Großer Krach - und dann der Wodka
Bonn, 14. Juni 1957
Ich bin gestern zum Botschafter z. b. V. ernannt worden und soll als Verhandlungsführer nach Moskau gehen. Das ist keine solche Überraschung, wie es die Presse hinstellt.
Als der Bundeskanzler im September 1955 in Moskau war, beschloß man, nach der Regelung der beiden dringendsten Fragen, der Aufnahme diplomatischer Beziehungen und der Rückführung der deutschen Kriegsgefangenen, alles andere späteren Regierungsverhandlungen zu überlassen. Seitdem wird davon mit Moskau gesprochen, ohne zu Stuhle zu kommen. Jetzt endlich sieht es so aus, als ob es losgehen könnte. Jedenfalls tun wir so.
Es soll ein Handelsabkommen geschlossen werden, ein Konsularvertrag ist in Aussicht genommen, dazu kommt eine vertrackte Sache, die scheinbar im Hintergrund steht, uns aber die Hauptsache ist: die der nach der Sowjet-Union verschleppten deutschen Zivilisten. Die Kriegsgefangenen, etwa 10 000, sind ja nun zurückgekehrt. Aber in der Sowjet-Union befindet sich noch, zwangsweise zurückgehalten, eine viel größere Anzahl von deutschen Zivilisten, die beim Einmarsch der Roten Armee und nach der Kapitulation aus mancherlei Gründen, meist als Zwangsarbeiter, in die Sowjet-Union verschleppt worden sind und nun auch der Rückkehr harren.
Adenauer hat in Moskau von 130 000 Menschen gesprochen. Bulganin und Chruschtschow haben erwidert, von solchen Deutschen nichts zu wissen. Wir haben inzwischen lange Listen nach Moskau geschickt, aber die Sowjets erklären, die Repatriierung der Deutschen sei abgeschlossen, und es könne sich höchstens darum handeln, über die Rückführung einzelner deutscher Staatsangehöriger aus der UdSSR zu sprechen. Also ein Dissens schon im Tatbestand.
Hier beglückwünscht mich alles: Mit der neugeschaffenen Funktion des Botschafters z. b. V. sei ich nun der Unterhändler Nr. 1 der Bundesrepublik geworden und genieße den Vorzug, außergewöhnlich wichtige Verhandlungen führen zu dürfen, die sicherlich im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses stehen würden.
Ich finde nicht, daß diese Verhandlungen außergewöhnlich wichtig sind. Wichtig ja, wegen der Themen und mehr noch wegen des Umstandes, daß sie die ersten normalen Regierungsverhandlungen der Bundesrepublik mit der Supermacht Nr. 2 sind. Aber außergewöhnlich wichtig?
Doch so ist das mit unserer öffentlichen Meinung: Alles, was aus dem Osten kommt, verursacht pikantes Gruseln und wird dem Leser mit billigen Schlagzeilen S.110 genüßlich verabreicht. Von pikantem Gruseln fühle ich allerdings mich selbst auch nicht frei, wenn ich daran denke, einem Verhandlungspartner gegenüberzutreten, den ich nicht im geringsten kenne.
Die Russen, die ich als Soldat in zwei Kriegsjahren kennengelernt habe, sind zweifellos ganz andere als die, mit denen ich in Moskau zu tun haben werde. Niemand kann mir Auskunft geben. Seit 16 Jahren sind die Brücken abgebrochen. Ich gehe als ein tumber Tor nach Moskau.
Bonn, 18. Juli 1957
Vor zwei Tagen war ich in Baden-Baden, um mich beim Außenminister (Heinrich von Brentano) abzumelden.
Brentano war entschieden gegen die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Moskau gewesen, hat eine abgrundtiefe Abneigung, ja fast eine physische Aversion gegen die Sowjets und bemitleidet mich offensichtlich aus dem Grunde seiner Seele. Geht es schief, werde ich von ihm keine Vorwürfe zu hören bekommen.
Vorher war ich bei (Staatssekretär) Hallstein. Dieser ist immer der klarste. Sieht deutlich die Schwierigkeiten meiner Themen, ja das Risiko des ganzen Unternehmens, von dem sich Adenauer einen Wahlschlager verspricht, das aber ebensogut ins Gegenteil umschlagen kann. Schließlich war ich gestern beim Bundeskanzler; er hatte sich eine Stunde Zeit für das Gespräch gelassen - für mich eine eindrucksvolle Stunde. Ich bin nun schon häufig bei ihm gewesen, ohne den rechten Kontakt zu finden. Aber diesmal war er anders, war herzlich, ja, wie ein betagter Vater, der den Sohn in ein schwieriges Abenteuer hinausziehen sieht.
