Graue Beamte - DER SPIEGEL
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JAPAN Graue Beamte

Der wegen eines Finanzskandals gestürzte Premier Tanaka ist wieder Tokios mächtigster Politiker.
• aus DER SPIEGEL 4/1981
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Fast vier Jahre lang tagt das Gericht nun schon, in bislang 119 Sitzungen haben die Richter vergeblich Antwort auf die Frage zu finden versucht: Hat der Angeklagte 500 Millionen Yen (knapp fünf Millionen Mark) an Bestechungsgeld eingestrichen oder nicht?

Leitende Angestellte eines Tokioter Handelshauses haben vor Prozeßbeginn zu Protokoll gegeben, sie hätten die 500 Millionen dem Angeklagten in bar auszahlen lassen -- der Angeklagte leugnet das. Der ehemalige Sekretär des Angeklagten hat dem Staatsanwalt gestanden, er selbst habe die Kartons voller Geld seinem Herrn überbracht -- der Herr will davon nichts wissen.

Noch mindestens zwei bis drei Jahre wird sich der Bestechungsprozeß in Tokio hinziehen. Doch dem Ansehen des Angeklagten scheint das alles keinen Abbruch zu tun. Im Gegenteil. »Es gibt heute praktisch niemanden mehr«, sagt einer seiner treuen Gefolgsleute, ein Parlamentarier in Tokio, »der Tanaka kritisieren möchte, nur weil er vor Gericht steht. Er hat uns früher geholfen, die Lage hat sich nun geändert.«

In der Tat. Kakuei Tanaka, 62, vor über sechs Jahren mit Schimpf aus dem Amt gejagter Ministerpräsident Japans, der Korruption angeklagt, ist heute mächtiger als selbst zu den Zeiten, da er Premier war.

Denn wenn er auch alle Partei- und Regierungsämter verloren hat -- ins Parlament zog er immer wieder siegreich ein, und die größte Gruppe von Parlamentariern der Regierungspartei LDP hört bedingungslos auf sein Kommando. Und ist er selbst auch nicht einmal mehr Mitglied der Regierungspartei, sogar Ministerpräsident Zenko Suzuki wird merken, »daß er in zunehmendem Maße nach Tanakas Belieben regieren muß«, wie die »Far Eastern Economic Review« anmerkte.

In der LDP gebietet eine Handvoll Parlamentsfürsten über je eine Schar ergebener Abgeordneter. Wechselnde Koalitionen zwischen diesen Fraktionen in der Fraktion ergeben die Arbeitsbasis für den Vorsitzenden der Gesamtpartei, der -- bei absoluter LDP-Mehrheit in beiden Häusern des Parlaments -- automatisch auch Premier wird.

Im vergangenen Monat baten wieder sieben LDP-Parlamentarier um Aufnahme in die Tanaka-Fraktion; die Zahl ihrer Mitglieder stieg dadurch auf 101: rund doppelt soviel wie die der zweitgrößten LDP-Fraktion unter Premier Suzuki. Rund 30 weitere Abgeordnete sollen mit Tanaka sympathisieren. »Dies ist nicht mehr die Tanaka-Fraktion«, schwärmte einer seiner Getreuen, »dies ist jetzt die Tanaka-Partei.«

Der ramponierte Ruf ihres Chefs scheint die wachsende Schar der Tanaka-Gefolgsleute nicht zu stören. »Wer Schutz unter einem Baum sucht«, meint ein Regierungssprecher, »sollte sich am besten einen großen Baum auswählen.« S.123 Und Fürst Tanaka, der Beziehungsreiche, hat seine Vasallen noch nie im Regen stehen lassen: »Unsere Fraktion gilt als sehr großzügig bei der Vergabe von politischen Spenden und wichtigen Posten.«

Kein anderer Politiker in Japan versteht es wie Tanaka, für seine Zwecke Geld bei der Industrie und den Wirtschaftsverbänden lockerzumachen. Kein anderer japanischer Politiker auch hat sich seinen Anhängern immer wieder so generös gezeigt: Auch bei seiner Wahl zum Premier 1972 soll er zaudernden Abgeordneten mit Millionenbeträgen die Entscheidung erleichtert haben. Die Wahlgeschenke sollen, säuberlich gebündelt, in Schuhkartons über die Parlamentsbänke geschoben worden sein.

Solange Tanaka noch vor Gericht steht, kann er an ein Comeback in die Verantwortung kaum denken. Doch auch so wachsen seine Macht und sein Einfluß auf die Regierung beständig. Suzuki, bis zum vergangenen Jahr ein kaum bekannter, farbloser Parteifunktionär, hätte ohne Tanakas tatkräftige Unterstützung nie Ministerpräsident werden können.

Vor allem aber: Suzukis engster Vertrauter und Berater ist der Vorsitzende des LDP-Exekutivrates, Susumu Nikaido, 71. Gleichzeitig ist Nikaido -während Tanakas erzwungener Abwesenheit -- Vorsitzender der Tanaka-Fraktion. Nikaido sagt, was Tanaka denkt; er tut, was Tanaka möchte.

Auch seiner Karriere ist nicht abträglich gewesen, daß er als »grauer Beamter« gilt: In die Bestechungsaffäre mit dem US-Flugzeugbauer Lockheed, über die Tanaka zu Fall kam, war er mit ziemlicher Sicherheit verwickelt, nur konnte die Staatsanwaltschaft nicht die Beweise für strafbare Handlungen zusammenkratzen. Nikaido hofft, Japans nächster Premier zu werden --Tanaka wäre dann wieder im Zentrum der Macht.

Daß Tanaka von der Anklage der Bestechung freigesprochen wird, gilt als unwahrscheinlich. Doch erst in einem dann folgenden Prozeß in höherer Instanz soll geklärt werden, ob er mit der Bestechung sich auch des Amtsmißbrauchs schuldig gemacht hat. Ein Richterspruch hierzu kann wohl frühestens in fünf bis sechs Jahren erwartet werden.

Bis dahin kann Tanaka darauf rechnen, der mächtigste Politiker der Regierungspartei zu bleiben, der er nicht angehört. Und ohne öffentliche Ämter, nur als Drahtzieher im Hintergrund, hat er, was er sich seit Jahren laut wünschte: das politische Sagen und zugleich Muße.

Ihm bleibt mehr Zeit für seine Lieblingsbeschäftigung, die sein einstiger Sekretär preisgab: »Im Fernsehen Melodramen anschauen, bei denen er auch mal richtig weinen kann.«

S.122Zum Zeichen seines Wahlsiegs malt er einer »Daruma«-Puppe, dieangeblich Wünsche erfüllt, ein Auge an.*

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