel 18, Vers 20, berichtet wird: »Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, so bin ich mitten unter ihnen.«
Die deutschen Theologen in Paris forderten für das Konzil das Recht, »über das allgemeine Wohl (der Christenheit) zu beraten«, und verlangten, daß im Konzil die Teile, Staaten und Stände der Christenheit durch autorisierte Personen vertreten sein müßten. Letztlich, wenn auch selten radikal ausgesprochen, lief der Konziliarismus darauf hinaus, das Papsttum zu entmachten und es einem kirchlichen Welt-Parlament zu unterstellen - und schon die Formulierungen der deutschen Theologen ließen erkennen, daß es innerhalb dieses Parlaments soziale und nationale (ständische und staatliche) Parteien geben sollte.
Selbstverständlich hing dieser Angriff auf die Position des Papsttums eng mit dessen Verfall nach dem Tode des Papstes Bonifaz zusammen. Das Papsttum war als überstaatliche Instanz nicht mehr glaubwürdig, seit es seine Residenz nach Avignon verlegt hatte. Der Verdacht lag nahe, daß die Dekrete der Päpste von Avignon immer auch die Interessen des Königs von Frankreich berücksichtigten.
Diese Konstellation war schon 1311/ 1312 auf einem Konzil sichtbar geworden, das der erste Papst von Avignon, Clemens V., in der kleinen französischen Stadt Vienne veranstaltet hatte. (Das Konzil von Vienne wird heute als das 15. ökumenische Konzil gezählt.)
Philipp IV. hatte kurz zuvor die Güter des außerordentlich reichen Kreuzritter -Ordens der Templer beschlagnahmen lassen. Den Großmeister des Ordens ließ Philipp später hinrichten. Dem Papst und dem Konzil blieb - angesichts der Macht des Königs von Frankreich - nichts anderes übrig, als sich mit diesem brutalen Eingriff in die Rechte der Kirche abzufinden: Clemens V. hob den Orden auf
Dagegen konnte Clemens auf diesem Konzil noch einmal Reform-Tendenzen abwehren, die auf eine Stärkung der Bischöfe gegenüber dem Papsttum hinausliefen.
Die Stellung des Papsttums in der Auseinandersetzung mit dem Selbständigkeitsdrang der Bischöfe wurde jedoch desto schwächer, je mehr das Papsttum zerfiel. Die nach 1378 in Rom und Avignon residierenden Päpste beschimpften und bekämpften einander, warben unter den Fürsten und Bischöfen Europas Anhänger und erließen gegensätzliche Anordnungen.
Es schien unmöglich, diese Päpste, von denen es schließlich drei zugleich gab, als Repräsentanten eines universalen Auftrages zu akzeptieren - eines Auftrages, aufgrund dessen Menschen und Völkern im Namen Christi Erlösung verheißen wurde. Es bedurfte angesichts des Großen Schismas einer Instanz, die das Papsttum reformierte - und diese konnte plausiblerweise nur eine Instanz sein, die über dem Papsttum stand: ein Konzil.
Sämtliche sieben Konzilien des späteren Mittelalters waren von den Päpsten einberufen worden. Der tatsächliche Einberufer aber des nun notwendig gewordenen Konzils war - wie einst in der Antike - wieder ein Kaiser: der deutsche Kaiser Sigismund. Er berief es 1414 nach Konstanz. Es tagte bis 1418, es erzwang den Rücktritt beziehungsweise die Absetzung der drei amtierenden Päpste und machte einen Anlauf, der Kirche anstatt der Päpste ein neues Oberhaupt zu geben, nämlich das Konzil selbst.
In dem Dekret »Sacrosancta Synodus« (Die heilige Synode) erklärte das Konzil 1415, daß es seine Gewalt unmittelbar von Christus habe und daß sogar der Papst dem Konzil zu Gehorsam verpflichtet sei. In einem weiteren Dekret bestimmte das Konzil 1417, daß fortan in regelmäßigen Abständen ökumenische Konzilien einzuberufen seien, und nahm damit ein parlamentarisches Urrecht - nämlich die Periodizität - für sich in Anspruch.