Er sprach von seinen Unterhaltungen im engsten Kreise mit (Ministerpräsident) Bulganin und (Parteichef) Chruschtschow, die ihm auseinandergesetzt hätten, was die Sowjet-Union und Deutschland in der Welt vermöchten, wenn sie zusammenarbeiteten.
Er schilderte seine Gesprächspartner in sehr anschaulicher Weise, die mir für den Umgang mit den meinigen sicher von Nutzen sein wird. Er unterstrich, wie wichtig es für die Bundesregierung sei, daß die ersten Verhandlungen mit der Sowjet-Union zu einem guten Ende führten.
Ich beginne mich in meine so unterschiedliche Thematik hineinzufinden. Das Handelsabkommen ist mein Schlachtroß: Die Sowjets sind offensichtlich an diesem lebhaft interessiert, namentlich soweit es sich um den Bezug von Investitionsgütern für die Durchführung ihrer Mehrjahrespläne handelt.
Das Konsularabkommen ist eine ziemlich magere Ziege, vielleicht sogar eine hämische; die Sowjets werden, wie von vielen anderen Ländern bekannt, voraussichtlich ihre künftigen hiesigen Konsulate zu Spionagezwecken benutzen und damit wohl einigen Ärger verursachen; andererseits werden sie, da sie sich nicht vorstellen können, daß wir nicht das gleiche beabsichtigen, die Tätigkeit unserer Konsulate beargwöhnen und beschränken, was sie viel besser können als wir in umgekehrter Richtung.
Die Rückführung der verschleppten Deutschen ist für uns das psychologischpolitisch wichtigste Thema; für die Sowjets hingegen ein ungewöhnlich delikates. Schon weil die Verschleppung rechtswidrig war - welche Rolle hat im Nürnberger Prozeß die Zwangsarbeiterfrage gespielt! -, ferner weil sie mit der Ausreise von Zivilisten durchweg nicht viel im Sinne haben.
Erschwerend kommt hinzu, daß wir keine präzisen Unterlagen besitzen. Die hier und da genannten Ziffern sind sehr unterschiedlich, nicht zuletzt deshalb, weil der Begriff »Deutsche« sehr unterschiedlich verstanden wird. Wo zieht man da die Grenze? Wieweit sind die Sowjets bereit, uns anzuhören?
Summa summarum: Wenn das man gutgeht!
Moskau, 23. Juli 1957
Um 13 Uhr kamen wir in Moskau an. Auf dem Bahnhof großer Auftrieb. Die Botschaft mit dem Geschäftsträger an der Spitze vollzählig vertreten. Viele schaulustige Sowjetmenschen und ein Empfangskomitee mit einem Stellvertretenden Außenminister, der mich mit offenbar herzlichen, mir aber unverständlichen Worten willkommen hieß.
In einer langen Autokolonne ging es in schneller Fahrt durch halb Moskau - das Stadtbild schien mir sehr uneinheitlich: Wolkenkratzer wechseln mit Bruchbuden, Mietskasernen mit Baulücken, Pomp mit Verfall und falscher Tünche. Erster Eindruck: wenig für Auge und Herz.
Nach längerer Fahrt tauchte unser Hotel, das Hotel Ukraina, auf, ein breitgelagerter Wolkenkratzer, eine riesige Burg mit Hauptturm und vielen Nebentürmchen, alles stilecht Zuckerbäcker, 30 Stockwerke, 1200 Zimmer, das größte Hotel Europas, wie die begleitenden Sowjetmenschen versicherten.
Ich bewohne ein Appartement de Luxe, was mich im Land der klassenlosen Gesellschaft überrascht, aber es ist so: Während eine Familie nicht mehr als zehn Quadratmeter beanspruchen kann und angeblich nicht immer erhält, umfaßt mein Luxe einen Vorraum, einen Salon (roter Plüsch), zwei Bäder, Kofferraum - stattliche Räume, aber eingerichtet wie die gute Stube des Kleinbürgers der Jahrhundertwende.
Die erste Verhandlung ist vorbei; sie verlief freundlich, ja prächtig. Ein arger Kapitalist hat im vorigen Jahrhundert im damaligen vornehmen Viertel Moskaus ein Palais in gotischem Edelkitsch, das Spiridonowka Palais, erbaut. Dort fand S.112 heute nachmittag unsere Eröffnungssitzung statt; dort soll es wohl auch weitergehen.
Das war nicht die einzige Überraschung; bis zur Ankunft in Moskau wußte ich nicht, wer mein Verhandlungspartner sein würde. Wiederholt hatte sich die Botschaft bei dem zuständigen Stellvertretenden Außenminister Semjonow danach erkundigt, aber nicht mehr als die mit verschmitztem Lächeln vorgebrachte Antwort erhalten, es werde »ein guter Mann« sein.
