GRIMMS MÄRCHEN
Man erschaudert angesichts des phantastischen Film-Potpourris über die Grimmschen Märchen, von dem Sie Ihre Leser in Kenntnis setzen. Jenes Buch, das nächst der Bibel das meistgedruckte und am häufigsten übersetzte deutscher Sprache ist, hätte sicher etwas mehr Pietät verdient. Trotz der enormen Wirkung und Verbreitung der Grimmschen Märchen ist es freilich erstaunlich, wie wenig man im allgemeinen von den beiden Brüdern selbst weiß, die völlig hinter ihrem Werk zurücktreten. Es gibt sogar bis zum heutigen Tag noch keine vollständige Gesamtausgabe, geschweige denn eine historisch-kritische Ausgabe der Grimmschen Märchen. Dafür hat aber die Märchenforschung in minuziöser Arbeit die Entstehungsgeschichte der Sammlung erhellt.
Wenn im Film nun freilich die Märchen den Brüdern Grimm in Fieber- und Traumvisionen zukommen, sieht es so aus, als hätten Jacob und Wilhelm ihre Märchen
erfunden und erdichtet. Sie haben sie vielmehr in hingebungsvoller Treue gegenüber den authentischen Quellen wiedergegeben. Trotz mancher Überarbeitung und Glättung sind die Kinder- und Hausmärchen eben »Volksmärchen« geblieben. Darin unterscheidet sich die Sammlung von allen anderen romantischen und nachromantischen »Kunstmärchen« von Brentano bis Andersen.
Ohne der Romantik des Märchensammelns irgenwelchen Abbruch zu tun, hätte man auch im Film ruhig statt rein erfundener Personen einige der vielen tatsächlichen Gewährsleute der Brüder Grimm auftreten lassen können: Die alte Marie in der Wildschen Apotheke, den pensionierten Dragonerwachtmeister Krause, die Schwestern Amalie und Jeanette Hassenpflug, die Pfarrerstochter Friderike Mannel, die Familien von Haxthausen und von Droste-Hülshoff und vor allem natürlich die Frau Viehmännin, die Märchenfrau aus Kassel-Niederzwehren.
Alle diese wirklichen Personen und Stationen des Grimmschen Märchensammelns sind biographisch reizvoll genug; sie wären sogar im höchsten Grad filmwirksam gewesen. Aber »die alte Blumenfrau an der Ecke« gibt es nicht unter den Grimmschen Gewährsleuten! Ebenso haben Rothenburg ob der Tauber, Dinkelsbühl und Lorelei nicht im entferntesten etwas mit den Wirkungsstätten der »Grimm Brothers« zu tun. Trotz des Aufwandes von 32 Millionen Mark Herstellungskosten scheint man sich also nicht die Mühe gemacht zu haben, auch nur den elementarsten Tatsachen der wirklichen Grimmschen Quellen nachzugehen.
Mainz PROF. DR. LUTZ RÖHRICH
Deutsches Institut der Universität Mainz
Röhrich