DDR/MÜLL Günstiger Markt
Das erste Geschäft des »Hanseatischen Baustoffkontors« mit der DDR war deutsch-deutsche Routine. Die Ost-Berliner Bergbau-Handel GmbH gestattete der Lübecker Firma, 33 000 Kubikmeter Bauschutt auf der Mülldeponie Schönberg in Mecklenburg abzulagern.
Doch dann entdeckten die ostdeutschen Finanzmanager, daß aus dem Dreck des Klassenfeindes weit mehr West-Kapital zu machen ist: Drei Monate nach dem Schutt-Auftrag, im Juli 1979, schloß DDR-Unterhändler Eberhard Seidel mit dem Baustoffkontor einen Vertrag, der bislang nach Art und Umfang im Ost-West-Handel einmalig ist.
In dem Kontrakt verpflichteten sich die Norddeutschen, der nur fünf Kilometer von Lübeck entfernten Müllkippe bis 1989 mindestens 850 000 Tonnen Giftmüll zu liefern. Für den Auftrag baute die DDR sogar eine neue Straße und erweiterte ihre Grenzabfertigungsstelle Selmsdorf.
Die Investition könnte sich lohnen: Das Abfallgeschäft dürfte Ost-Berlin in den nächsten Jahren mehr als 100 Millionen West-Mark einbringen. Der Unrat der Kapitalisten beschert den Einheitssozialisten eine Devisenquelle, die noch lange sprudeln kann. Denn nicht nur bundesdeutsche Kommunen und Unternehmen möchten die Halde der Kommunisten nutzen, sondern auch Müllproduzenten aus dem Ausland -die DDR als Müllkippe Europas.
Zwar steht die nach dem westdeutschen Abfallbeseitigungsgesetz erforderliche Zustimmung Schleswig-Holsteins noch aus. Doch die in Kiel regierenden Christdemokraten haben bereits wissen lassen, daß sie nach anfänglichen Bedenken demnächst zustimmen werden.
Daß die DDR ihre Devisenkasse auffüllen kann, hat sie, so Kontorgeschäftsführer Adolf Hilmer, seiner Firma zu verdanken. Ursprünglich wollte das »Hanseatische Baustoffkontor« jenseits der Grenze lediglich Kies abbauen. Bei geologischen Untersuchungen habe sich dann 1977 herausgestellt, daß der Boden wegen des tiefen Grundwasserspiegels für eine Müllkippe hervorragend geeignet sei.
Die ostdeutschen Außenhändler ließen sich nur zu gern auf den Vorschlag Hilmers ein, statt an Kies an giftigem Abfall zu verdienen -- wußten sie doch aus Müllgeschäften mit West-Berlin, was dabei zu holen ist. Die West-Berliner Stadtreinigung deponiert jährlich über eine Million Tonnen Hausmüll im Ostdeutschen und bezahlt dafür knapp 33 Millionen West-Mark an die DDR.
Lohnend ist das Geschäft mit dem Müll nicht nur für die Lübecker Firma und ihren Ost-Partner, den inzwischen der Chef-Devisenhändler der SED, Alexander Schalck-Golodkowski, beaufsichtigt. Profitieren werden auch westliche Kommunen und Unternehmen. Denn die östlichen Müllverwalter nehmen Preise pro Tonne, die, so Hilmer, »marktgünstiger« sind als die in der Bundesrepublik.
Die DDR-Deponie ist zudem attraktiv, weil in Schleswig-Holstein geeignete Kippen fehlen. Die Betriebe müssen ihren Dreck nach Niedersachsen transportieren -- wegen des langen Wegs eine teure Angelegenheit. Die von Kiel und Hamburg betriebene Müllverbrennungsanlage Stapelfeld etwa ist gezwungen, jährlich 6000 Tonnen Schlacke, Asche und Salze zu der 200 Kilometer entfernten niedersächsischen Deponie Münchehagen zu karren.
Die Müll-Entsorger aus Hamburg und Schleswig-Holstein wollen nun ihre Rückstände in der DDR loswerden. Auch die Metallhütte Lübeck, die Probleme mit umweltgefährdendem Stahlstaub hat, möchte ins Geschäft kommen.
Doch nicht nur für die Norddeutschen ist die DDR-Müllgrube, die mit rund 35 Millionen Tonnen Fassungsvermögen zu den größten Europas zählt, attraktiv. Interessiert sind auch Niederländer und Skandinavier, die allesamt nicht wissen, wohin mit ihren Abfällen.
Die Amsterdamer Stadtverwaltung wurde bereits konkret. Über verschiedene Makler und die Lübecker Reederei Hans Lehmann ließen die Stadtväter bei der Hafengesellschaft der Hansestadt erkunden, ob bei ihr Abfall-Container für Schönberg umgeschlagen werden könnten. »Da war«, erinnert sich der Chef der Lübecker Hafengesellschaft Herbert Schmitz, »von 60 000 Tonnen jährlich die Rede -- als Anfang.«
Kontorchef Hilmer äußert sich allerdings noch zurückhaltend. Verbindliche Absprachen mit niederländischen Stellen, so der Manager, seien bislang nicht getroffen. Er wolle zunächst die Genehmigung aus Kiel für die Transporte abwarten, die in seinen Augen viel zu lange auf sich warten läßt.
Nicht ohne Grund: Das auch für den Umweltschutz zuständige Landwirtschaftsministerium in Kiel mußte zunächst prüfen, ob nicht der Dreck, den die Westdeutschen über die Grenze bringen, mit dem Grundwasser wieder nach Lübeck zurückkommt. Nach zwei Ortsterminen in Schönberg sowie Kontakten zwischen Experten Ost und Experten West im vergangenen Jahr gaben sich die Kieler zufrieden -- zumal die DDR sich bereit erklärte, zusätzliche Drainagen zum Auffangen giftigen Sickerwassers zu verlegen. Ernst-Wilhelm Rabius, Sprecher von Landwirtschaftsminister Günter Flessner (CDU): »Die Deponie entspricht westdeutschem Standard.«
Den Sozialdemokraten dagegen ist die Müllgrube nicht geheuer. Sie halten es für möglich, daß eines Tages doch Luft, Grundwasser oder Trave und Wakenitz durch den Dreck aus dem Osten verseucht werden könnten. Die DDR werde, so fürchtet die SPD, die Kippe nicht so streng überwachen, wie es eigentlich für Oberflächendeponien erforderlich ist.
Die Sorgen scheinen berechtigt. Denn die Kieler Experten mußten sich mit den Daten begnügen, die ihnen von S.89 den Deponie-Verwaltern zur Verfügung gestellt wurden. Selber Bodenproben nehmen durften sie nicht -- ein Prüfverfahren, das bei den zumeist privaten Lagern in der Bundesrepublik nicht erlaubt ist.
Skeptisch stimmt die schleswig-holsteinische Opposition auch, daß die DDR den Umweltschutz allgemein weit laxer handhabt als der Westen, zumal wenn sie die Folgen nicht ausbaden muß. So schütten die Kalibetriebe in Thüringen bis zu 40 000 Tonnen Salzlauge täglich in die Werra -- ein deutsch-deutsches Problem, über das Bonn und Ost-Berlin schon seit geraumer Zeit verhandeln (SPIEGEL 6/1980).
Doch selbst wenn sich die CDU-Landesregierung noch anders besinnt, verhindern läßt sich die Lagerung von Giftmüll vor den Toren Lübecks nicht. Denn er würde ohnehin nach Schönberg gelangen -- über den Ostseehafen Rostock.