Jetzt wissen wir es: Er selbst wird es sein. Botschaft und deutsche Journalisten meinen, die Sowjets hätten damit ihr bestes Pferd aus dem Stall geholt. Ich weiß nicht recht, ob ich mich dieserhalb freuen oder sorgen soll.
Moskau, 28. Juli 1957
Es war eine turbulente Woche. Viele Besuche, eine Vollsitzung, zwei Verhandlungen mit der Semjonow-Kommission und eine mit der Kumykin-Gruppe (Handelsdelegation), das erste Delegationsfrühstück, ein Empfang in der Botschaft, tägliche interne Delegationssitzungen und Besprechungen mit dem inzwischen eingetroffenen Botschafter Haas - das alles bei sengender Hitze.
Bisher ist alles friedlich verlaufen. Aber das kann auch die Ruhe vor dem Sturm sein. Ich war vor schwierige Entscheidungen gestellt, die mir weiterhin Kopfzerbrechen bereiten.
Die Sowjets drücken stark auf das Tempo der Wirtschaftsverhandlungen; schon in der ersten Sitzung der Unterkommission haben sie sorgfältig vorbereitete Papiere für ein mehrjähriges Handelsabkommen überreicht und tun, als könne man bald unterzeichnen.
Es bestätigt sich, daß das, was die Sowjets von uns haben wollen, hochwertiges Investitionsmaterial ist, das wir leicht in der ganzen Welt absetzen können, das aber, was wir ihnen gern liefern würden (und was die Sowjetbürger so gut gebrauchen könnten), nämlich Verbrauchsgüter, sie überhaupt nicht interessiert. Die sowjetischen Liefermöglichkeiten sind beschränkt.
Umgekehrt gehen die Sowjets an die Repatriierungsfrage nur zögernd heran. Auch stellt sich diese als noch vertrackter heraus, als sie in Bonn aussah. Die von Adenauer hier vor zwei Jahren genannte Zahl von 130 000 Menschen erweist sich als unhaltbar, hat aber die Sowjets erst einmal gründlich verbiestert.
Jetzt spricht man in Bonn von 80 000 - auch das ist mehr Vermutung als Gewißheit. Aber schlimmer noch, die Sowjets meinen, die, von denen wir da sprächen, seien größtenteils Sowjetbürger (die natürlich in der Sowjet-Union zu bleiben hätten), weil nach sowjetischem Recht alle, die in dem heute (!) sowjetischen Gebiet lebten, sowjetische Staatsbürger seien, auch wenn sie einmal eine andere Staatsangehörigkeit besessen haben.
Das Interesse der Sowjets am Handelsabkommen muß ich benutzen, um unserem Interesse an der Repatriierung zum Erfolg zu verhelfen. Das wiederum zwingt mich als Chef d''orchestre, die Gesamtverhandlung so zu steuern, daß wir mit dem ersten Bereich nicht fertig werden, bevor der letzte geklärt ist.
Das bedeutet: Nachdem die Sowjets in der Handelsfrage ihre Papiere vorgelegt haben, habe ich unsere Repatriierungswünsche zu definieren. Aber welche? Der erfahrene Unterhändler bringt zunächst seine Maximalforderung vor - es ist später immer leichter, etwas nachzulassen als nachzuschieben. Namentlich gegenüber den Sowjets, die ja ihrerseits nicht unter Schüchternheit leiden, ist solche wenig am Platze.
Im übrigen wäre es wegen des Windes, der bei uns um die Repatriierung gemacht wird, ganz ausgeschlossen, irgendwelche deutsche Staatsangehörige, welcher Kategorie auch immer, wegzulassen. So meine Instruktion. Möglichst farblos habe ich von den Personen, die am 8. Mai 1945 die deutsche Staatsangehörigkeit besessen haben, gesprochen. Semjonow hat es mit Ruhe entgegengenommen. S.115 Danach haben wir gemeinsam mehrere Wodka getrunken.
Unsere hiesige Botschaft ist, wie auch die anderer westlicher Staaten, einer alle westlichen Phantasien weit hinter sich lassenden Spionage ausgesetzt. Aus unserer Kanzlei haben Spezialisten des Bonner Verfassungsschutzes in zweiwöchiger Arbeit zehn Kilogramm Leitungsdraht und sonstiges Abhörmaterial herausgeholt und dann erklärt, daß in den Mauern des Kanzleigebäudes bestimmt noch mehr vorhanden sei und mit der Anbringung neuen Materials aus den anstoßenden Nachbargebäuden jederzeit zu rechnen sei.
