DISKOTHEKEN Halb Palermo
Der Rausschmeißer wollte Mustafa und seine beiden Freunde nicht in die Schöneberger Diskothek »Spezial« einlassen. Auch der hinzugerufene Geschäftsführer wies den türkischen Jungs die Tür. Als Mustafa »Arschloch« sagte, entwickelte sich eine Massenschlägerei. Hinterher lag ein Mann auf dem Pflaster, von Mustafa in Notwehr erstochen.
Der junge Täter kam bis zur Einstellung des Verfahrens in Untersuchungshaft; dort schrieb er über seine Erfahrungen als Türke an Berliner Disko-Eingängen: »Das macht uns wirklich kaputt. Ich frage mich immer, was sind wir - sind wir Tiere oder Schweine?«
Was in einer Februarnacht in tödliche Eskalation mündete, ist in Berlin trister Alltag. An vielen Türen der Berliner Nightlife-Gastronomie stoßen junge Ausländer auf eine Art »Apartheid«, wie Barbara John, Ausländerbeauftragte des Senats, feststellt.
Mit Kraftsprüchen ("Wir wollen hier drin nicht halb Palermo") oder kühlem Abwinken »schon aus drei Meter Entfernung« blockieren viele Berliner Türsteher die Gäste mit den mißliebigen Gesichtern. Aus dem Erlebnisprotokoll einer Türkengruppe: _____« 31. 4. 88: Diskothek »Flash Dance« (Kudamm-Karree), » _____« deutscher Türsteher, ca. 30 J. »Türken kommen hier nicht » _____« rein!«, »Nur wenn du deutsche Staatsbürgerschaft hast » _____« oder ''ne Klubkarte, die kostet 450,00 DM für 1 Jahr und » _____« dann Eintritt extra.« »Oder du bringst deine Braut mit » _____« ...« Kurz danach passierten mehrere deutsche Jugendliche, » _____« junge Erwachsene. Sie zeigten keinen Klubausweis, waren » _____« ohne weibliche Begleitung. »
Seit dem Vorjahr erforscht Berlins Ausländerbeauftragte systematisch, wem der Zutritt zu den Diskos verwehrt wird. Alle jugendlichen Ausländer sind aufgerufen, der Dienststelle ihre Beschwerden mitzuteilen. Vier junge Türken rückten während der letzten Wochen mit senatsamtlichen Fragebögen auf die Piste.
Die Erprobung verlief deprimierend. »Ziemlich traurig« und »irgendwie schon enttäuscht« kam Krankenschwester Gürselen Dog, 20, zumeist von den Erkundungszügen nach Hause. Nicht anders erging es den anderen drei Testern: In sieben von 17 untersuchten Etablissements wurde der türkische Spähtrupp, teils mehrfach, abgewiesen. Das sei »kein Ruhmesblatt für eine Stadt, die sich gern weltoffen gibt«, klagt Barbara John.
Anderswo sieht das Bild nicht viel besser aus. Meldungen über Zurückweisungen der »Ausländer mit orientalischem Aussehen« reichen vom »Cafe Tagblatt« im bayrischen Freising bis zum »Fürstenhof« in Hamburg. In der Hansestadt will eine »Initiative gegen alltäglichen Rassismus« demnächst eine »Braune Liste« mit ausländerfeindlichen Lokalen veröffentlichen.
Vielfach ziehen auch die deutschen Gäste kräftig mit. Aus der Düsseldorfer Disko »Line Light« berichtet Besucherin Mirjam, 19, wie bisweilen ausländische Jugendliche, die der Türsteher einläßt, »von den Gästen so angemacht werden, daß sie bald wieder draußen sind«. Andere stimmen mit den Füßen ab: »Wenn zu viele Ausländer in einem Lokal sind, hauen die Deutschen ab«, beklagte sich ein jordanischer Gastronom beim Berliner »Tagesspiegel«, »so sind die Deutschen eben.«
Es fehlt nicht an Versuchen von Ämtern und Gerichten, die Diskriminierung an den Disko-Türen zu stoppen. Das Bayerische Oberste Landesgericht etwa hat schon 1983 einem Kneipier bescheinigt, es erfülle »den Tatbestand der Beleidigung, wenn er einen Besuchswilligen ohne erkennbaren sachlichen Grund zurückweist"(SPIEGEL 49/1983).
Laut Berliner Gaststättenverordnung riskiert der Wirt sogar seine Konzession, wenn er »willkürlich Personen lediglich wegen ihrer Hautfarbe, Rasse, Herkunft oder Nationalität vom Besuch seiner Gaststätte ausschließt«. Frankfurts Ordnungsamtsleiter Malte Riechers versichert, gegen solche Diskriminierung gehe seine Behörde »mit aller Härte vor«.
Doch die Allmacht der Gesichts-Kontrolleure wird von all dem, so scheint es, nicht gebrochen. Und um wortreiche Argumentation für die Zurückweisung von Ausländern sind die Tanzboden-Unternehmer selten verlegen.
Mit Türken gebe es oft Handgreiflichkeiten, meint etwa der griechische Gastronom Panayote Pontikas, einflußreicher Berliner Disko-Chef mit 120 Mitarbeitern und vier Läden, darunter das »Big Apple«. Der Glitzerladen zählt nach amtlichen Feststellungen (drei Abweisungen im Test) zur »harten Verweigerungsfront«, er wird nur noch von der Kudamm-Disko »Candy« (fünf Abweisungen) übertroffen.
Anders als Branchen-Kollegen, die sich gern auf »Versehen des Türstehers« herausreden, macht Pontikas aus seiner Einlaß-Strategie keinen Hehl. Junge Türken will der Patron nicht wegen ihrer Nationalität, sondern wegen ihrer vorgeblichen Krawall- und Drogenneigung als Risiko-Gruppe ausgesperrt sehen - »wie Skinheads, Punker und Rocker«. Die kleinste Keilerei nämlich schade »der Stimmung, und ohne Stimmung kein Verdienst«.
Von amtlicher Kritik fühlt der griechische Wirt sich selber diskriminiert: »Wieso darf beispielsweise der Senat den Türken einen Zuzug nach Kreuzberg verwehren, weil es dort schon so viele Leute gibt, und wieso darf ich so etwas in meinem Laden nicht?«
Den Groß-Gastgeber trifft es nun als ersten. Zwar ließ in seiner Kudamm-Disko »Flash-Dance«, oftmals wegen Diskriminierung gescholten, der Türsteher jüngst die türkischen Tester passieren. Doch das Bezirksamt Charlottenburg kündigte letzte Woche Konzessionsentzug an. _(Im West-Berliner »Society«. )
Im West-Berliner »Society«.