Im übrigen jedoch hatte dieses erste große Weltparlament der europäischen Geschichte eine wenig glückliche Hand. Es verdammte den tschechischen Reformator Johannes Hus, den das weltliche Gericht zum Feuertod verurteilte, und wandte sich so gegen die Kräfte, mit denen es doch, wenn auch noch undeutlich, verbündet war: gegen nationales Selbstbewußtsein und gegen den sich regenden Anspruch des gemeinen Mannes auf Mitredendürfen.
Ein blutiger religiöser Freiheitskrieg, der zugleich den Charakter eines Aufstandes der Tschechen gegen die Deutschen annahm, war die Folge: der Hussitenkrieg.
Auch im Kampf gegen das Papsttum war dem Konstanzer Konzil kein durchschlagende Erfolg beschieden. Das Konzil wählte 1417 den römischen Kardinaldiakon Odo Colonna (Martin V., 1417 bis 1431) zum, neuen Papst. Durch taktisches Finassieren gelang dem neuen Papst, die konziliaren Reformvorschläge, die auf eine Entmachtung des Papsttums hinausliefen, zu entschärfen.
Den Zusammenbruch des Konziliarismus brachte ein Konzil, das während der Regierung Papst Eugens IV. seit 1431 in Basel tagte. Dieses Konzil (das 17. in der Reihe der ökumenischen Konzilien) versuchte, die Leitung der Kirche an sich zu ziehen. Es machte Anstalten, sich als dauerndes Parlament der Kirche einzurichten, vergab in eigener Regie Ämter und Ablässe, setzte Papst Eugen ab und erwählte 1439 den Herzog Amadeus von Savoyen als Felix V. zum Gegenpapst. Schließlich - zweimal von Eugen für aufgelöst erklärt - lief es sang- und klanglos auseinander. Felix V. trat 1449 von seinem Amt zurück.
Letzten Endes war das Baseler Konzil daran gescheitert, daß es in seinem Kampf gegen das Papsttum über keine wirkliche Unterstützung verfügte. Die christlichen Volksbewegungen waren noch nicht stark genug, und die Fürsten Europas waren an einem neuen Schisma nicht interessiert. Statt mit dem Konzil arrangierten sich die Fürsten bequemer mit dem Papst.
Die katholische Geschichtsschreibung betrachtet ein Konzil, das von 1438 bis 1442 in Ferrara und Florenz stattfand, als Fortsetzung des nach seiner Auflösung durch den Papst illegitim gewordenen Baseler Konzils. Es ging hier um den Versuch einer Wiedervereinigung von griechisch-orthodoxer und römisch-katholischer Kirche. Tatsächlich fanden die Kirchenväter aus Ost und West eine Einigungsformel, was dem Papst Eugen IV. als dem Wiedervereiniger der Kirchen damals zu hohem Ansehen verhalf.
Indes, schließlich kam es doch nicht zur Verwirklichung des Florenzer Unions-Dekrets. Die griechische Geistlichkeit wollte der Oberhoheit des Papstes nicht zustimmen, und im Westen fürchtete man die Verpflichtung, dem byzantinischen Kaiserreich gegen die Türken helfen zu müssen. (1453 fiel Byzanz den Türken in die Hände.)
Der Konziliarismus war an der Aufgabe, dem Abendland eine christliche Ordnung zu geben, gescheitert. Die Päpste hatten jedoch aus der Krise ihrer Macht wenig gelernt.
Die Päpste der Renaissance waren mit ihren großen Vorgängern, den Reform-Päpsten des Mittelalters, nicht vergleichbar. Nikolaus V. (1447 bis 1455) widmete sich den schönen Künsten, Calixtus III. (1455 bis 1458) sorgte angelegentlich für seine Sippe, und Pius II. (1458 bis 1464), ein weltmännischer Diplomat und brillanter Rhetor, fand an elegantem Latein und den Gaben dieser Welt mehr Gefallen als an den Gaben des Heiligen Geistes.
Alexander VI. (1492 bis 1503), aus dem spanischen Geschlecht der Borgia, hatte fünf Kinder und war wegen der Ausschweifungen seines Hofes und der sittlichen Verkommenheit seiner Familie berüchtigt. Dennoch war die Autorität des Papsttums noch immer bedeutend. Auf Ersuchen der beiden großen europäischen Kolonialmächte jener Zeit teilte Papst Alexander durch die Festlegung einer Demarkationslinie den amerikanischen Kontinent in zwei Eroberungsgebiete auf, von denen das eine Spanien, das andere Portugal haben sollte.