Darauf hat Bonn ein Wunderwerk der Firma Siemens, eine angeblich absolut abhörsichere Gesprächszelle, in einem der Kanzleiräume einbauen lassen - äußerlich ein würfelförmiger Kasten, in den man wie durch eine Panzertür eindringt, innen ein »Kabuffchen« von vielleicht 3 x 3 x 2 Metern, in dem normalerweise der Botschafter mit seinen nächsten Mitarbeitern oder ausländischen Besuchern de marque konferiert, sich aber jetzt ein Haufen von etwa 30 Menschen bei zunehmender Hitze gräßlich zusammenquetscht.
Bonn, 6. August 1957
Großer Krach in Moskau! Nächtliche Zurückbeorderung, in Hamburg geräuschvoller Empfang, dann zahlreiche Gespräche. Und morgen werde ich in die Schlacht zurückgeschickt.
Als die Delegation heute vor einer Woche zur zweiten Verhandlung über die Repatriierung im Spiridonowka Palais eintraf, waren schon bei der Begrüßung anstelle der bisherigen betonten Heiterkeit nur eisige Sowjetgesichter zu sehen. Der sonst so reich gedeckte Büfett-Tisch stand in melancholischer Leere.
Nach Sitzungsbeginn ergriff Semjonow das Wort, um ein zehnseitiges Statement zu verlesen, in dem erklärt wurde, daß die Repatriierung schon längst und ein für allemal abgeschlossen, unser Vorbringen bösartige Erfindung und somit kein Wort mehr darüber zu verlieren sei, um dann einen Kübel von Unrat über Deutschland, über die Delegation und mich persönlich auszukippen.
Kein Wort der sachlichen Begründung, statt dessen eine mit sachfremden Argumenten gespeiste Schimpfkanonade sondergleichen. Im Verlauf dieses Überfalls wurde klar, daß die Sowjets darauf abzielten, uns so zu provozieren, daß die Verhandlungen, an denen bei ihnen kein Interesse mehr zu bestehen scheint, von uns aus abgebrochen würden.
Ich antwortete sehr viel kürzer: Von der Sowjetregierung nach Moskau eingeladen, um mit ihr zu verhandeln, sähen wir, daß die sowjetischen Vorstellungen von Gastfreundschaft und Verhandlungssitten andere seien als die unseren; ich wollte an den unsrigen festhalten.
Ich ging auf ein paar Punkte ein, die mir der sofortigen Richtigstellung zu bedürfen schienen, und sagte im übrigen, ich würde meine Antwort nach Fühlungnahme mit der Bundesregierung vervollständigen. Wortlos gingen die Delegationen auseinander.
Was macht ein armer Verhandlungsführer nach solchem Desaster? Nun, er schickt ein Fernschreiben nach Hause, und er geht eine Etage höher, in diesem Fall zum Außenminister Gromyko.
Ich fuhr also am Tage darauf zusammen mit Haas zu ihm. Ich erinnerte ihn daran, daß von höchster sowjetischer Stelle wiederholt gesagt worden sei, man könne über alles sprechen, daß speziell zur Repatriierungsfrage die Zusage eines Gesprächs vorliege und dieses offensichtlich noch am Anfang stehe; bisher liege ja überhaupt keine konkrete sowjetische Antwort auf unsere Vorschläge vor.
Statt sich hierzu zu äußern, nahm Gromyko ein Papier, das auf drei Seiten wiederholte, was Semjonow auf zehn S.117 gesagt hatte. Ich griff einige Punkte heraus, die unschwer zu widerlegen waren.
Was geschah? Gromyko las das Papier ein zweites Mal vor. Er hätte es wohl auch ein drittes Mal gelesen, wenn ich es darauf angelegt hätte. Das nennt ein sowjetischer Außenminister verhandeln.
In der Nacht bin ich dann nach Hamburg geflogen, um Brentano in Kiel zu treffen, Hallstein in Oberstdorf aufzusuchen und Adenauer in Bonn zu berichten. Die erste Frage ist natürlich immer gewesen: »Wie ist das gekommen?« Die Sowjets haben statt zu begründen nur geschimpft.
Also sind wir auf Kombinationen angewiesen. Die einen führen es auf unsere Haltung auf der Londoner Abrüstungskonferenz, die anderen auf unsere jüngste Note zur Deutschlandfrage zurück. Manche meinen, die ganze Verhandlung sei eine Falle der Sowjets gewesen: Mit einem von Anfang an geplanten eklatanten Mißerfolg wollten diese Adenauers Chancen für die im September stattfindenden Bundestagswahlen schmälern.
Am meisten habe ich selbst mir den Kopf zerbrochen. Habe ich etwas falsch gemacht?
