Hänschen, piep - DER SPIEGEL
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KIRCHE Hänschen, piep

Den Bischöfen ist die Kontrolle über die organisierte katholische Jugend entglitten. An der Basis bildet sich eine Gegenkirche.
• aus DER SPIEGEL 46/1981
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Die Hausbesetzer im Kölner Stadtteil Ehrenfeld rückten mit Schlafsäcken und Eßgeschirr an. Einer der Jugendlichen ließ eine Fahne voranwehen: das Lilienbanner der Katholischen Pfadfinderschaft Sankt Georg.

Als die Polizei in Bonn das instandbesetzte Haus Münsterstraße 21 räumen wollte, mußte sie erst mal Protestler der katholischen Studentengemeinde wegschleppen. Die jungen Christen hatten sich aus »Solidarität mit den Hausbesetzern« auf dem Gehweg niedergelassen.

In München fand es der Stadtjugendpfarrer Josef Obermaier himmelschreiend, daß der Jugendführer Winfried Bergermann »entgegen unseren Wünschen mit der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend gemeinsame Sache« machte. Aus Marburg wurde dem Bischof von Fulda berichtet, daß dort im Roncalli-Zentrum der katholischen Studentengemeinde immer wieder Schriften von »Extremisten« ausliegen durften, von der »Deutschen Friedensgesellschaft/Vereinigte Kriegsdienstgegner«.

In Köln und Bonn erhielten die katholischen Hausbesetzer amtskirchlichen Tadel; aus dem Marburger Studentenhaus mußten die Friedensinfos auf bischöfliche Weisung verschwinden. In München quittierte Jugendreferent Bergermann auf Druck den Kirchendienst.

Kein Zweifel, die alten Oberhirten haben den Glauben an ihre organisierte Jugend verloren; und der katholische Nachwuchs, ohnehin nur zu zehn Prozent organisiert, traut seinen Alten nicht mehr. Die Mehrheit im Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), der 13 Mitgliedsverbände und 500 000 Mitglieder umfaßt, driftet ebenso wie die Arbeitsgemeinschaft der 51 katholischen Studenten- und Hochschulgemeinden von der Amtskirche weg.

Von den deutschen Bischöfen einst als »reine, treue Gefolgschaft« geschätzt, scheren sich die Jungen nur noch wenig um alte Kirchendogmen, dafür mehr ums Weltliche. Werbe-Slogan einer katholischen Kölner Jugendgruppe: »Offen für alle und für alles.«

Die Bischöfe verstehen die Welt nicht mehr. Im Frühjahr beklagte einer von ihnen auf der Vollversammlung in Kloster S.113 Reute bei Bad Waldsee, »der Dialog zwischen den Generationen« sei auch in der Kirche »zerbrochen«. Vor allem auf drei BDKJ-Verbände, denen mehr als die Hälfte aller Jungkatholiken angehörten, ist nach Ansicht vieler Bischöfe kaum noch Verlaß:

* Die Mitglieder der Katholischen Jungen Gemeinde, rund 155 000 Jungen und Mädchen zwischen zehn und zwanzig, die früher zu wöchentlichen »Heimatabenden« zusammenkamen und sich bei Gesellschaftsspielen wie »Hänschen, piep mal« die Zeit vertrieben, gehen jetzt gegen den Bau von Kernkraftwerken an und solidarisieren sich mit den Demonstranten auf dem Gelände der Frankfurter Startbahn West.

* Die Katholische Studierende Jugend (KSJ), vormals als Mädchen-Bund »Heliand« und Jungen-Bund »Neudeutschland« auf fromme Programme wie »Neue Lebensgestaltung in Christus« getrimmt, schwenkt auf »politische Theologie« um. Die Aktiven unter den 25 000 Gymnasiasten empfehlen jetzt die Unterschrift unter den Krefelder Appell und rücken auch sonst dem Leben näher. Pappschild auf einer KSJ-Tagung: »Die Seele bleibet auch noch rein / nach Bier, Schnaps, Wein und Beischläflein.«

* Die Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg, rund 100 000 Mitglieder, früher mit Geländespiel- und Lagerfeuer-Romantik hoch im Kurs, sammelt nun lieber Geld für Basisgemeinden in Lateinamerika, ruft gegen den Wehrdienst und für die Ableistung des Zivildienstes auf.

Der Konflikt der Kirchen-Amtsleitung mit der Kirchen-Apo fordert seine Opfer. Die Katholische Deutsche Studenteneinigung, die Ende der 60er Jahre den linken Parolen an den Hochschulen folgte, wurde schon 1973 aufgelöst. Den Bischöfen mißfiel, daß die katholischen Jung-Akademiker »anstelle der Freiheit, die Christus uns brachte«, einen »marxistisch beeinflußten sozioökonomischen Begriff der Befreiung« setzten.

An die Stelle des zerschlagenen Gemeindeverbandes trat die Arbeitsgemeinschaft katholischer Studenten- und Hochschulgemeinden (AGG), der jetzt ebenfalls die Auflösung droht. Eine Kommission der Bischofskonferenz fand im AGG-Programm Anstößiges: »Unterstützung all derjenigen Kräfte ... die auf Veränderung bestehender Strukturen der Ausbeutung hinwirken.«

Möglicherweise widerspricht das schon den »allgemeinen Kriterien für Statuten der Hochschulgemeinden«, die Joseph Kardinal Höffner, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, ausarbeiten ließ. Danach sind katholischen Studentengemeinden politische Initiativen nur dann erlaubt, wenn sie »nicht den Zielsetzungen des christlichen Glaubens widersprechen« und »nicht verfassungsfeindlich sind«. Was christlichem Glauben widerspricht, definierte allein der Kardinal.

Die Bannflüche der Bischöfe wie auch die Drohungen, den Zuschuß der Kirche zu streichen, sind den alternativen katholischen Formationen schnuppe. Auch ohne finanzielle Unterstützung hat sich eine »Initiative Kirche von unten« mit rund 25 000 Katholiken in Basisgemeinden und Arbeitskreisen zu einer Art Gegenkirche formiert: Zu den bislang 37 Verbänden gehören die »Christen für den Sozialismus«, die Kampfgruppe »Homosexuelle und Kirche« ebenso wie das »Komitee Christenrechte in der Kirche«.

Die Position der Linksabweichler hat der Münsteraner Theologe Johann Baptist Metz beschrieben: »Kein Jammern über die Repressionen von oben in der Kirche, sondern sich selber das Christentum zutrauen.« Gehorsam gegenüber der Hierarchie ist ebenso passe wie der Glaube an unverständliche Dogmen oder das Festhalten an unterschiedlichen Konfessionen. Protestanten sind genauso willkommen wie Katholiken.

Wie die katholischen Amtsträger solches Kirchenverständnis bewerten, demonstrierten sie Anfang Oktober in Düsseldorf. Der Antrag der »Kirche von unten«, beim Düsseldorfer Katholikentag 1983 als Mitveranstalter zu agieren, war für den Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, den bayrischen Kultusminister Hans Maier, ein Frevel: Davon »wollen wir absehen«.

Maiers schlichte Absage machte Offizielle des BDKJ so wütend, daß sie nunmehr überlegen, ob sie nicht »gemeinsam mit der Kirche von unten einen Alternativ-Katholikentag gestalten« sollen.

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