Grenzen des Wachstums - DER SPIEGEL
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SOWJET-UNION Grenzen des Wachstums

Der 26. Parteitag der KPdSU, der vierte in der Ära Breschnew, muß sich vor allem den wirtschaftlichen Problemen des Sowjet-Reiches widmen. Seine Parole: Mehr arbeiten.
• aus DER SPIEGEL 9/1981
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Es mag Zufall sein, unpassend ist es jedenfalls nicht, daß der 26. Parteitag der KPdSU gerade am 23. Februar beginnt -- dem Tag der Roten Armee.

Denn dermaßen von tatsächlichen und eingebildeten, jedenfalls aber selbst herangezüchteten Feinden umgeben, derart waffenstarrend und dennoch von Zerfallserscheinungen am Rand des Imperiums bedroht, hat die Herrscherschicht des größten Reiches der Welt seit Kriegsende nicht mehr zum Appell gerufen.

Nie vorher waren die Soldaten des Sowjet-Reiches so weit über den Erdball verteilt -- in Armeestärke in Afghanistan, Stoßtrupps in Afrika verstreut sowie in Nahost und in der fernen Karibik. Nie zuvor freilich auch kostete die Weltmachtpolitik den Kreml so viel, nicht nur an Raketen und Kreuzern, auch an Subsidien für Verbündete, die dafür Stellvertreter-Kriege führen: etwa eine halbe Milliarde Dollar jährlich für Vietnam, zehn Millionen Dollar täglich für Kuba, Riesensummen auch für Syrien, Äthiopien, Südjemen, Angola.

Was der Abnützungskrieg in Afghanistan verschlingt, den rund 85 000 sowjetische S.140 Soldaten bisher nicht gewinnen konnten, weiß niemand im Westen genau -- vermutlich aber sind es Milliarden.

Der Rubel, der für Moskaus Weltgeltung auf allen Kontinenten rollt, fehlt daheim -- zumal auch noch Jahrhundertprojekte wie die strategische Baikal-Amur-Magistrale, eine 3000-Kilometer-Eisenbahn durch die Permafrostböden Ostsibiriens, gigantische Investitionen erfordern.

Da nimmt es kaum Wunder, daß die Losungen zum Parteitag vor allem von noch mehr Arbeit handeln, zum Beispiel: »Stoßarbeit für die Heimat«, »rapider Leistungszuwachs -- wichtigstes Ziel der Werktätigen«, »unsere Devise -- allseitig hohe Leistungen sichern«; »für straffere Arbeitsdisziplin«, »die Zeit gebietet: effektiver und qualitativer arbeiten«.

Melker und Minenarbeiter, Schweißer und Schafhirten haben sich verpflichtet, zu Ehren »dieses großen Ereignisses im Leben der Sowjet-Völker« (so die amtliche Nachrichtenagentur Tass über den Parteitag) Extra-Schichten einzulegen oder den Plan vorzeitig zu erfüllen.

Auf dem Papier kommt da sicher allerlei zusammen. In der Realität aber herrscht trotz des rituellen Festspieles für über 17 Millionen Parteimitglieder eher graue Alltagsstimmung.

Denn Krisen kommen eben nicht nur im Kapitalismus vor, anders als die Lehrmeinung jener besagt, die sich nun für zehn Tage im Großen Kremlpalast versammeln, um sich auf die Schultern zu klopfen, zu neuen Erfolgen anzuspornen. Und längst, spätestens seit zwei Jahren sichtbar, ist auch die Sowjet-Union an die Grenzen des Wachstums gestoßen. Die Planziele werden gleichwohl, weil es die Propaganda so will, bar jeden Realitätssinnes unverändert hoch angesetzt und müssen dann von Jahr zu Jahr nach unten korrigiert werden. Aber auch der unterste Ansatz wird letztlich, wie im letzten Fünfjahresplan, nur zu höchstens zwei Dritteln, oder, in Bezug auf die Arbeitsproduktivität, gar nur zur Hälfte erfüllt.

An diesen praktischen Erfahrungen gemessen, verheißen die neuen Perspektiven dem Sowjetbürger wenig Gutes.

Denn die Stagnation ereilt die Sowjetbürger auf einem Lebensstandards-Niveau, das noch immer weit unter dem aller westlichen Industriestaaten liegt. Bei der Versorgung mit Lebensmitteln und täglichen Gebrauchsgütern sinkt dieser Standard sogar seit ein, zwei Jahren.

Nachdem aber die Polen, die über die Hälfte mehr Fleisch essen als die Russen, wegen Fleischmangel und hoher Fleischpreise rebellierten und den Sozialismus ins Wanken brachten, widmet die Sowjetführung dem Versorgungsproblem daheim durchaus Aufmerksamkeit.

Generalsekretär Leonid Breschnew selbst sorgt sich um Milch und Wurst, Garn und Windeln. Erstmals wurden auch die geplanten Zuwachsraten der Konsumgüterindustrie höher als die der Schwerindustrie angesetzt (wenn auch nur um 0,8 Prozent).

Doch über die Frage, wie dies vom Planpapier auf die Wirklichkeit übertragen werden soll, gibt es Differenzen: Eine Liberalisierung in der Wirtschaft, wie der jüngst verstorbene Premier Kossygin sie einst gewollt hatte, wird von den Dogmatikern abgelehnt: Sie führe letztlich zur Konterrevolution (siehe Kasten Seite 134).

Dennoch sollen private Initiativen ermuntert, soll mehr Geld zu mehr Leistung verlocken: Wer mehr produziert als im Vorjahr oder als in den Planziffern vorgesehen, der erhält künftig um fünfzig Prozent höhere Prämien. Für besonders knappe Güter wie Mais, Kartoffeln oder Milch werden die staatlichen Ankaufpreise um bis zu ein Drittel erhöht.

Schließlich soll die Produktion auf den privaten Parzellen der Kolchosniks -- die wegen der Umsiedlungsaktion aus Dörfern in sogenannte Agrostädte ständig abnehmen --, wieder wirksamer gefördert werden: mit Gerät, Krediten und Düngemitteln. Obendrein soll auf diesen privat bewirtschafteten Parzellen künftig auch mehr Vieh gehalten werden dürfen.

Wie ernst es die Bürokratie meint, zeigt sich darin, daß sie bei besonderer Knappheit gleich einen neuen Minister ernennt: Nikolai Koslow, 55, Mitglied des Zentralkomitees, wurde Unionsminister für Obst und Gemüse.

S.137In den Lichatschow-Autowerken.*

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