Die Rückforderung russischer Volksdeutscher, die während des Krieges die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten haben, ist für die Sowjets natürlich eine harte Nuß. Immer der alte Komplex: Ein Wechsel der Staatsangehörigkeit - in der übrigen Welt kein sensationeller Vorgang - ist in sowjetischen Augen ein Fall von Geistesstörung oder Landesverrat. Aber unser Wunsch konnte die sowjetische Seite, soweit sie mit der Materie vertraut war, nicht überraschen.
Der große Krach ist gewiß nicht von Semjonow, das heißt dem Außenministerium, sondern von ganz oben inszeniert worden. Dafür haben wir mehrere zuverlässige Indizien, auch darüber, daß dem großen Krach uns gegenüber ein solcher an der Sowjetspitze vorausgegangen ist.
Alles spricht dafür, daß Chruschtschow, ohnehin in diesen Tagen sehr schlecht auf uns zu sprechen und über die zu erwartenden deutschen Wünsche weniger gut im Bilde als das Außenministerium, offenbar in Rage über deren Umfang geraten ist und kurzerhand gegen jede Übung und ohne Rücksicht auf das wohlverstandene eigene Interesse den Abbruch befohlen hat.
Ich soll nun also in Moskau weitermachen, soll in der Repatriierungsfrage »flexibel« verhandeln, ohne Unverzichtbares aufzugeben ... »Vertrauen ehrt«, sagt der Skatspieler. Aber im Ernst: Ich gehe einen schweren - manche sagen, aussichtslosen - Gang.
Bonn, 21. August 1957
Schon wieder in Bonn! Nur für drei Tage. Ich war mehrfach beim Minister, war beim Bundeskanzler und habe dem Bundeskabinett berichtet; morgen fliege ich nach Moskau zurück.
In ziemlich desolater Lage: Keiner der beiden Verhandlungspartner will das Odium des Verhandlungsabbruches auf sich nehmen, aber eine Verhandlung kommt nicht zustande, weil keine Einigkeit über die Tagesordnung besteht.
Als ich vor zwölf Tagen von dem ersten Bonner Zwischenakt nach Moskau zurückkehrte, fand ich dort eine noch eisigere Stimmung vor, als sie bei der Abreise geherrscht hatte.
Die Botschaft hat am Tage nach meinem Abflug - ohne mit mir vorher darüber zu reden oder Bonn zu unterrichten - eine Pressekonferenz veranstaltet, zu S.119 der sie die westlichen Journalisten eingeladen hat, um anhand des in den Botschaftskellern aufgestapelten Materials die sowjetische Behauptung, es gebe kein Repatriierungsproblem mehr, zu widerlegen. Die Sowjetpresse schäumt, weil sie nicht eingeladen war und weil es sich um ein Fälschungsmanöver handle.
Was soll das auch? Wozu solche Demonstration? Um die Sowjetregierung zu belehren - diese kennt den Tatbestand besser als wir. Um sie bloßzustellen? Das wirkt hier noch kontraproduktiver als anderswo. Um den Westen zu informieren? Dieser steht ohnehin auf unserer Seite. Oder etwa die sowjetische öffentliche Meinung? Die gibt es nicht.
Haas, eine ehrliche Haut, meint, die sowjetischen Lügen könne man doch nicht auf sich beruhen lassen, während ich von der Überlegung ausgehe, was bei einer Aktion letztlich herauskommt. Er wird jetzt von den Sowjets noch stärker attackiert als ich, aber ich habe es letzten Endes auszubaden.
Die Sowjets geben sich völlig unleidlich, beschimpfen die Bundesregierung nach Strich und Faden und lassen sich keine Gelegenheit entgehen, Gespräche so unergiebig und unerquicklich zu gestalten wie nur möglich. Meine Revanche besteht darin, die größte Dickfelligkeit zur Schau zu tragen.
Am Schluß der letzten Delegationssitzung wünschte uns Semjonow gute Rückreise, und die ganze sowjetische Delegation grinste. Ich erwiderte ihm, Moskau feßle mich außerordentlich. Einem Journalisten habe ich gesagt, wenn die Sowjets den Abbruch der Verhandlungen erzwingen wollten, müßten sie mich auf meinem Sessel aus dem Verhandlungssaal tragen oder mich des Landes verweisen. Das macht jetzt die Runde.
Am Dienstag war ich unter vier Augen bei Semjonow. Da geht es dann normal zu, aber die Lage ist sonnenklar: Er darf nicht über die Repatriierung verhandeln. Zwischendurch hatten wir eine Wirtschaftsverhandlung, in der ich mich bemühte, Kumykin den Mund möglichst wäßrig zu machen.
Wenn ich morgen abend in Moskau ankommen werde mit genau den gleichen Weisungen wie bisher, werde ich in einer Lage sein, die ich der Delegation und mir gern erspart hätte.