Julius II. (1503 bis 1513) war ein grimmiger Kriegsmann, und am Hofe Leos X. (1513 bis 1521) aus dem Haus der florentinischen Kunstmäzene, der Medici, blühten die schönen Künste, die Intrige und der Ablaßhandel.
Es war aussichtslos, daß dieses Papsttum der Humanisten und Condottieri, der. Kunstliebhaber, Freigeister und Ablaßhändler den Versuch einer Kirchenreform veranstaltete.
Im Jahre 1512 berief Julius II. nach Rom das fünfte Lateran-Konzil (das 18. ökumenische Konzil) ein. 1517 ging es unter Leo X. zu Ende, selbstverständlich ohne eine Reform bewirkt zu haben. Im letzten Jahr des fünften Lateran-Konzils - am 31. Oktober 1517 - veröffentlichte der deutsche Augustiner -Mönch -Martin Luther in Wittenberg 95 Thesen gegen den gröbsten Mißbrauch des Christentums in jener Zeit: den Ablaß. Unter Papst Julius hatte Luther Rom besucht. Die »große Hure von Babylon«, wie man damals allgemein Rom und Papsttum nannte, hatte er mit eigenen Augen gesehen.
Luther revoltierte gegen die bis dahin gültige kirchliche Ordnung. Auf dem Reichstag zu Worms 1521, der von Kaiser Karl V. einberufen worden war, erklärte der Reformator, er unterwerfe sich in Glaubenssachen weder dem Papst noch einem Konzil. Er schrieb, daß »der arme geringe Pfarrher zu Hippon, S. Augustinus, mehr geleret hat, weder (als) alle Concilia«. An Stelle von Papst und Konzil proklamierte er das persönliche Gewissen als oberste Instanz: »Ich will mehr sagen. Es ist in dem kinderglauben mehr gegeben, weder (als) in allen Concilien.«
Wenngleich Luther schließlich auch die Notwendigkeit von Konzilien anerkannte, so beharrte er doch darauf, daß die Heilige Schrift - vor allem die Evangelien - die einzige verläßliche Quelle der Wahrheit sei. Das Neue Testament, meinte er, sei »gewisser« als alle Konzilien.
Revolutionär war auch Luthers Lehre von der Rechtfertigung der Menschen vor Gott.
Das Renaissance-Papsttum hatte in seinen permanenten Geldnöten immer mehr Wert auf die Lehre gelegt, daß der Mensch sich von den Sündenstrafen befreien könne, indem er der Kirche Geld gebe.
Die Rechtfertigung des Menschen durch äußerliche »Werke« veranlaßte Luther zu einer radikal anderen Lehre. »Werke«, so meinte er, seien für die Erlösung des Menschen zu nichts nutze und vergeblich. Der Mensch, lehrte Luther, sei durch die Erbsünde von Grund auf verderbt und alle menschlichen Bemühungen könnten nichts daran ändern: weder Ablaßzahlungen noch sonstige »gute Werke«.
Der Mensch werde vor Gott vielmehr nur durch seinen Glauben gerechtfertigt. Dieser Glaube aber werde ihm wiederum nicht durch eigenes Bemühen, sondern durch die Gnade Gottes zuteil.
In Luthers Theologie ist die Verzweiflung und Empörung spürbar, mit denen der gemeine Mann in Europa Jahrhunderte hindurch beobachtet hatte, wie die - vielleicht unerfüllbare - Sehnsucht nach einer besseren Welt von Päpsten, Kaisern, Königen und Prälaten mißbraucht worden war. Und doch gelangte diese Sehnsucht nicht unter Luthers Führung zum Durchbruch.
Obwohl Luthers Theologie ein Protest gegen die korrumpierte Kirche, gegen das entartete Papsttum und gegen die vom Papsttum mitverschuldete Entstellung des Glaubens war, machte sich doch auch in seinen Lehren der Zweifel bemerkbar, ob vom Christentum her die Welt zu ändern sei. Luthers Revolution vernichtete in Mittel- und Nordeuropa die Herrschaft der römischen Kirche. Luther machte dadurch den Weg für neue Ideen frei, den bis dahin die römische Kirche versperrt hatte. Insofern war die Luthersche Reformation eine zukunftweisende Tat.
