Grenzgänger ohne Furcht - DER SPIEGEL
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Grenzgänger ohne Furcht

Der chinesische Dissident Ai Weiwei präsentiert die spektakulärste Kunstschau des Jahres - und muss sich in München operieren lassen, weil er in China von Polizisten geschlagen wurde.
• aus SPIEGEL Chronik 54/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vier Wochen schon dröhnt und hämmert es in seinem Kopf, aber er will nicht zum Arzt, er leidet nicht gern, und er hat auch keine Zeit zu verlieren im Kampf um ein neues, gerechteres, menschenwürdigeres China. Bloß kein Arzt.

Er wisse zwar, so erzählt er mit matter Stimme am Telefon, dass die Kopfschmerzen anfingen, nachdem er überfallen und geschlagen worden war, in jener Nacht im August. Geheimpolizisten waren in sein Hotelzimmer in Sichuan gekommen.

Jahrelang wurde er in Ruhe gelassen, obwohl er die chinesische Regierung in seinen Blogs, in seinen Twitter-Meldungen, in Interviews und in seinen Kunstwerken verhöhnt, reizt und dazu auffordert, endlich die Menschenrechte und das Gebot der Meinungsfreiheit ernst zu nehmen. Doch er hat immer gewusst, dass er sich mehr herausnehmen kann als jeder andere chinesische Dissident. Er ist in den letzten Jahren zum bekanntesten Künstler Chinas geworden - alle Welt würde mitbekommen, alle Welt protestieren, wenn ihm etwas zustieße.

Weil es also bisher ganz gut gelaufen war, war er ohne Sorge von seinem Zuhause in Peking nach Sichuan gereist. Er wollte dort herausfinden, wie viele Kinder bei dem schweren Erdbeben im vergangenen Jahr in den schlecht gesicherten Schulen und Häusern dieses Landstrichs umgekommen waren. Auch die Reise nach Sichuan ist ein Affront gegen die Regierung, der Vorwurf an die Machthaber eindeutig: Warum seid ihr nicht in der Lage, die Häuser und Schulen der Armen und Schutzlosen zu sichern?

Und dann kommen sie also in jener Nacht, die Polizistenschläger. Sie führen ihn ab, im Fahrstuhl schießt er mit seinem Handy noch ein Foto von sich und den Polizisten - immer hält er alles fest. Nach einem Tag lassen sie ihn frei, und dann kamen die Kopfschmerzen, so sagt er. Er sei nicht gestürzt, es könnten nur die Schläge gewesen sein, Schläge auf die rechte Seite seines Schädels.

Ai Weiwei hält die Schmerzen aus, vier Wochen lang, fliegt dann am 12. September nach München, um seine spektakuläre Solo-Ausstellung »So sorry« im Haus der Kunst vorzubereiten.

Und es dröhnt und hämmert; zwei Tage später sagt er, seine Assistentin kann es kaum fassen, er wolle nun doch zum Arzt.

Dann geht alles schnell. Als er im Krankenhaus ankommt, kann er schon nicht mehr alle Körperteile bewegen, zwei Stunden nach der ersten Untersuchung wird er operiert. Ein Hämatom zwischen Hirnoberfläche und harter Hirnhaut, das Blut muss heraus aus seinem Schädel. Als er aufwacht, sagt ihm der Arzt, dass er Glück gehabt habe zwei Tage zuvor bei seinem Flug nach München: Wäre er in der Luft kollabiert - selbst wenn ein Arzt an Bord gewesen wäre, er hätte ihm kaum helfen können. Es hätte tödlich enden können.

Am Tag nach der Operation, am 15. September, will Ai Weiwei eigentlich dem SPIEGEL ein Interview geben, es ist schon lange verabredet. Man will reden und zusammen chinesisch essen und dann herumgehen durch das Haus der Kunst, zusehen, wie die Ausstellung von Ais chinesischen Mitarbeitern aufgebaut wird.

Da Ai Weiwei an ebenjenem Tag nicht kommen kann, bittet der Direktor des Museums in sein Büro, Chris Dercon, einer der mächtigsten Männer der internationalen Kunstszene, ein gutgelaunter, hochgewachsener, energiegeladener Belgier. Seine kurzen grauen Haare sind von Ai Weiwei geschnitten worden. Chris Dercon hat sich eine Mao-Designer-Jacke angezogen an diesem Tag, das ist seine Form des Humors.