Aber es gehört wohl zu den Aufgaben des Unterhändlers, bisweilen seine Haut zu Markte zu tragen. Ich verstehe den Bundeskanzler: Diese mit so großem Pomp eingeleiteten - und gar nicht so sehr von der Bundesregierung wie von der öffentlichen Meinung hochgejubelten - Verhandlungen drei Wochen vor den Bundestagswahlen mit negativem Ergebnis zu beenden, gefällt ihm wenig.
Moskau, 19. September 1957
Mit den Bundestagswahlen hat Adenauer ja einen großartigen Erfolg errungen! Und einen ganz kleinen hat auch die Delegation zu melden: Meine Verhandlungen leben noch, ich höre sie zwar nur röcheln, aber halte sie nicht für mausetot.
Nach dem Wahlsieg Adenauers müssen sich die Sowjets klarmachen, daß, wenn sie Beziehungen mit der Bundesrepublik unterhalten wollen, sie für mindestens vier Jahre mit Adenauer zu rechnen haben. Ich vermute: Sie wollen.
Aber schnell wird das nicht vor sich gehen. Einen Diktator, der gedonnert S.122 hat, wieder zum Lächeln zu bringen - wie schwierig das für die eigenen Leute ist, wer wüßte das besser als ich, und doppelt schwierig ist es für den ausländischen »interlocuteur«.
Bonn will jetzt erst einmal die Wirkungen der Wahl auf unser Verhältnis zu Moskau und speziell auf die Verhandlungen abwarten - deshalb sollen wir noch hierbleiben, was uns schwerfällt.
Ich hatte meinerseits mehrfach eine Unterbrechung vorgeschlagen. Wir sind hier, was man uns ungeniert zu verstehen gibt, offensichtlich unerwünschte Gäste. Die Verhandlungen quälen sich von Pause zu Pause weiter; seit vierzehn Tagen habe ich keinen unserer Gesprächspartner mehr gesehen.
Die anderen Delegationsmitglieder kommen sich noch überflüssiger vor; das hiesige Leben haben wir schon längst über, die Familien zu Hause jammern, das alles drückt mächtig auf die Stimmung. Ich bemühe mich, meine Mannschaft bei Laune zu halten.
Moskau, 27. Oktober 1957
Es ist etwas ganz Tolles passiert: Die Sowjets haben erklärt, die Verhandlungen wiederaufnehmen zu wollen!
Am Montag erhielt ich aus dem Außenministerium, in dem ich seit Wochen nicht mehr gewesen bin, die unerwartete Einladung zu einem Besuch bei dem Stellvertretenden Außenminister Firjubin, der den erkrankten Semjonow vertritt. Sollte das der endgültige Hinauswurf sein, oder was sonst war zu erwarten?
Firjubin sprach lang und ruhig, auf Russisch. Schließlich merkte mein Dolmetscher, der tüchtige und nette Richter, daß er seinen Botschafter aus der Ungeduld befreien müsse, und flüsterte mir zu: »Sie wollen weitermachen.«
Fast genau vor einem Vierteljahr hatte Semjonow im Spiridonowka Palais verkündet, daß es endgültig aus und vorbei sei. Fast ein Vierteljahr hatte ich um das jetzt gehörte Wort gerungen und bisweilen die Hoffung darauf verloren. Jetzt war es ausgesprochen.
Im übrigen war die Rede Firjubins ein Seiltänzerkunststück mit dem Ziel, die Absicht der Fortsetzung erkennen zu lassen, ohne irgend etwas zu konzedieren. Sie ließ alles offen, und was in der neuen Verhandlungsphase herauskommen wird, steht in den Sternen geschrieben. Klar ist nur so viel, daß mit viel Arbeit weiterhin viel Zeit vergehen wird.
Moskau, 11. Dezember 1957
Hier wird mächtig gearbeitet - alle, auch die Russen, scheinen das Bedürfnis zu verspüren, vom großen Versäumnis des Jahresablaufs im Jahresendspurt einiges wieder aufzuholen.
Aber die große Entscheidung, von der Erfolg oder Mißerfolg abhängt, liegt noch vor uns. Wir steuern auf sie zu, ich habe einige Mühe, mein Schifflein auf Kurs zu halten - aber wie es zugehen wird, weiß niemand, wissen nach meinem Gefühl auch die sowjetischen Delegationsmitglieder nicht. Hierüber hat der Herrscher aller Reußen wohl noch nicht das letzte Wort gesprochen.
Semjonow hat der Delegation gestern ein Essen gegeben, das nicht nur üppig und vorzüglich war, sondern das auch recht munter verlief. Semjonow hielt eine Tischrede mit einem Toast auf unsere, d. h. seine und meine Freundschaft, nachdem er versichert hatte, wir hätten niemals miteinander Streit gehabt.
