US-WAHLKAMPF Guter Name
Er trägt Maßanzug und Fliege. Wirkt so ordentlich und sauber wie ein Teenager der 50er Jahre beim Abtanzball. Seine Stimme ist melodisch, er spricht makellos, wie druckreif, und gibt sich vor Kameras und Mikrophonen so selbstsicher wie sonst nur Landsmann Ronald Reagan.
Doch hinter der schmucken und scheinbar angepaßten Figur des Louis Farrakhan, 50, steckt der Führer der amerikanischen Moslem-Sekte »Nation of Islam«, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Amerikas Schwarze zur Abspaltung in einen eigenen Staat aufzuwiegeln, getreu den Prinzipien des 1965 ermordeten Black Muslim Malcolm X.
Seit sich der schwarze Reverend Jesse Jackson um die Präsidentschaftskandidatur der Demokratischen Partei bewirbt, wähnen sich Farrakhan und seine knapp 10 000 Glaubensbrüder dem Ziel einer schwarzen amerikanischen Nation näher denn je. Kaum ein anderer unterstützt Jackson lautstärker und engagierter als Farrakhan. Kein zweiter hat dem schwarzen Polit-Prediger freilich auch mehr geschadet.
Vor sechs Jahren hatte sich Farrakhan von der New Yorker Black-Muslim-Bewegung abgespalten, die nach dem Tod ihres langjährigen Führers Elijah Muhammad auf einen zunehmend gemäßigten Kurs eingeschwenkt war.
Von ihrem Hauptquartier in Chicago aus suchte die »Nation of Islam« die Radikalität des Sektenvaters aufrechtzuerhalten. So lehnte es Farrakhan ab, in Amerikas »politischem Prozeß mitzuwirken«, weil dieser »korrupt« sei. Jacksons Kandidatur brachte die Wende.
Elijah Muhammad, erinnerte sich Farrakhan an ein angebliches Wort des Verstorbenen, habe ihm einst gesagt, ein schwarzer Kandidat, der »unsere Sache furchtlos vertritt und uns nicht übervorteilen will, verdient den Rückhalt des ganzen Volkes«.
Der Moslem Farrakhan stand dem Christen Jackson fortan mit Rat und Tat zur Seite. Farrakhans Wächtergarde »Die Früchte des Islam« umgab Jackson, bevor Secret-Service-Agenten den Schutz des Bewerbers übernahmen.
Als Jackson von Syriens Assad im Januar die Freilassung des schwarzen Navy-Piloten Robert Goodman erwirkte, reiste Farrakhan mit nach Damaskus.
Kein Zweifel: Jackson hatte den radikalen Separatisten politisch gesellschaftsfähig gemacht. Farrakhan war zum Mitglied und Beweis des »Regenbogen«-Konzepts geworden, mit dem Jackson Amerikas ethnische Minderheiten auf sich vereinigen will.
Farrakhan, einst unter dem Namen Louis Walcott als Calypso-Barde erfolgreich, wurde Mitglied des Jackson-Trosses. Auf Wahlveranstaltungen übernahm es der redegewaltige Mann, die Menge auf den Regenbogen-Politiker einzustimmen. Er war dabei so erfolgreich, daß Jackson den Moslem mitunter als seinen Ersatzmann bezeichnete.
Doch unvertraut mit politischem Kalkül und getrieben von missionarischem Eifer für seinen christlichen schwarzen Bruder schoß der Moslem-Prediger über das Zeil hinaus.
Am 11. März strahlte die Chicagoer Rundfunkstation WBEE Farrakhans einstündige Sonntagspredigt »Respect for Life« aus. Mit schriller Stimme meldete Farrakhan aus seiner Hauptkirche der »Nation of Islam«, daß sich unter den Schwarzen Amerikas ein »Judas« und »Verräter« befände, der »eines baldigen Tages mit dem Tode bestraft« werde, weil das die einzig »angemessene Strafe für solche Hunde« sei.
Derart öffentlich bedroht und verunglimpft sah sich »Judas« Milton Coleman, Reporter der »Washington Post«. Farrakhan warf dem schwarzen Journalisten des Hauptstadtblattes vor, der gemeinsamen Sache aller Schwarzen zu schaden, weil er Jacksons Kandidatur nicht vorbehaltlos unterstütze.
Wahrheitsgemäß hatte Coleman berichtet, daß Jackson die Juden mit der abträglichen Redewendung »Hymies« (nach dem geläufigen, amerikanisch-jüdischen Namen Hyman) und New York mit seinen über eine Million Juden als »Hymietown« bezeichnet hatte.
Farrakhan: Den Ausrutscher hätte der Journalist für sich behalten sollen, da er in einem Gespräch fiel, das nicht zur Veröffentlichung gedacht gewesen sei. Das von der »Post« gleichwohl abgedruckte Zitat brachte Jackson in eine Zwangslage: Er stritt es zunächst ab, rang sich dann mühsam das Eingeständnis ab und entschuldigte sich schließlich bei Amerikas Juden.
Doch der Schaden ließ sich schwer begrenzen. Farrakhan hatte durch seine Drohungen gegen den Journalisten die Integrität des schwarzen Politikers ins Zwielicht gesetzt und sich selbst in die Schußlinie manövriert. Denn die überregionalen Zeitungen und Fernsehstationen unterzogen daraufhin Farrakhans Predigt, die nach Angaben der »Nation of Islam« über 43 Rundfunkanstalten der Nation jeden Sonntag ausgestrahlt wird, eingehenden Prüfungen.
Nicht nur hatte Farrakhan angekündigt, er werde »versuchen, daß jede Kirche in Washington« Coleman künftig den »Zutritt verwehrt«, und »dreckigen Verrätern« mit dem Tod gedroht.
In seiner mit merkwürdigen Prophezeiungen einer rassischen Apokalypse angefüllten Predigt hatte er auch akzeptiert, daß die Juden »mich Hitler nennen«, und nichts Anstößiges daran entdeckt. Denn das »ist ein guter Name. Hitler war ein großer Mann«, der »Deutschland aus dem Nichts emporgeführt« habe, so »wie wir unsere Leute aus dem Nichts emporführen«.
Wohl beeilte sich der religiöse Eiferer, als sein Predigt-Text bekannt geworden war, den politischen Schaden für seinen schwarzen Bruder zu begrenzen. Farrakhan versicherte Coleman, er habe ihn persönlich nicht bedroht und werde ihm und seiner Familie »niemals nach dem Leben trachten«. Fernseh- und Zeitungsjournalisten hätten die Zitate aus dem Zusammenhang gerissen und den »religiösen Kontext« seiner Bemerkungen nicht begriffen.
Die Hitler-Bemerkung schwächte Farrakhan dahin ab, daß er in dem deutschen Diktator nur »einen verrucht Großen« sehe und nichts mit dem »gottlosen Killer« gemein habe.
Jackson wiederum konnte zwar »an Hitler überhaupt nichts Großes entdecken«, weigerte sich aber, sich von Farrakhan zu distanzieren: »Ich bin nicht verantwortlich für jedes Statement eines meiner Freunde oder Helfer.«