INDIEN Häßliches Licht
Indira Gandhi, die eiserne Lady von Delhi, hatte die Augen voll Tränen, so sehr ging ihr die Geschichte der zwei Besucherinnen ans Herz. Gleich nachdem sie gegangen waren, ließ Frau Gandhi ihren Sekretär kommen und gab eine Untersuchung in Auftrag. Thema: Sittenstrolche, Bigamisten und Kidnapper in ihrer Kongreßpartei.
Was die zwei Backfische aus dem Dorf Agras im Bundesstaat Uttar Pradesch ihrer Landesmutter erzählten, wirft ein häßliches Schlaglicht auf die Verwilderung der Sitten in der großen alten Partei Mahatma Gandhis. In sechs indischen Unionsstaaten laufen derzeit Ermittlungsverfahren wegen Notzucht, Erpressung, Mord und Entführung gegen Regierungsmitglieder oder prominente Funktionäre der Regierungspartei. »Trinker, Triebtäter, Abschaum« -- so der Oppositionspolitiker Bhai Mahawir zum SPIEGEL, »haben Frau Gandhis Partei unterwandert, jedoch sie ist bemüht, ihren Stall wieder sauberzukriegen.«
Um ein Zeichen zu setzen, empfing die Regierungschefin Rani und Somwati, die zwei vergewaltigten Teenager aus Agras, in Privataudienz. Während sie ergriffen der Horrorgeschichte der geschändeten Mädchen lauschte, skandierten draußen Verwandte der Opfer: »Bumser raus aus der Partei!«
Die zwei minderjährigen Mädchen waren am 23. Juni von Surendra Pratap Singh, dem Sohn des Landwirtschaftsministers von Uttar Pradesch, und einem Freund in einer Hütte am Dorfrand vergewaltigt worden. Währenddessen hielten draußen zwei Gendarmen Wache, damit die Orgie nicht gestört wurde.
Ranis und Somwatis Eltern versuchten, Strafanzeige gegen die zwei Täter zu erstatten. Aber eine Horde bewaffneter Rabauken belagerte Tag und Nacht ihre Häuser und ließ niemanden hinaus. Erst eine Woche nach dem Verbrechen gelang es den Vätern, im Nachbarort eine Anzeige anzubringen.
Die Sexualdelikte der Politprominenz fügen sich in ein Muster von Macht und Gewalt, dem das Leben auf dem indischen Subkontinent seit Jahrhunderten folgt. Täter sind fast immer Angehörige der oberen Kasten, Opfer fast immer »Haridschan«, Unberührbare, die seit dem Ende der Kolonialzeit zwar politisch gleichberechtigt sind, gesellschaftlich aber immer noch diskriminiert werden.
Eine Unberührbare war auch Lakschmi Prya Singh aus Bhubaneschwar im Unionsstaat Orissa. Lakschmi hatte in einem Brief an Frau Gandhi bittere Klage darüber geführt, daß sich ihr Dienstherr, Viehzucht- und Forstminister Kaunria Madschhi, mehrmals an ihr vergangen habe. Nicht genug damit.
Als Lakschmi gestand, sie sei schwanger, drohte Madschhi angeblich, er werde sie einsperren lassen, wenn sie nicht Ruhe gebe.
Lakschmi und ihre Familie waren folgsam. Ihr Vater nahm eine Hypothek auf seinen kleinen Bauernhof und finanzierte damit eine Abtreibung. Aber der Fall sprach sich herum. Die Kleinbauern der Umgebung griffen zu den Waffen und drohten mit Gewalt.
Seitdem ist in Lakschmis Heimatdorf eine starke Polizeistreitmacht stationiert, wobei aber unklar blieb, wen die Polizisten vor wem beschützen sollen. Die Schutztruppe mußte mehrmals eingreifen, S.172 um Angriffe auf Lakschmi und ihre Familie abzuwehren.
Auf Entführung und Notzucht lautet auch die Anklage gegen Sardschu Sarad Sarodsch, den stellvertretenden Sozialminister in Uttar Pradesch. Sardschu hatte die vierzehnjährige Tochter des Rikschakulis Lakschman gekidnappt und sich an ihr vergangen. Obwohl er Morddrohungen erhielt, ging Lakschman zur Polizei und zeigte Sardschu an.
Der Erfolg war zwiespältig. Lakschman bekam zwar seine Tochter zurück. Aber Sardschu ist nach wie vor im Amt. Besonders ärgerlich für die Ärmsten der Armen: Zu Sardschus Aufgaben gehört auch die Betreuung der Haridschan.
Inzwischen hat Frau Gandhis Säuberungskampagne bereits erste Früchte getragen. Planungsminister Ibrahim aus Bangalore mußte auf Druck seiner Parteichefin zurücktreten, nachdem er eine Waschfrau hatte entführen lassen, um sie zu veranlassen, ihre Klage zurückzunehmen. Die Frau hatte Ibrahims Bruder angezeigt, weil der versucht hatte, sie zur Herausgabe ihrer 16jährigen Tochter zu pressen.
Hart durchgreifen ließ Frau Gandhi auch gegen Dibakar Najak, den Vorsitzenden der Kongreßpartei in Biridi (Orissa), und dessen sieben Komplicen, welche die Ehefrau des Journalisten Nabakischore Mahapatra umgebracht hatten. Mahapatra war in seiner Zeitung Najaks unsauberen Geschäften mit örtlichen Geschäftsleuten nachgegangen und widersetzte sich Najaks Bestechungsversuchen.
Der Parteiboß nahm furchtbare Rache. In einem ausgetrockneten Flußbett überfielen Najak und seine Spießgesellen Mahapatras Frau Tschabirani und vergewaltigten sie so lange, bis sie tot war. Richter K. C. Kar vom Gericht in Cuttack kannte keine Gnade und verurteilte die ganze Bande zu lebenslänglichem Gefängnis.