Ich dachte an seine Kanonade von Anfang August und war einen Augenblick verdutzt, aber mir wurde schnell klar, was er meinte und ich immer geahnt hatte. Nicht er hatte das Feuer geschürt, sondern immer den Erfolg der Verhandlungen gewollt, wohl auch jetzt.
Kürzlich lud er mich zusammen mit seiner netten, feinen Frau in die Oper ein. Das ist so ungewöhnlich, daß im S.124 Diplomatischen Corps, das im allgemeinen nicht viel Interessantes wahrzunehmen hat, ein Geraune entstand. Es war die Erstaufführung von Chatschaturjans »Spartakus« - interessante Musik, tendenziöse Handlung.
Ich lernte Chatschaturjan kennen. Semjonow und er sind befreundet, wie Semjonow überhaupt ein Freund der Künstler und der Künste ist. Er erzählte mir, er besitze 8000 Schallplatten, davon 5000 mit klassischer deutscher Musik. Als ich ihm sagte, ich glaube, diese auch einigermaßen vollständig zu haben, komme aber nur auf 2000 Platten, meinte er, allein von der Neunten habe er zehn Wiedergaben.
Er besitzt eine Kenntnis deutscher Literatur, die mich bisweilen in Verlegenheit versetzt, ist aber auch in persischer Literatur bewandert - und ist Christ. Er behauptet es jedenfalls, und wenn ich an seine Bibelfestigkeit denke, muß ich ihm glauben. Kurzum, ein sehr gebildeter und sehr selbständiger Mann, eine in der hiesigen Führungsschicht seltene Erscheinung - deshalb (oder trotzdem?) hochangesehen und einflußreich.
Vieles spricht dafür, daß er für uns Deutsche, mit denen er seit 1940 hauptsächlich befaßt ist, Verständnis hat. Manche sagen sogar, eine stille Liebe. Ihm wird nachgesagt, sich als Hochkommissar in der Sowjetzone für eine österreichische Lösung der Deutschlandfrage eingesetzt zu haben; diese sei jedoch von den von Ulbricht angestifteten Falken des Kremls hintertrieben worden.
Moskau, 5. März 1958
An das AA ist gerade ein Fernschreiben citissime abgegangen: Das Vertragswerk verspricht zustande zu kommen. Bei einem Essen, das ich heute der sowjetischen Delegation gab, kam Semjonow - gegen die Regel - schon bei den Vorgerichten auf die Verhandlungen zu sprechen, um mir die seit langem mit Ungeduld erwartete sowjetische Entscheidung über die Repatriierung mitzuteilen.
Die Sowjets haben sich einen Ruck gegeben: Wir werden die Repatrianden - außer den Beutedeutschen - zurückbekommen. Schätzungsweise wird es sich um 25 000 Menschen handeln. (Diese Zahl halten wir geheim, nicht so sehr wegen unserer eigenen Öffentlichkeit, der leichtfertigerweise früher viel höhere Zahlen genannt worden sind, als mit Rücksicht auf die Sowjets, für die 25 000 Ausreisefälle ein dicker Hund sind.)
Mit Rücksicht auf die sowjetische Empfindlichkeit werden wir diese Vereinbarung, im Gegensatz zum Handels- und zum Konsularabkommen, auch nur mündlich, aber mit einem nicht minder sorgfältig ausgearbeiteten Text abschließen. Semjonow sagt: »Mit unseren drei Abkommen verhält es sich wie mit der Dreieinigkeit - Vater, Sohn und Heiligem Geist. Letzteren sieht man nicht, aber man weiß, daß er da ist.«
Natürlich ist die Freude in der Delegation groß - wir haben nicht umsonst acht Monate in Moskau ausgeharrt, und das Ergebnis stellt das Maximum des Erreichbaren dar.
Um die unverdientermaßen geringschätzig genannten »Beutedeutschen« tut es mir leid; ich habe gesehen, wie viele der unglücklichen Wolga- und sonstigen Rußlanddeutschen, meist prächtige S.126 Menschen, nach mehrtägigen Reisen unter großen Opfern nach Moskau gekommen sind, um die Botschaft, deren Betreten für sie eine gefährliche Sache ist anzuflehen, sie nicht zu vergessen. Diese im Stich zu lassen, ist bitter, obwohl für sie von Anfang an kaum Hoffnung bestand.
Du glaubst nicht, mit welchem Maß von Sturheit und Mißtrauen wir zu kämpfen haben. Die Sowjets trauen einander nicht, und sie trauen uns nicht. Die bäuerliche Sorge, übervorteilt zu werden, hemmt die Verhandlung nicht weniger, als daß alle wesentlichen Entscheidungen »oben« getroffen werden.
