Grobes Blech - DER SPIEGEL
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HÜTTENUNION Grobes Blech

• aus DER SPIEGEL 15/1963
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Generaldirektor der Dortmund -Hörder Hüttenunion AG, Dr.-Ing. Dr. phil. Friedrich Harders, 53, ist erst ein halbes Jahr auf seinem Posten und bereits umstritten: Harders hat entweder die Öffentlichkeit fahrlässig falsch informiert, oder er war nicht in der Lage, die Entwicklung seines Stahlkonzerns auch nur für einige Wochen zutreffend vorauszusagen.

Mitte Mai 1962, Harders war noch nicht Generaldirektor, hatte die Hüttenunion zur Zeichnung von Teilschuldverschreibungen in Höhe von 80 Millionen Mark aufgerufen. Die Schuldscheine sollten mit fünfdreiviertel Prozent im Jahr verzinst werden, Mit dem Kredit wollte das Unternehmen ein modernes Stahlwerk bauen sowie Hochöfen und Umschlagseinrichtungen rationalisieren.

Die Hüttenunion hoffte, mit diesen Investitionen aus der Rolle der »Fußkranken des Ruhrreviers« herauszukommen. Da die Gesellschaft in hohem Maße auf die Herstellung von Grobblechen eingestellt ist, wurde sie von der Krise ihres Hauptkunden, der Werftindustrie, infiziert. Während die meisten anderen Stahlkonzerne für 1960 und 1961 Standarddividenden von zwölf Prozent ausschütteten, reichte es bei der Hüttenunion nur zu neun Prozent.

In seinem Zeichnungsaufruf versicherte der Konzern am 17. Mai letzten Jahres, daß sich nach der vorübergehenden Flaute auf dem Stahlmarkt im Herbst 1961 und dem darauffolgenden Winter »die Nachfrage nach den Erzeugnissen der Hüttenunion in den Frühjahrsmonaten 1962 zunehmend belebt« habe. Eine »befriedigende Beschäftigung« der Gesellschaft sei zu erwarten.

So bereitete es den Banken denn auch keine Schwierigkeiten, die Schuldscheine schnell an den Mann zu bringen. Im Oktober 1962 beantragte der Konzern dann bei den westdeutschen Börsen, die Papiere zum Börsenhandel zuzulassen; die Genehmigung wurde erteilt.

Im Prospekt über die Zulassung, am 28. Dezember 1962 in den Börsenpflichtblättern publiziert, schilderte die Hüttenunion, die inzwischen von Dr. Dr. Harders geleitet wurde, erneut Lage und Zukunft der Gesellschaft in beruhigenden Wendungen. Das Geschäftsjahr 1961/62 sei ausgeglichen verlaufen. Für die erste Hälfte des neuen Geschäftsjahres, das am 1. Oktober 1962 begann, seien die Produktionsaussichten »günstiger als die des entsprechenden Vorjahreszeitraums«, behauptete der Prospekt. Und: »Eine befriedigende Beschäftigung der Gesellschaft« sei zu erwarten. Schlagzeile des »Industriekuriers« nach dieser Prognose: »Hüttenunion für 1962/63 zuversichtlich«.

Zehn Tage nach der Veröffentlichung, am 7. Januar 1963, kürzte die Hüttenunion für 75 Prozent der Belegschaft ihres Werkes Hörde die Arbeitszeit von 42 auf 40 Stunden je Woche und führte für die gesamte Belegschaft des Werkes Dortmund zwangsweise die 40-Stundenwoche ein. Rund 16 000 Mann sind von den Kürzungen betroffen.

Es sickerte durch, daß beispielsweise die Hörder Grobblechstraße nur über einen Auftragsbestand von insgesamt 6400 Tonnen verfügte, obwohl ihre Kapazität bei 60 000 Tonnen monatlich liegt.

Mitte Februar 1963 gab Generaldirektor Dr. Dr. Harders bekannt, daß auch die Stahlproduktion stark gedrosselt werden mußte. Statt einer normalen Tageserzeugung von 9500 Tonnen werden heute nur noch 7000 Tonnen produziert. Harders klagte: »Das ist weit unter einer auch nur annähernden Rentabilitätsschwelle. Das ist selbst für den stärksten Hüttenknecht zuviel.«

Die Überraschungen nahmen kein Ende: Für das Geschäftsjahr 1961/62, das nach dem Harders-Börsenprospekt ausgeglichen verlaufen war, würde die Dividende von neun auf sechs Prozent gekürzt.

Die 80 Millionen Mark Kredit aber hat Dr. Dr. Harders inzwischen zum großen Teil verbaut und damit zusätzlich Kapazität geschaffen. Im Mai dieses Jahres wird das neue Stahlwerk seine Arbeit aufnehmen; es kann dann monatlich 90 000 Tonnen Stahl herstellen. Die Anlage soll nach dem Ausbau in einer zweiten Stufe sogar 180 000 Tonnen Rohstahl im Monat produzieren können.

Meldet die »Welt": »Die Verwaltung weiß nicht, wie es in den nächsten Monaten weitergehen wird, sie wagt keine Prognose ... Die Aktionäre tun gut daran, sich auf einen Dividendenausfall (für 1963) einzustellen.«

Doppeldoktor Harders wagte dennoch eine Prognose: Die geringe Ausnutzung der Kapazitäten und die schlechte Marktlage »bringen mit Sicherheit große Verluste für den Betrieb«.

Hüttenunion-Chef Harders

Prospekt mangelhaft

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