Indes, den Weg in die Zukunft betraten andere Kräfte: unter Luthers Förderung die deutschen Fürsten, unter Calvins Einfluß das westeuropäische Bürgertum, und später revolutionäre Volksbewegungen unter ideologischen Neuerern.
Besonders deutlich sollte Luthers Haltung während des Bauernkrieges 1525 werden. Das von Adel und Fürsten unterdrückte deutsche Bauerntum hatte aus Luthers Auftreten die Hoffnung geschöpft, die christliche Veränderung der Welt nun selbst übernehmen zu können.
Im Namen dieser Hoffnung erhoben sich die Bauern unter ihren Führern Thomas Münzer, Florian Geyer und Götz von Berlichingen. Doch Luther war mit diesem Versuch einer christlichen Revolution nicht einverstanden. Seine polternden Bannsprüche »wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern« brachen der Revolution das moralische Rückgrat. Unter den Schlägen der Fürsten fiel der Bauern-Aufstand im Frühjahr 1525 zusammen.
Gleichwohl hatten das Luthertum und andere protestantische Bewegungen im Fluge große Gebiete in Mittel- und Nordeuropa erobert. Sie begannen auch über die Schweiz nach Frankreich und Italien einzudringen. Angesichts dieser Bewegung, die auch durch einen erfolgreichen Krieg Karls V. gegen die protestantischen Fürsten Deutschlands nicht eingedämmt wurde, raffte sich die römische Kurie nach langem Zögern endlich zu einem Reform-Konzil auf.
Auf Einladung von Papst Paul III. trat am 13. Dezember 1545 in Trient das Konzil zusammen. Mehrmals wurden die Sitzungen des Konzils unterbrochen. Im September 1549 vertagte Papst Paul die Versammlung, weil er sich mit Kaiser Karl überworfen hatte. Karl hatte nach seinem Sieg über den Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen den Protestanten wichtige, wenn auch befristete Zugeständnisse gemacht: die Aufhebung des Zölibats für Pfarrer und den Laienkelch (das Recht der Laien, das Abendmahl in beiderlei Gestalt - Brot und Wein - zu erhalten).
1550 berief Papst Julius III. das Konzil wieder ein, aber im April 1552 mußten die Arbeiten erneut unterbrochen werden. Kurfürst Moritz von Sachsen war vom Kaiser abgefallen und bedrohte Tirol und damit auch Trient.
Erst zehn Jahre später, am 18. Januar 1562, konnte das Tridentinum zu seiner letzten Sitzungsperiode zusammentreten, die bis Dezember 1563 dauerte und mit der Bestätigung aller Dekrete durch Papst Pius IV. im Januar 1564 endete.
Auf fast allen Konzilien des Mittelalters, insonderheit aber auf den Konzilien von Konstanz und Basel, waren auch weltliche Stände, vor allem die Fürsten, vertreten gewesen. In dieser Tatsache war zum Ausdruck gekommen, daß die Religion nicht nur eine Sache der Geistlichen, sondern aller Menschen war.
Das Tridentinum hingegen war ein reines Prälaten-Konzil. Darin spiegelte sich die Distanzierung der Kirche von den Laien, aber auch der Entschluß der Kirche, sich selbst erst einmal zu ordnen, ehe sie ihren Anspruch auf Mitreden in der Politik der europäischen Völker erneut erhob.
Luthers Rechtfertigungslehre, seine Auffassung, daß der Mensch nur durch die Gnade Gottes des Glaubens teilhaftig werde, hatte im Keim einen Verzieht auf christliche Lebensgestaltung im öffentlichen Bereich enthalten.
Gestützt auf die Rechtfertigungslehre des Kirchenlehrers Thomas von Aquin, hielt das Konzil von Trient nun Luther entgegen: Die Rechtfertigung des Menschen gehe zwar von der göttlichen Gnade aus und werde von ihr getragen, der menschliche Wille wirke jedoch dabei mit. Damit waren dem Menschen - im Gegensatz zu der radikalen Lehre Luthers - der freie Wille und die freie Entscheidung und die Chance zugestanden, durch »Werke«, durch eigene Anstrengungen die Welt zu verbessern.
