Gotteskrieger gegen Europa - DER SPIEGEL
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EXTREMISTEN Gotteskrieger gegen Europa

Mit der Festnahme von vier Islamisten in Frankfurt hat die Polizei offenbar nur knapp Anschläge des Top-Terroristen Ibn Ladin in Europa verhindert.
Von Georg Mascolo
• aus DER SPIEGEL 9/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der kurze Videoclip sah aus wie ein harmloses Filmchen aus der Adventszeit: Ein paar wacklige Bilder von fröhlichen Menschen auf dem Weihnachtsmarkt im französischen Straßburg, ein Idyll zu Füßen des mächtigen Doms.

Aber es war kein Tourist, sondern vermutlich ein Terrorist an der Kamera. Der Mann, der die Aufnahmen gemacht haben soll, sitzt mit drei Kumpanen seit Ende vergangenen Jahres in deutscher Haft. Alle sind vermutlich algerischer Herkunft. Das Band stammt aus ihrer Wohnung an der Frankfurter Sigmund-Freud-Straße, die schwer bewaffnete Einsatzkräfte der Antiterror-Einheit GSG 9 am zweiten Weihnachtsfeiertag stürmten.

Für die deutschen Sicherheitsbehörden ist die Kassette der bisher stärkste Beleg dafür, dass die islamistischen Gotteskrieger um den aus Afghanistan operierenden Top-Terroristen Ussama Ibn Ladin mittlerweile auch vor Anschlägen in Europa nicht mehr zurückschrecken. Straßburg, so die Einschätzung der Ermittler, sollte offenbar ihr erstes Ziel für einen Bombenanschlag sein.

Seit der Frankfurter Festnahme ermitteln Justiz, Polizei und Nachrichtendienste in ganz Europa, um die Strukturen der fanatischen Ibn-Ladin-Anhänger aufzudecken. Als sicher gilt, dass noch längst nicht alle gefasst sind. Die Sorge ist groß. »Wir haben es hier mit einer sehr bedrohlichen neuen Entwicklung zu tun, sagt Bernhard Falk, Vizepräsident des Bundeskriminalamts.

Die Gotteskrieger gelten bei den Amerikanern als die gefährlichste Bombentruppe der Welt, ihnen werden die Anschläge auf die US-Botschaften von Nairobi (253 Tote) und Daressalam (10 Tote) zugeschrieben. Auch die Selbstmordattacke auf den US-Zerstörer »Cole« im jemenitischen Aden (17 Tote) soll der schillernde saudische Multimillionär Ibn Ladin angeordnet haben. Die US-Behörden haben auf seinen Kopf fünf Millionen Dollar ausgelobt.

Die Auswertung der Frankfurter Asservate hat mittlerweile auch in England zu sechs Festnahmen geführt - die Telefonnummer eines der Verdächtigen fand sich auf der Chip-Card eines in Frankfurt sichergestellten Handys.

Weil bei den in London verhafteten Männern Pläne für die Herstellung des ultragiftigen Nervengases Sarin gefunden wurden, wird gar spekuliert, dass ein Anschlag auf die U-Bahn der britischen Metropole geplant gewesen sei.

Gegen die vier in Frankfurt verhafteten Islamisten ermittelt die Bundesanwaltschaft wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung. Bei der Durchsuchung ihrer beiden Frankfurter Schlupfwinkel fand die Polizei 14 000 US-Dollar, Gewehre mit Zielfernrohren, Maschinenpistolen, Handfeuerwaffen mit Schalldämpfern, eine Handgranate und große Mengen Chemikalien zur Sprengstoffherstellung, darunter 20 Kilogramm Kaliumpermanganat. Auch acht Platten Haschisch, Stoff für den Feierabend der Gotteskrieger, nahmen die Beamten mit.

Trotz aller Versuche, die vier zum Reden zu bringen, schweigen sie bis heute beharrlich. Lediglich den Vorwurf der Urkundenfälschung - bei ihnen wurden etliche gefälschte Pässe entdeckt - haben sie freimütig eingeräumt. Aber nicht einmal ihre Identität ist bis heute restlos geklärt. Nur auf Grund der Alarmmeldung eines ausländischen Geheimdienstes waren die deutschen Behörden dem Kommando auf die Spur gekommen.

Die der »Salafistischen Gruppe für Predigt und Kampf« (GSPC) nahe stehenden Araber hätten gerade erst in Afghanistan an einem Terrorlehrgang teilgenommen, hieß es in dem Hinweis. Einer habe ein Handbuch bei sich, wie sich aus handelsüblichen Chemikalien Bomben bauen lassen. Die vier hätten beste Kontakte zu Islamisten in England und Frankreich, es sei mit brutalen Anschlägen zu rechnen. Schließlich gilt die GSPC als eine der blutrünstigsten algerischen Gruppen, Tausende Morde werden ihr zugeschrieben.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) ließ die Verdächtigen rund um die Uhr observieren. Als es Hinweise gab, dass Teile der Waffen weggeschafft werden sollten, befahl die Bundesanwaltschaft den Zugriff. Das Risiko, noch weiter zu warten, schien ihr zu hoch. Bis heute ist die Aktion unter Sicherheitsexperten umstritten - vor allem das BfV hatte noch observieren wollen, um weitere Hintermänner der Gruppe ausfindig zu machen.

Bisher galt als undenkbar, dass die Fanatiker ausgerechnet in einem Land mit der Polizeidichte der Bundesrepublik ihre Waffendepots anlegen und Anschläge vorbereiten würden. Schon wegen der vergleichsweise liberalen Ausländerpolitik schien sicher, dass Extremisten jeder Couleur nichts unternehmen würden, was die deutschen Behörden provozieren könnte.

Die Franzosen haben sich mittlerweile bei der Bundesregierung für die Verhaftungen in Frankfurt bedankt, und auch im Kanzleramt ist manchem ein Stein vom Herzen gefallen: Ein in Deutschland vorbereitetes Massaker in Straßburg hätte sich auch zur politischen Katastrophe auswachsen können. GEORG MASCOLO

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