PRESSE / "BILD" Große Feier
Vehement wie kaum ein anderer Bonner attackierte Conrad Ahlers, 47, Sprecher der Bundesregierung, den Verleger Axel Springer. In einem Interview mit Radio Bremen nannte der Staatssekretär Anfang Februar die Zeitungen des Hamburger Konzerns »eine Presse, die Nachrichten verfälscht«.
Flexibel wie kaum andere Bonner arrangierte sich Ahlers nun, eben acht Wochen nach seinem Ausfall, mit der publizistischen Großmacht an der Elbe. Erst schrieb er exklusiv für »Bild« vom Erfurter Gipfeltreffen. Dann, vorletzte Woche, erwies sich der Regierungssprecher wiederum als ein Mann, der, wie »Bild« den Erfurt-Reporter lobte, »seine Ansichten über uns und unsere Arbeit inzwischen revidiert hat«.
Durch eine Ahlers-Intervention blieb es »Bild am Sonntag« ("BamS") erspart, in der Osterausgabe ein peinliches Papier abdrucken zu müssen: eine vom bremischen Innensenator Franz Löbert beantragte und vom Landgericht Hamburg (Aktenzeichen 740 100/70) verfügte Gegendarstellung, in der »BamS« vorgeworfen wird, »falsch« und »unwahr« zu berichten.
Gegenstand der Gegendarstellung ist die Berichterstattung von »BamS« über Ereignisse, die sich in Bremen zugetragen haben sollen, nachdem Ahlers den Springer-Blättern Nachrichtenverfälschung vorgeworfen hatte. In groß aufgemachten Berichten behauptete das Blatt am 8. Februar auf drei Seiten, der Bonner Staatssekretär habe mit seinem Interview »Bürger aufgewiegelt«, und »prompt« sei in Bremen Schlimmes geschehen. »BamS« auf der Frontseite:
Seit zwei Jahren gab's keine Ausschreitungen mehr in Bremen gegen »Bild«. Dann sprach der Herr Staatssekretar in Radio Bremen. Und schon kamen junge Bremer und ... in den Flur bei »Bild«.
Auf Seite 2 verriet »BamS«, für welches Wort die Pünktchen standen: »Drei »Demonstranten« urinierten in den Hauseingang.« Auf Seite 10 befaßte sich »BamS« noch einmal mit den »stinkenden Konsequenzen« der Ahlers-Rede: »Für unsere Putzfrauen sind sie eine Zumutung und für einen Staatssekretär eine Schande.«
Doch noch andere Konsequenzen habe das Ahlers-Interview in Bremen gehabt. »Bild« -Korrespondent Hermann Arens berichtete:
Ein Feuerlöscher wurde aus der Wand gerissen ... In der Nacht zum Sonnabend mußte dann die Polizei eingreifen. Streifenwagenpolizisten entdeckten Hakenkreuzschmierereien auf einem »Bild«-Firmenschild. Gestern um 11.00 Uhr versammelten sich etwa 100 junge Leute, die Plakate und mit Hakenkreuzen bemalte »Bild«-Zeitungen trugen, auf dem Rathausplatz. Eine Hundertschaft Polizei ging in Bereitschaft. Fünf Beamte wurden als Schutzmannschaft für die »Bild«-Journalisten abgestellt. Der Kommentar eines Polizeikommissars: »Wer so etwas sagt wie Ahlers, muß auch wissen, daß es wieder Krawalle gibt. Er hat die Jugendlichen ja praktisch dazu aufgefordert.«
Bremer Polizeibeamte, die das gelesen hatten, beschwerten sich anderntags, so der Sprecher der Innenbehörde, Dr. Henning Scherf, über »wüste Nachrichtenverfälschung«. Denn »Krawalle« hätten sie nicht bemerkt. In einem Bericht (Aktenzeichen 060-13/2) notierte die »Leitung der Schutzpolizei« am 9. Februar,
* die »angebliche Bedrohung der Redaktion der »Bild-Zeitung"« sei »der Polizei nicht bekannt«, auch der Bremer »Bild« -Bürochef Hermann Arens habe der Polizei gegenüber »keine Angaben gemacht, daß die Redaktion der »Bild-Zeitung« belästigt worden war«;
* nicht »etwa 100« ("BamS"), sondern »höchstens 45« Demonstranten hätten auf dem Rolandmarkt gestanden; »die Teilnehmer verhielten sich friedlich und diskutierten untereinander«; »Plakate hat die Polizei nicht festgestellt«;
* nicht »eine Hundertschaft« ("BamS"), sondern »lediglich eine Gruppe Polizeibeamte in Stärke von 1:9« sei bereitgestellt worden;
* das Kommissar-Zitat sei falsch; »alle eingesetzten Polizeikommissare« hätten angegeben, »keine derartige Aussage gemacht zu haben«. Bestätigen konnte die Polizei allerdings, daß Beamte in der Nacht zum Sonnabend »eingreifen« ("BamS") mußten -- freilich nur mit einem Lappen: Die Besatzung des Funkstreifenwagens »Roland 6« hatte am 7. Februar gegen zwei Uhr morgens auf einem »Bild«-Firmenschild zwei von unbekannter Hand gespritzte, etwa 25 Zentimeter hohe Hakenkreuze entdeckt und sogleich den noch frischen Firnislack notdürftig abgewischt.