Während sich die Lutheraner fortan mit der pessimistischen Ansicht des Reformators auseinandersetzen mußten, das menschliche Handeln sei und bleibe sündhaft - und damit sinnlos -, weswegen später die Politik, etwa von Pietisten, als sozusagen hoffnungslos teuflisch beiseitegeschoben wurde, hielt die katholische Kirche an der Auffassung fest, der Mensch müsse aus freier Entscheidung durch Werke guten Willens im Glauben an die Gnade Gottes an der Gestaltung der Welt mitwirken.
Das war eine ungemein wichtige Entscheidung: Sie hielt der römischen Kirche die Möglichkeit offen, den weltlichen Gewalten und den Gläubigen mit konkreten Forderungen gegenüberzutreten. Auf dieser Entscheidung basiert die Tatsache, daß die römische Kirche an die Gläubigen - seien sie Fürsten oder Gewerkschaftsführer oder einfache Kirchengänger - bestimmte Forderungen stellen kann: die Forderung nach regelmäßigem Kirchenbesuch oder die Forderung nach Ablehnung bestimmter Ansichten und Parteien. Auf dieser Entscheidung beruht ferner, daß die römische Kirche besondere politische und soziale Vorstellungen entwickeln und diese ihren Gläubigen mit hoher Dringlichkeit empfehlen kann.
Die römische Kirche hat von dieser Möglichkeit nach dem Tridentinum energisch, wenn auch zunächst in einem reaktionären Sinne, Gebrauch gemacht Noch vor dem Tridentinum - im Jahre 1540 - bestätigte Papst Paul- III. einen von dem Spanier Ignatius von Loyola gegründeten Orden: die Jesuiten. Dieser Orden wurde zu einem Instrument der kirchlichen Einmischung in die Politik, wie sie bis dahin unerhört war. Die Jesuiten arbeiteten als Beichtväter der Fürsten, als Erzieher der adeligen Jugend, als Zensoren der Wissenschaft und Literatur.
Durch das Tridentinum dogmatisch und auch organisatorisch gestärkt, trat die römisch-katholische Kirche noch im 16. Jahrhundert zum Gegenangriff auf den Protestantismus an. Die Gegenreformation eroberte einen großen Teil Deutschlands, beinahe ganz Polen und calvinistische Gebiete Frankreichs zurück und hatte schließlich in Deutschland den Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) zur Folge.
Ein Menschenalter lang zerfleischten sich katholische und protestantische Christen. Der Anspruch des Christentums, die Welt besser zu machen, verlor dabei nahezu alle Glaubwürdigkeit. Die Völker Europas wandten sich anderen Ideen zu.
Ideologien, wie Demokratismus, Liberalismus, Sozialismus und Kommunismus, übernahmen die Fahne der Hoffnung auf eine bessere Welt, etablierten sich als Ersatzkirchen und brachten die breiten Massen in den Griff intellektueller Führer.
Zu Anfang des 19. Jahrhunderts begann die Kirche, insbesondere die römisch-katholische, in der Auseinandersetzung mit den Mächten der Zeit Selbstvertrauen zu gewinnen. In Deutschland später als in Frankreich setzte das Ringen der Kirche mit den ideologischen Parteien um die geistige Führung der Massen ein. Sie gründete Bürger- und Arbeitervereine, Gewerkschaften, konfessionelle Parteien und andere Massenorganisationen.
Doch bevor die römisch-katholische Kirche diesen Kampf aufnahm, gab sie sich selbst eine militante Verfassung. Sie proklamierte den Papst zum absoluten Monarchen der Kirche.
Angesichts der unfehlbaren Lehrer des Fortschritts, wie Hegel, Darwin, Marx - später kamen Freud, Lenin und der Unfehlbarste, Stalin, hinzu -, ging die Kirche ihrerseits einen Schritt weiter: Sie rief den Papst zum unfehlbaren Lehrer der Menschheit aus. Das geschah auf dem sogenannten Ersten Vatikanum, dem 20. ökumenischen Konzil, das 1869/1870 in Rom stattfand. Schluß folgt
* Zu deutsch: »Eine einzige heilige (Kirche)«.
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