Und seine Laune ist tatsächlich nicht schlecht: Die OP im Uni-Klinikum Großhadern sei gut verlaufen, so erzählt er, all diese Meldungen bekommt Chris Dercon gesimst und getwittert. Typisch Ai Weiwei, sagt er: Der mache doch tatsächlich Twitter-Fotos von sich mit dem eigenen Handy: wie er zur Narkose gerollt wird, wie er nach der OP mit einem Blutbeutel auf der Brust im Bett liegt.

»Für Ai Weiwei hängt alles mit allem zusammen«, sagt Chris Dercon, »die Kunst, die Politik, sein eigenes Leben, sein Alltag, seine Schmerzen, seine Freude.«

Am 14. Oktober wird die Frankfurter Buchmesse eröffnet - Gastland China. Die Buchmesseleute, so viel weiß man zu diesem Zeitpunkt schon, haben sich von der chinesischen Regierung zwingen lassen, Dissidenten von einem Symposium wieder auszuladen. Die Empörung ist groß.

Ai Weiwei ist mitten hineingeraten in dieses Spannungsfeld zwischen seiner eigenen Ausstellung, der Buchmesse und dem 60. Jahrestag zur Gründung der chinesischen Volksrepublik, den die Machthaber am 1. Oktober in Peking mit einer prächtigen Parade begehen.

Und mittendrin zu sein, das passt zu Ai Weiwei. Trotz Krankenhaus, trotz Todesnähe. Er hat keine Angst. Er findet, dass er nichts zu verlieren hat. Er nutzt den globalen Voyeurismus, um seine politischen Ziele zu verbreiten.

Manchmal wirkt es selbstsüchtig, dass er sich bei seinen Protesten dauernd filmen lässt, dass er sich selbst als Gesamtkunstwerk inszeniert. Doch Ai Weiwei kann immer darauf verweisen, dass es ihm um die Sache geht. Ein Land wie China, das sich schwer damit tut, die Rechte des Einzelnen anzuerkennen, kann sich vielleicht ändern, wenn jemand da ist, der sein eigenes Ich zu einer radikalen Botschaft macht - das ist die Haltung, für die Ai Weiwei steht.

Es war ein langer Weg für ihn, dieses Gesamtkunstwerk zu werden.

1957 wird er geboren, als Sohn des chinesischen Poeten Ai Qing. Ai Qing ist 1949 mit Maos Truppen nach Peking gekommen, er hat gekämpft für ein kommunistisches China, ist dann aber wie viele Intellektuelle in Ungnade gefallen. Er muss in ein Arbeitslager ziehen, darf nichts publizieren, muss Toiletten putzen. 1978 wird Ai Qing rehabilitiert.

Es ist klar, dass der Sohn dieses geschändeten Poeten sein Land nicht würde lieben können, jedenfalls nicht einfach so. Ai Weiwei bewirbt sich an der Pekinger Filmakademie, kann beim berühmten Regisseur Zhang Yimou lernen, doch er bricht das Studium bald ab, geht 1981 nach New York.

Er will Künstler werden, immer noch. Er weiß, dass für ihn der Weg zur Kunst nur über das Leben geht. Er besucht Kunstakademien, aber nie bis zum Diplom, er beschäftigt sich mit Jasper Johns, mit Marcel Duchamp, mit Andy Warhol. Und er geht putzen.

1993 kehrt er nach China zurück, sein Vater ist schwer krank. Seine Mutter ist entsetzt, dass der Sohn nach zwölf Jahren im Ausland keine echte Ausbildung vorzuweisen hat. Der Sohn sieht das anders: Er hat sich das Rüstzeug zum Künstler erworben, sich befreit von den Zwängen und Ängsten seiner Kindheit, mitgetanzt auf dem Vulkan des Kapitalismus.

Er ist nun frei. Es kann losgehen. Ai Weiwei nimmt sich bald nach seiner Rückkehr eine chinesische Urne vor, angeblich aus der fernen Han-Zeit und sehr wertvoll. Er prägt ihr den geschwungenen, feuerroten Coca-Cola-Schriftzug ein - dieses Kunstwerk soll zeigen, dass Ai vor nichts mehr Respekt hat, nicht vor der ehrwürdigen chinesischen Geschichte, aber auch nicht vor einem der mächtigsten Konzerne der Welt. Die alte Geschichte, die moderne Marke, das sind für ihn nur Labels, keine Inhalte. Den Inhalt schafft er, indem er beides zusammenbringt.

Es kommen seine »Fuck off«-Fotos. Er stellt sich vor einen alten chinesischen Tempel und fotografiert sich, den Mittelfinger gereckt. Dieselbe Pose vor dem Weißen Haus, vor dem Eiffelturm. Zwischen seinem Mittelfinger und den Gebäude-Ikonen entsteht eine Spannung, ein Raum. Das ist die Frage, die ihn umtreibt: Was passiert, wenn Ungleiches in einem Raum aufeinanderprallt?

