Afghanistan Große Dürre
Tausende von Afghanen verlassen ihre Dörfer im Südwesten des Landes. Sie wandern ab in den Iran oder nach Westpakistan. Afghanen überfallen Afghanen. Sie kämpfen um Nahrung und Wasserstellen.
Das Entwicklungsland am Hindukusch, zweieinhalbmal so groß wie die Bundesrepublik, leidet unter einer bislang kaum gekannten Dürre. Seit über zwei Jahren fiel nahezu kein Regen oder Schnee. Die Weizenpreise stiegen seit 1968 um das Dreifache. Die Fleischpreise sanken um die Hälfte; denn Gras und Wasser für die 22 Millionen Schafe reichen nicht.
Die Hirten und Bauern schlachten ihre Tiere oder verkaufen sie zu Schleuderpreisen an ihre Nachbarn im Iran, in der UdSSR oder in Westpakistan. Dabei sind die Schafe der Reichtum der Afghanen, besonders die Karakulschafe.
Jährlich exportierte Afghanistan 2,5 Millionen Karakulfelle. Sie brachten dem Land in einem Jahr 13 Millionen Dollar – der Gesamt-Export beträgt nur 69 Millionen Dollar. In diesem Jahr aber sind bereits 60 bis 70 Prozent der für den Export bestimmten Karakulfelle vernichtet. Und mindestens 70 Prozent der Schafherden werden den Winter nicht überleben, wenn nicht das Ausland den Afghanen sofort hilft.
Futtermittel und Brotgetreide können sich die Afghanen nicht gegen harte Devisen kaufen. Ihr Land, ein Paradies der Hippies, Abenteurer, Steppenreiter und Nomaden, ist neben Nepal und Bhutan der rückständigste und ärmste Staat Asiens.
Von den auf 16 Millionen geschätzten Afghanen sind 90 Prozent Analphabeten. Nur 20 Prozent der Kinder im schulfähigen Alter besuchen eine Schule. In den abgelegenen Provinzen gilt noch das Gesetz der Blutrache. Und ertappte Verbrecher werden öffentlich gehängt. Stammesfürsten, islamische Mullahs (Laienpriester) und Beamte herrschen über die Bauern und Hirten. 85 Prozent des Volkseinkommens erbringt die Landwirtschaft.
Die afghanischen Bauern bauen mit primitiven Hacken und Holzpflügen kaum mehr Brotgetreide an, als sie für ihren eigenen Bedarf benötigen. Darüber hinaus können nur 5,8 Prozent der Fläche landwirtschaftlich genutzt werden.
Der erhoffte Entwicklungssprung gelang dem Land nicht. Dabei zählt Afghanistan zu den Ländern mit dem höchsten Pro-Kopf-Anteil an Entwicklungshilfe und hat – pro Kopf der Bevölkerung gerechnet – die meisten ausländischen Berater und Experten.
Denn um die Gunst des auf seine Neutralität strikt bedachten Entwicklungslandes am Hindukusch rivalisierten Russen und Amerikaner, Deutsche und Chinesen: Über eine Milliarde Dollar ließen sich die Russen, 480 Millionen Dollar die Amerikaner und 340 Millionen Dollar die Deutschen ihre Nachbarschaft oder Freundschaft zu Afghanistan kosten.
Die Russen bauten eine selbst für Panzer befahrbare Asphaltstraße von ihrer Grenze zur Hauptstadt Kabul, die Amerikaner eine Verbindungsstraße von Kabul nach Westpakistan. Die Russen errichteten den Flughafen von Kabul, die Amerikaner den Flughafen von Kandahar. Die Chinesen bauten Fischzucht-Anstalten sowie das Textilwerk von Bagrami bei Kabul und schlossen »als Zeichen für gute Nachbarschaft« (»Kabul Times«) ein Warenabkommen über 2,5 Millionen US-Dollar.
Die deutsche Entwicklungshilfe floß wesentlich in das regionale Entwicklungsprojekt der Provinz Paktia. Rund hundert deutsche Experten und Berater arbeiten an dem von den Afghanen als vorbildlich gepriesenen Verbundprojekt für land- und forstwirtschaftliche Nutzung, Handwerk und Dorfberatung.
Dem bunten Gemisch an Entwicklungshilfe verdanken die Afghanen eine sowjetisch ausgerüstete und ausgebildete Armee, eine von den Briten aufgebaute Feuerwehr und eine Polizei nach deutschem Muster. An der Universität Kabul lehren amerikanische Landwirte und Ingenieure deutsche Naturwissenschaftler. sowjetische Techniker und französische Mediziner. Und Beratergruppen der verschiedenen Geberländer schlagen der afghanischen Regierung ihre jeweiligen Konzepte für den wirtschaftlichen Fortschritt des Landes vor.
Die Regierung konnte sich aber bislang selten für klare Lösungen entscheiden. Sie ist abhängig von einem König, dem nach der Verfassung letztlich alle Macht zusteht, und einem in regionale Interessengruppen und Stammesvertreter gegliederten Parlament.
Die Mächtigen der Regionen verhinderten, daß wichtige Gesetze verabschiedet und Pläne eingehalten wurden. Sechs Jahre lang berieten sie über das Gesetz zur Errichtung einer Industrieentwicklungsbank. 1969/70 blieben 96 Vorlagen unerledigt liegen, obwohl sie die Ratifizierung der Abkommen über die für das Land notwendige Entwicklungshilfe behandelten.
Moderne Afghanen fordern daher, daß König Sahir endlich ein Parteiengesetz unterzeichnet: Integrierende Parteien anstelle von egoistischen Stammesfürsten könnten das Parlament zu einem entscheidungsfähigen Gremium machen, hofft der afghanische Botschafter in Bonn, Mohammed Yussof. Doch der König wartet. Er fürchtet einen Aufstand der Stämme, falls er sie entmachten will.
An den Provinzegoismen drohen auch die Hilfsmaßnahmen für die Dürrekatastrophe zu scheitern. Zwar mobilisierte die Regierung alle Getreide- und Futtermittelreserven und erhielt auch Weizen-Zusagen von Amerikanern. Russen, Chinesen und Deutschen. Doch schon streiten sich die Stämme, wie die Gaben verteilt werden sollen.
Wird das Schaf-Sterben nicht gestoppt, verliert Afghanistan vorerst seine wirtschaftliche Existenzgrundlage. Denn eine Neuaufzucht der Herden auf den jetzigen Stand dauert vier Jahre.