VERSAILLES Große Schinken
Sie haben wirklich Geschmack, die Terroristen beim französischen Nachbarn: Linke bombten vor Weihnachten das exquisite Feinschmecker-Geschäft Fauchon an der Pariser Madeleine; es war ein Stoßtrupp mit dem phantasievollen Namen »Autonome Gruppe schwarzes Weihnachten für die Reichen«.
Rechte bombten im Juni die Zentrale des Club Méditerranée an der Pariser Börse, um den jüdischen »Club«-Chef Trigano abzustrafen.
Und nun bombten (wahrscheinlich) nationalistische Bretonen das Schloß von Versailles. Warum?
Das fragte sich, kulturgeschockt, eine Nation, der die architektonischen Zeugen vergangener Größe über viele gegenwärtige Nöte (erwartete Inflationsrate 1978: fast elf Prozent) hinweghelfen.
»Schwachsinnig, unmenschlich, barbarisch« nannte »L'Aurore« die Tat. In »500 Million Centimes« taufte das französische Fernsehen den Schaden von fünf Millionen Franc (2,3 Millionen Mark) um. Und »Unersetzbar« überschrieb der »Figaro« seinen Bombenbericht -- genau das aber stimmt wohl nicht.
Zwar ist Versailles ein Nationalheiligtum, vielleicht in der Tat das schönste Schloß
Und die Bombe, die vorigen Montag um 02.05 Uhr im Südflügel des Schlosses explodierte, muß gewaltig gewesen sein. Sie zerfetzte die Inneneinrichtung dreier Säle, beschädigte sieben weitere Säle schwer und riß ein Loch von zehn Meter Durchmesser in die Decke.
Doch die Attentäter hatten relativ kunstverständig gebombt. Sie legten ihre ruchlose Hand nicht an die weltberühmten Schönheiten von Versailles wie die Spiegelgalerie, die Oper, die Kapelle oder die »Großen Appartements«.
Sie wählten vielmehr die relativ unedlen, dem Kaiserreich gewidmeten Räume, deren Interieur eher historischen als künstlerischen Wert hat. Riesige Schlachtenschinken, die Napoleons Heldentaten verherrlichen, aber erst in nachnapoleonischer Zeit entstanden, bedeckten viele Wände und hängen nun in Fetzen.
Ihre Restaurierung dürfte schwierig sein, weil Schlachtenmalerei dieser Art und Größe seit langem niemand mehr betreibt -- was Kunstliebhaber nicht unbedingt bedauern.
Und einmalig ist Vandalismus in Versailles auch nicht: 1793 verschleuderten französische Revolutionäre die königlichen Möbel in alle Winde, 1871 wärmten sich preußische Grenadiere an Feuern, die sie mit Holzarbeiten aus dem Schloß speisten.
Mit Napoleon wollten die Bretonen, die den Anschlag für sich in Anspruch nehmen, offenbar das nächst dem Versailles-Erbauer Ludwig XIV. faßbarste Symbol des despotischen französischen Zentralstaats treffen. Gegen ihn wehren sich Frankreichs periphere Völkerschaften Basken, Katalanen, Korsen, Elsässer, Flamen und eben Bretonen -- seit Jahrhunderten. Neuerdings sind es vor allem Korsen und Bretonen.
Die seit 1974 verbotene bretonische Separatistenbewegung FLB (Front de libération de la Bretagne), deren bewaffneter Arm, die ARB (Armee républicaine bretonne), sich jetzt den Ruhm Napoleons zum Ziel nahm, beging in den letzten zwölf Jahren 206 Attentate, fast alle aber gegen staatliche Einrichtungen in der Bretagne. 15 FLB-Täter sitzen in Haft.
Gegen eine Ausweitung des Terrors auf Objekte außerhalb der Bretagne ist die französische Polizei praktisch machtlos: In das Schloß von Versailles etwa, nächst dem Pariser »Centre Beaubourg« (siehe Seite 114) und dem Eiffelturm das meistbesuchte Bauwerk Frankreichs, strömen täglich 20 000 Menschen, beäugt bereits von 300 Wächtern.
Um Attentate auszuschließen, müßte man jeden Versailles-Besucher wie einen Flugreisenden abtasten oder durchleuchten.
Pauschal kündigte deshalb Kulturminister Jean-Philippe Lecat »strenge Einschränkungen des Zugangs zu den nationalen Sammlungen« an.