Als Polizeibeamte am nächsten Vormittag den Bremer »Bild«-Korrespondenten Arens besuchten, entdeckten sie keine Indizien für die von »BamS« später über drei Seiten ausgebreiteten »Verschmutzungen«. Wohl aber fanden die Beamten in der »Bild«-Redaktion »überall Girlanden und ähnliche Spuren einer großen Feier Am Vortag nämlich, zur selben Zeit, als angeblich Demonstranten bei »Bild« urinierten, hatte »Bild«-Mann Arens mit Freunden in der Redaktion seinen 35. Geburtstag begossen.
Noch etwas machte die Bremer Beamten stutzig: »Das vom Leiter des Büros, Herrn Arens, behauptete Urinieren und Herausreißen des Feuerlöschers durch Demonstranten«, heißt es in einer Aktennotiz, »muß nach Erklärung der eingesetzten Beamten hinter der regelmäßig verschlossenen Eingangstür geschehen sein.« Diese Tür aber war, als die Polizei die Redaktionsräume besichtigte, »unbeschädigt«. Die Beamten mochten nicht ausschließen, »daß die Verursacher der bereits beseitigten Schäden möglicherweise Gäste der nächtlichen Feier gewesen sein könnten«.
Am 20. Februar beschäftigte sich der Bundestag mit der Bremer Urinier-Affäre. »Da Conrad Ahlers als beamteter Staatssekretär hier dazu nicht Stellung nehmen kann«, wartete Kanzleramtsminister Professor Ehmke mit Beispielen für Nachrichtenverfälschungen auf und kam dabei auch auf den Fall Bremen zu sprechen. Ehmke: »Der Polizeibericht sagt in jedem Punkte: Das, was in der Zeitung steht, ist unrichtig; davon haben wir nichts gemerkt; das hat nicht stattgefunden; das ist uns völlig neu.« Die Bremer »BamS«-Berichterstattung sei ein Beispiel dafür, wie »unter Erfindung, Verdrehung oder nur Halbdarstellung von Tatsachen ein Angriff gegen die Regierung gefahren wird«.
»BamS« schlug zurück. Am 22. Februar (Schlagzeile: »Professor Ehmkes falsche Nachricht") kommentierte das Blatt, Ehmke sei »einem unkorrekten Bericht, vielleicht der Gefälligkeitsarbeit eines SPD-Genossen aufgesessen«. Franz Josef Strauß gab im Bundestag Schützenhilfe: Der »Richtigkeitsgehalt« der Ehmke-Bemerkungen sei »höchst dubios«. Strauß zu Ehmke: »Bei den Bremer Vorgängen scheinen Sie einen frisierten Bericht in der Hand gehabt zu haben.«
Das mochten sich die Bremer Berichterstatter nicht vorwerfen lassen: Am 24. Februar verlangte der Innensenator per Einschreiben und Eilboten von »BamS« den Abdruck einer Gegendarstellung. Doch, so Sprecher Scherf, »die 'Bild'-Leute taten alles, um die Sache zu verzögern«. Nach dreiwöchigem juristischem Gerangel wurde dem. Springer-Verlag von der Zivilkammer 24 des Hamburger Landgerichts »im Wege einer einstweiligen Verfügung« auferlegt, die Gegendarstellung zu veröffentlichen. In der 46 Schreibmaschinenzellen langen Erklärung des Innensenators wird unter anderem der Polizei-Verdacht referiert, nicht Demonstranten, sondern »BamS-Gäste seien womöglich »Verursacher« der von »BamS« hochgespielten Verunreinigungen.
»Bild«- und »BamS«-Chefredakteur Peter Boenisch sann auf Auswege -- und traf einen Pfadfinder in Conrad Ahlers. Auf Wunsch Boenischs wandte sich der Staatssekretär am Karfreitag telephonisch über die Bremer Bonn-Vertretung an die hanseatische Landesregierung -- mit der Bitte, auf den Abdruck einer Gegendarstellung in der »BamS«-Osterausgabe zu verzichten. Innensenator Löbert ließ sich, so ein Löbert-Mitarbeiter, von dem Bonner Bittsteller »breitschlagen«.
Nach den Ostertagen freilich überprüfte Löbert noch einmal seine Entscheidung vom Karfreitag, die er -- wegen des Feiertages ohne seine beamteten Berater -- einsam getroffen hatte. Ergebnis: Der Senator besteht, trotz der Bonner Intervention, auf dem Abdruck seiner Gegendarstellung.
»BamS«-Chef Boenisch durfte sich nun nicht länger darum drücken, die Löbert-Erklärung zu drucken. Denn andernfalls wäre die Zahlung einer zwischen den Bremern und den Hamburgern vereinbarten Vertragsstrafe in Höhe von 30 000 Mark fällig. Zudem drohen für den Fall fortgesetzter Weigerung Geldstrafen, deren Höchstmaß -- nach Paragraph 888 der Zivilprozeßordnung -- »unbeschränkt« ist.