RÜSTUNG Größtes Programm
Melvin Price, amerikanischer Kongreßabgeordneter und Vorsitzender des Streitkräfteausschusses, hält sie für »völlig veraltet« und technisch »für längst überholt«. Und Ex-General Starbird, Vorsitzender einer Regierungskommission von Kernwaffenspezialisten aus dem Pentagon und dem Energieministerium, forderte ihre sofortige »Modernisierung«.
Die Sorge der beiden Militärexperten gilt Amerikas wichtigstem und geheimstem Rüstungskomplex: den Produktionsstätten von Atom- und Wasserstoffbomben für die amerikanische Nuklearstreitmacht.
Über dreißig Jahre lang galten die Kernwaffenlabors und Bombenfabriken der USA als das stärkste Element ihrer militärischen Vorherrschaft, nun aber, 35 Jahre nach dem Abwurf der ersten Atombombe auf Hiroschima, tauchen ernste Zweifel auf. Denn nach den Aussagen der Starbird-Kommission, die dem US-Kongreß Ende Juni ihren Bericht vorlegte, sind die Urantrennanlagen von Oak Ridge, die Pantex-Waffenfabrik in Texas und die Plutoniummeiler am Savannah-Fluß im Bundesstaat South Carolina nicht einmal mehr in der Lage, genügend Spaltmaterial für die laufenden Rüstungsprogramme des Pentagons zu produzieren -- Amerikas atomare Abschreckungskraft, so beschwören die Experten, sei mithin ernsthaft in Gefahr.
Unter Berufung auf den Bericht von Starbird fordert jetzt der Kongreß in Washington noch mehr Dollarmilliarden, um Amerikas Atomwaffenkomplex zu modernisieren. So sollen
* für über drei Milliarden Dollar neue militärische Reaktoren gebaut werden, die Plutonium und Tritium, das auch für Neutronensprengköpfe geeignet ist, herstellen können;
* die bestehenden Reaktoren und Kernwaffenlabors für eine halbe Milliarde Dollar weiter ausgebaut werden;
* allein 250 Millionen Dollar in ein Sofortprogramm zur Herstellung zusätzlicher Sprengköpfe gesteckt werden.
Tatsächlich mag es den Kernwaffenspezialisten auch darum gegangen sein, die teilweise über 35 Jahre alten Atomwaffenfabriken wieder auf den neuesten Stand zu bringen. Aber sie wollen noch weit mehr.
Amerikas Militärs bereiten sich schon jetzt auf jene neue Runde des Rüstungswettlaufs vor, die Pentagon-Offizielle für spätestens Mitte der achtziger Jahre vorhersagen. Grund genug, mehr waffenfähiges Uran und Plutonium für die Bombenproduktion zu fordern.
Das Ziel ist demnach nicht die Erhaltung des gegenwärtigen strategischen Waffenpotentials, sondern sein quantitativer wie auch qualitativer Ausbau, das jedenfalls befürchten Mitarbeiter der amerikanischen Abrüstungsbehörde ACDA, die das geplante Rüstungsprogramm kritisieren.
Sie könnten durchaus recht haben. Schon jetzt lobt etwa Walter Pincus, Militärexperte der »Washington Post«, das Milliarden-Dollar-Projekt als das »größte Atomwaffenprogramm, das Amerika in den letzten 20 Jahren in Angriff genommen hat«, und aus dem Pentagon werden täglich neue Geldforderungen zum Bau zusätzlicher Atomwaffen bekannt.
Danach sollen allein in den nächsten sechs Jahren 200 Atomraketen vom Typ MX, jede mit 10 unabhängig steuerbaren Sprengköpfen, 192 U-Boot-Raketen vom Typ »Trident«, neue 203-Millimeter-Atomgranaten für die Artillerie, H-Bomben für die B-52-Bomber sowie 3000 Cruise-Missile-Nukleargeschosse von den Atomwaffenfabriken ausgeliefert werden.
Regierungsstudien lassen keinen Zweifel, daß die amerikanische Atom-Aufrüstung selbst damit noch nicht abgeschlossen ist. Weitere 6000 Cruise Missiles nämlich -- wegen ihrer billigen Herstellung und weitreichenden Einsatzmöglichkeiten die amerikanische Trumpfkarte im Ost-West-Rüstungspoker -- könnten nach Pentagon-Plänen in kürzester Zeit produziert und mit Hilfe ziviler Großraumjets eingesetzt werden.
Begründet wird der geplante Rüstungsschub wie immer mit der Angst vor den Sowjets. Der Geheimdienst CIA will herausgefunden haben, daß Moskau bereits Ende der 80er Jahre die amerikanischen Städte und Raketenstellungen mit mehr als 14 000 Sprengköpfen bedrohen könnte.
Dabei ist Amerika, entgegen allen Behauptungen im amerikanischen Wahlkampf, der Sowjet-Union in der strategischen Rüstung noch immer überlegen, das weist eine Untersuchung des US-Abgeordneten Aspin nach (siehe Seite 167).
Ohne Rücksicht auf Moskau werden in den amerikanischen Atomwaffenlabors von Los Alamos längst auch die Einzelteile für eine Waffe gefertigt, die eigentlich gar nicht existieren dürfte: die Neutronenbombe.
1978 hatte Präsident Carter offiziell auf ihre Produktion verzichtet. Schon kurze Zeit später aber ließ er das Pentagon anweisen, alle Komponenten der tödlichen Strahlenwaffe zu produzieren. Sogar den zukünftigen Krieg der Neutronen haben die US-Militärs schon durchgespielt.
Vom Zusammensetzen der Bombeneinzelteile bis zu ihrem Einsatz über deutschem Boden, so weiß etwa Bob Carr, Kongreßabgeordneter und Mitglied des Streitkräfteausschusses, verginge »kaum mehr Zeit, als ein Truppentransporter vom Typ C-5A, Galaxy' zum Flug in die Bundesrepublik benötigt« -- weniger als 24 Stunden.