SCHWEDEN Großer Koller
Aller Ärger dreht sich um Jim aus Reims in der Champagne -- aber der kann eigentlich nichts dafür. Seit vier Jahren dient der sechsjährige Hengst Jim seinen französischen Besitzern als williges Haus- und Zugtier; niemand hatte bislang daran etwas zu beanstanden.
Doch im vergangenen Herbst spannten Christian Barnard und seine Verlobte Claudie Lebercq den zugkräftigen Jim vor ihren, einem Zirkusgefährt nicht unähnlichen hölzernen Wohnwagen, um sich auf einen ausgedehnten beschaulichen Urlaubstrott ans Nordende Europas zu begeben.
In Reims ging's los; gutmütig zog Jim Karren und Insassen durch Frankreich, über die Straßen der Bundesrepublik, zockelte gemächlich durchs winterliche Dänemark. Die Idylle schien perfekt, nostalgisches Staunen begleitete das Gespann.
Seit aber, nach einer kurzen Schiffspassage zum Fährhafen Hälsingborg, Jims Hufe königlich-schwedischen Boden berührten, wissen Christian und Claudie nicht mehr so recht, ob sie »lachen oder weinen sollen«.
Es ist wohl eher zum Weinen: Schweden, Nichtmitglied der EG, nimmt auch aus der Nachbarschaft anreisende Tiere erst einmal in Schutzhaft, Quarantäne geheißen. Jim jedoch behielten Hälsingborgs Veterinär-Inspekteure fast über die Hälfte der vorgeschriebenen Zeit von zwei Wochen hinaus bei sich. Der Gaul mit seinem Stummelschwanz erfreute sichtlich schwedische Tierschützerherzen.
In der somit reichlich bemessenen Zeit wurde auch der Wohnwagen einer genauen Untersuchung unterzogen, vom Zuggeschirr bis zur letzten Radniete, als hätten versierte Ralleyfahrer sich vorgenommen, dem TÜV Schlamperei nachzuweisen.
Beanstandenswertes allerdings fand man nicht; und auch Jim kam schließlich wieder frei: »Der Allgemeinzustand des Pferdes, sein Fell und seine Kondition sind einwandfrei«, bekundeten per Unterschrift gleich drei Tierärzte.
Doch damit nicht genug. Kirsten Svennefors, Ministerialrat der Staatlichen Direktion für Landwirtschaft, gab Jims langjährigen Eigentümern schriftlich in französischer Übersetzung Nachhilfeunterricht: Dreimal täglich müsse dem Hengst -- auf schwedischem Territorium -- Futter gereicht werden, dazu Wasser, das nicht aus Schnee geschmolzen werden dürfe; nächtens habe das Pferd unter einer Plane zu ruhen. Und es verstehe sich natürlich, daß zu lange Tagesstrecken und jegliche Überanstrengung des Tieres zu vermeiden seien.
Um dieses zu gewährleisten, erging gleichzeitig ein ministerielles Rundschreiben an die Veterinäre aller schwedischen Landkreise, an die örtlichen Tierschutzinspektoren und die Polizei, ein sorgendes Auge auf das Gespann bei seiner Weiterfahrt zu haben. Selbst die zuständigen Behörden in Norwegen und Finnland wurden alarmiert.
Damit wurde der Urlaubstrip zur Rummelpartie: Tierärzte und -schützer sowie Landgendarmen »lauerten entlang der Fahrtstrecke in den Büschen versteckt, sprangen hervor und begutachteten Jim« -- wie die Zeitung »Expressen« berichtete. An manchen Tagen bis zu dreimal wurde dem Gaul ins Maul geschaut, mußte er seine Hufe herzeigen und Fellhaare zur Untersuchung lassen.
Und immer wieder bescheinigten die Veterinäre Jim beste Gesundheit, entließen ihn gleichwohl erst nach erneuter Ausstellung penibler amtstierärztlicher Atteste auf die Weiterreise.
Das muß in Schweden wohl so sein; denn, erläutert Gunnar Nyström, Kreisveterinär von Gävleborgs län bei Stockholm, »wir hatten schon so etliche Probleme mit so manchem Zirkus«.
Der große Zirkus ist für die beiden jungen Franzosen die verquere behördliche Fürsorge, die ihrem Gespann zuteil wird, und -- ärger noch -- die Aufmerksamkeit selbsternannter Tierschützer, die nicht müde werden, ihre Sympathie für Jim zu bekunden.
So alarmierte der Vorstand der Vereinigung »Freunde der Tiere« seine zahlreichen Mitglieder und forderte per Zeitungsinserate die Bevölkerung auf, den Franzosen klarzumachen, was von deren Urlaubsreise eigentlich zu halten sei: »Tierquälerei« lautete die Anklage auf den Schildern vorgeblicher Tierfreunde, die mancherorts in Scharen zum Protest am Wegrand angetreten waren. Als »Schweine« und »Verbrecher« beschimpften naturverbundene Schweden allenthalben das Paar hoch auf dem bunten Wagen.
Christian, Claudie und Jim haben sich erst einmal auf einen abgelegenen Bauernhof geflüchtet, halten sich in den dichten Wäldern des südschwedischen Smaland versteckt. Die Hoffnung, irgendwann im Sommer doch noch das Nordkap zu erreichen, haben sie nicht aufgegeben -- Nordschweden ist gottlob sehr dünn besiedelt.
Vorab aber bleibt den Franzosen das große Staunen. »In was für ein Land sind wir eigentlich geraten?« fragten sie Reporter einer Stockholmer Zeitung, »habt ihr hier in Schweden den großen Koller gekriegt?«