Die sowjetische Empfindlichkeit, die echte und die gespielte, bringt es mit sich, daß die Sowjets wie rohe Eier zu behandeln sind, während ihr eigener »proletarischer Umgangston« solche Rücksicht nicht im geringsten kennt. So ist das Verhandeln mit ihnen eine wahre Nervensäge, und diese Säge ist nun seit über acht Monaten in Gang.
In der Hauptsache benutzt sie Kumykin, nicht aus Bosheit, sondern weil er ängstlich und pedantisch ist. Gelegentlich gibt er sie an Semjonow weiter, der sie als gerissener Unterhändler meisterhaft handhabt, und manchmal nimmt jeder der beiden ein Ende in die Hand, um mit vereinten Kräften zu sägen.
Wie gern würde ich es ebenfalls tun; aber die große Crux dieser ganzen Verhandlung besteht in der Ungleichheit der Partei: unsere bescheidene Bundesrepublik gegen eine Supermacht, der Besiegte gegen den Sieger, das Handelsabkommen, ein guter, aber nicht rasanter Trumpf, gegen die Repatriierung, in der alles vom guten Willen und der guten Laune der Sowjets abhängt.
Nachdem uns die Sowjets wiederholt sehr großzügig bewirtet hatten, wollte ich unser Essen, einschließlich der Tafel, ebenfalls festlich gestalten und hatte unter anderem die Aufstellung von Menükarten angeordnet. Als ich eine Viertelstunde vor Beginn im Hotel Praga ankam, fand ich eine prächtige Tafel vor, aber die Menükarten fehlten.
Trotz mehrfacher Mahnung erschienen sie auch nicht beim Eintreffen der Gäste. Erst bei der Suppe kam der Kellner mit Aufstellkarten. Doch diese standen nur einen Augenblick, als der tüchtige Dolmetscher Richter sie in großer Eile und Bestürzung wieder abräumen ließ.
Was war geschehen? Es waren anstelle der Menükarten schön aufgemachte Vervielfältigungen der (stattlichen) Rechnung aufgestellt worden; offenbar kennen die Russen Menükarten nicht, hatten aber angenommen, wir wollten den Gästen zeigen, was wir uns die Sache kosten ließen.
Moskau, 10. April 1958
Ich habe einen großen Tag hinter mir und einen großen vor mir: Vorgestern habe ich im Spiridonowka Palais die Verträge paraphiert, und morgen werde ich Moskau verlassen - ich denke, für immer.
Es blieb bis zum Schluß spannend. Die Paraphierung hat sich gegenüber den Erwartungen von Anfang März um drei Wochen verzögert. Vor zwei Wochen sah es aus, als wollten die Sowjets überhaupt nicht mehr - vielleicht wegen des Beschlusses des Bundestages in der Atomfrage, oder was auch immer ihnen in den falschen Hals geraten sein mag.
Dann fingen sie an, schon gemachte Zusagen wieder einzuschränken. Die Einbeziehung Berlins verursachte großen Ärger, und vorgestern wurde es um 12 Uhr wieder unklar, ob paraphiert werden könne, weil man sich nicht über die Übersetzung des Namens unserer Bundesrepublik ins Russische einigen konnte.
Ich war ziemlich fertig. Als im letzten Augenblick auch diese Klippe überwunden war, setzte ich mich in den Wagen und mir ein Lächeln aufs Gesicht, um mit der Delegation ins Spiridonowka zu fahren.
Wie üblich wurden die beiden Delegationen zunächst den Reportern ausgeliefert, danach folgte die Verlesung von Texten, namentlich der mündlich abgeschlossenen Repatriierungsvereinbarung, und schließlich die Paraphierung.
»Dann ließ Semjonow Sekt kommen« - wie das »Hamburger Abendblatt« gestern schrieb - und feierte mich als Freund und Sieger, das erste wohl zu Recht, das letztere gewiß nicht.
In einer guten Verhandlung gibt es keine Sieger. Im übrigen habe ich nie verheimlicht, als Ignorant, als der ich nach Moskau gekommen war, einiges Lehrgeld bezahlt und manches Haar gelassen zu haben. Einiges habe ich im Lauf von achteinhalb Monaten über den Umgang mit den Sowjets gelernt.
Fragte mich einer, der nach mir hierherkommt, um Rat, so würde ich folgendes Rezept empfehlen: drei Teile Geduld und je ein Teil Sturheit, Aufrichtigkeit und Seigneuralität.
S.108Mit Legationsrat von Zahn-Stranik (M.).*S.110Mit Ministerpräsident Bulganin (l.) und Parteichef Chruschtschow.*S.124Sitzend: Lahr, Semjonow.*