MEXIKO Grausames Spiel
Emiliano Zapata, der Held der mexikanischen Revolution, »legte nicht mal beim Essen«, so schwärmt ein Volkslied aus jener Zeit, »den Karabiner aus der Hand.«
Außer seiner Waffe liebte Emiliano Zapata »schnelle Pferde, Kampfhähne«, schöne Frauen, Kartenspiel und scharfe Getränke«, wie ein Revolutionsgenosse berichtete. »Mit 22 Frauen frönte er dem Laster.«
Kurzum, Emiliano Zapata war, was seine Landsleute »muy macho« nennen -- ein toller Kerl. Und »macho« wie Zapata gibt sich noch heute jeder Mexikaner. der auf sich hält: stets das »todbringende Phallus-Symbol Pistole (so der mexikanische Dichter Octavio Paz) zur Hand und auch den lebenspendenden Phallus ständig. zum Angriff bereit.
Doch das soll nun anders werden. Vor kurzem verfügte die Regierung des Präsidenten Luis Echeverria zwei Maßnahmen, die das Selbstverständnis mexikanischer Männer erschüttern können: Ein scharfes Gesetz zur Waffenkontrolle soll künftig die männliche Schießwütigkeit bremsen, und ein staatlich gefördertes Programm zur Geburtenkontrolle soll die Folge maskuliner Erobererfreuden im Zaume halten.
Die Attacke gegen das Macho-Ideal kam für die Betroffenen unerwartet. Denn die mexikanischen Behörden hatten zwar auch in früheren Jahren bereits gelegentlich versucht, zumindest private Waffenkäufe zu bremsen. Durch das neue Gesetz jedoch soll jetzt erstmals jeder Mexikaner gezwungen werden, sein Schießeisen abzugeben oder registrieren zu lassen. Erlaubnis für ein -- und nur ein -- neues soll lediglich erhalten, wer lesen und schreiben kann, seinen Militärdienst abgeleistet und keine Vorstrafen hat. Tragen darf der mexikanische Bürger seine Pistole künftig nur in den eigenen vier Wänden.
Eine Geburtenkontrolle schließlich hatten bislang sämtliche mexikanischen Regierungen, ähnlich wie in den meisten anderen lateinamerikanischen Staaten, entrüstet abgelehnt; Anti-Baby-Programme galten als imperialistische Ausrottungskampagnen. Staatschef Echeverria, selbst Vater von acht Kindern, predigte während seines Wahlkampfes vor zwei Jahren sogar: »Regieren heißt Bevölkern.« Noch im Februar dieses Jahres behauptete er: »Geburtenkontrollen können keinen Erfolg haben.«
Zwei Monate später rechnete Gesundheitsminister Manuel Altamirano Ferrer der Regierung vor, daß die 51 Millionen Mexikaner sich in zwanzig Jahren verdoppelt haben werden, wenn sie sich im gleichen Tempo vermehren wie bisher -- mit einer Wachstumsrate von 3,4 Prozent jährlich, einer der höchsten in der Welt. Ferrer: »Das kann sich unser Land einfach nicht leisten.«
Tatsächlich praktizierten Mexikos Frauen weniger Empfängnisverhütung als alle ihre lateinamerikanischen Schwestern. Nur 13,7 Prozent aller Frauen in Mexico City, so berichtete der chilenische Mediziner Dr. Benjamin Viel in einer vor drei Jahren erschienenen Studie, benutzten Antikonzeptionsmittel -- in Buenos Aires dagegen waren es zum Beispiel 41,8 Prozent. Von den rund viereinhalb Millionen Mexikanerinnen im Alter zwischen zwölf und neunzehn Jahren hatten bei der letzten Volkszählung (1970) fast 32000 schon mehr als drei Kinder.
Die »wundersame Fruchtbarkeit der mexikanischen Mutter« (so der amerikanische Mexiko-Forscher Lester Byrd Simpson) ist nicht ganz freiwillig.
Denn in den Slums mexikanischer Großstädte etwa ist es für Jung-Machos spätestens ab siebzehn Ehrensache, regelmäßig sichtbare Zeugnisse ihrer Männlichkeit vorzuweisen. Kinderreiche Liaisons mit zwei oder auch drei Frauen gleichzeitig sind an der Tagesordnung -- nicht nur in den Slums: Bis in die Spitzen der sozialen Stufenleiter hinauf leisten sich die meisten Männer Mexikos neben dem ehelichen Haushalt -- der »casa grande« -- einen außerehelichen: die »casa chica«.
Kaum eine Frau kann sich, so klagte die Slum-Bewohnerin Consuelo Sánchez dem amerikanischen Anthropologen Oscar Lewis, »diesem gräßlichen, diesem verfluchten mexikanischen »machismo entziehen, diesem »grausamen Spiel. in dem der herrische männliche Partner immer gewinnt«.
Denn mehr als in anderen Ländern des Subkontinents ist der »machismo« in Mexiko mit Gewalttätigkeit gepaart. »Fest steht, daß die wesentliche Eigenschaft des »macho' die »violencia' ist«, so erkannte Octavio Paz, »die sich fast immer als Bereitschaft zu demütigen, zu zerfetzen, zu vernichten kundgibt.«
So weist Mexiko bis heute eine der höchsten Gewaltkriminalitäts-Raten der Welt auf. Allein im Bundesstaat Guerrero (1,6 Millionen Einwohner) werden schätzungsweise 2500 Morde jährlich begangen.
Die Zahl der illegal eingeführten, aber behördlich erfaßten Waffen in Mexiko beträgt, einer kürzlich durchgeführten Untersuchung zufolge, rund fünf Millionen Stück. Weitere fünf Millionen, so vermuten die Behörden, sind unkontrolliert im Lande in Umlauf.
Ob die Regierung den überbordenden Männlichkeitskult nun in den Griff bekommen kann, bleibt denn auch noch ungewiß: Ein wenig wich sie vor dem Protest ihrer männlichen Bürger schon zurück: So wurde die neue Waffen-Lex durch eine Klausel erweitert, die das Waffentragen nicht nur zu Hause, sondern auch im eigenen Wagen erlaubt.
Und noch bevor in mexikanischen Dörfern die ersten in Indio-Dialekten abgefaßten Anti-Baby-Broschüren eintrudelten, wiegelte Staatschef Echeverría aufgebrachte Bürger ab: Familienplanung, so erklärte er, sei freiwillig; die »Freiheit der Vaterschaft« werde nicht angetastet.