Zur Documenta im Jahr 2007 nimmt er 1001 Landsleute mit, lässt Zelte und Pritschen für sie aufbauen und bittet sie, durch Kassel zu gehen, zu filmen und zu fotografieren.

Dann baut er auf der Documenta einen Turm aus alten Holzfenstern und Türen. Der Turm kann der Kasseler Witterung nie und nimmer standhalten. Als er einstürzt, verkündet der Künstler fröhlich, dass sein Kunstwerk nun in der Verwandlung vollendet sei.

Die Documenta ist Ai Weiweis Durchbruch, zumindest in Deutschland. Der Künstler - ein Superstar. Alle wollen mitlachen mit ihm über 1001 Chinesen in einer nordhessischen Stadt und über einen eingestürzten Turm. Ai Weiwei findet Lachen gut. Lachen ist Kommunikation. Lachen ist Distanz. Ein veränderter Blick.

International wird Ai Weiwei richtig bekannt, als herauskommt, dass es eigentlich er war, der die Grundidee zum sensationellen Entwurf der Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron für das Pekinger Olympiastadion geliefert hat. Das Stadion wird im August vergangenen Jahres eingeweiht, schon da hat es seinen Kosenamen weg: das Vogelnest.

Da steht es nun, das Stadion, und Ai Weiwei fordert wieder den veränderten Blick ein. Er lässt in Blogs und Interviews verlauten, dass er keineswegs gedenke, bei der Eröffnung der Olympischen Spiele dabei zu sein: Der Staat schmücke sich mit dem Gebäude, und da er kein Staatskünstler sei, könne er leider nicht kommen.

Bis an Grenzen gehen und dann selbst klare, enge Grenzen ziehen, das ist es, was Ai Weiwei betreibt. Grenzen sind dann auch das eigentliche Thema seiner Münchner Schau, die bis zum 17. Januar 2010 zu sehen ist. Ai Weiwei präsentiert seine Schlüsselwerke und Neues.

So verkleidet er zum Beispiel die Fassade des Hauses der Kunst mit einem feinmaschigen Gitter, Kinderrucksäcke bilden chinesische Schriftzeichen: »Sie lebte sieben Jahre lang glücklich auf dieser Erde.« Diesen Satz hat eine Mutter nach dem Erdbeben von Sichuan gesagt - eine Mutter, die ihre siebenjährige Tochter verlor.

In der Mittelhalle des Hauses der Kunst hängt überlebensgroß das Foto Ai Weiweis, wie er im Sichuaner Hotel, im Fahrstuhl, von Polizisten umringt ist. Drum herum an den Wänden aktuelle Zeitungsartikel, die die politische Lage zwischen Deutschland und China kommentieren.

Doch wichtiger als die eigentliche Schau ist den Machern der Weg dorthin. Der Aufbau der Ausstellung wird zelebriert - als Transformationsprozess à la Ai Weiwei. Wieder einmal hat er eine Entourage von Mitarbeitern aus China mitgebracht, 16 Leute sind es diesmal, alle leben in der einzigen Wohnung im Haus der Kunst. Einige von ihnen kochen jeden Mittag für das Museumsteam, in Wok-Pfannen auf offenen Flammen.

Etwas matt klingt Ai Weiwei, als er sich im Krankenhaus von seiner Operation erholt. Die Ärzte haben ihm gesagt, er dürfe keinen Besuch empfangen. Mit singendem chinesischem Akzent beklagt er sich am Telefon, anderthalb Tage nach der Operation, übers Nichtstun. Er sagt aber auch, was für ein Glück er habe, hier in Deutschland behandelt zu werden.

Auf die Frage, ob das nicht langsam alles sehr viel werde, mit den ständigen Fotos von sich, mit dem Twittern und Bloggen, mit der Ausstellung des eigenen Lebens, da sagt er leise und bestimmt: »Nein. Es ist eine so einfache und effektive Weise, sich gegen den Totalitarismus zu behaupten.« Und er redet über die heikle Buchmesse, betont, dass es völlig richtig gewesen sei, China zum Gastland der Messe zu machen: »Es ist besser, wenn Dinge passieren, als wenn sie nicht passieren.«

Wird China sich ändern? »Nicht schnell«, sagt er - aber dann: »It is a moment of change.«

Ai Weiwei will die Verwandlung seines Landes. Das ist es, was ihn am meisten interessiert: Transformationsprozesse. Er wird weiter kämpfen um sein Land. Es ist ein Kampf aus Zuneigung. SUSANNE BEYER

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