Halb so stachelig - DER SPIEGEL
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FILM Halb so stachelig

»Stachel im Fleisch«. Spielfilm von Heidi Genee. Deutschland 1981. 88 Minuten; Farbe.
Von Urs Jenny
• aus DER SPIEGEL 23/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dieses Landhaus auf Sardinien würde schon jedem gefallen -- Pech ist nur, daß die Menschen, die da endlich mal wieder einen Urlaub lang familienselige Eintracht genießen wollen oder sollen, einander längst nichts mehr zu sagen haben: Erst verdeckt, dann immer offener läuft jeder jedem davon, und am Ende steht der Papa ganz schön belämmert und allein da mit seiner doofen Familienideologie.

Eine dieser Normalfamilien, wo sich die Kinder gar nicht früh genug in die Büsche schlagen können, wird also in diesem Film vorgeführt; eine dieser Normalehen, deren Inhalt schon seit Ewigkeiten nur noch die eigene Reparatur ist; einer dieser Normalväter, deren als Gemeinsinn getarnte Selbstherrlichkeit jede Bauchlandung überdauert -- das ist natürlich eine Komödie, eine menschenfreundliche, antifamiliäre dazu.

Vielleicht hat die Regisseurin Heidi Genee selbst erst während der Arbeit an ihrem vorletzten Film »1 + 1 = 3« ihren spezifischen Blick für die Komik des allgemeinen Gestolpers entdeckt, das als »Leben« gilt; dieser Komik-Blick gab ihrem hübsch um die Ecke erdachten Paradefall weiblichen Eigensinns eine Art heiterer Vernünftigkeit.

Der »Stachel im Fleisch« nun, Heidi Genees neuer Film, ist viel durchsichtiger als Komödie angezettelt, schon in der Erfindung von Situationen; er typisiert drastischer, trägt dicker auf -mehr Spaßigkeit, Wendigkeit, Eleganz, doch auch entsprechend mehr Harmlosigkeit: Da wird ihr die Liebe zu ihren Figuren zur Falle.

Ihren Komik-Blick, diese Gabe höherer Naivität, hat Heidi Genee sich erhalten. Helmut Griem, ganz leicht und genau, spielt den angeknackten Patriarchen, Barbara Lass schüchtern schön die scheidungswillige Ehefrau -- und wenn es zwischen den beiden zur sogenannten Stunde der Wahrheit kommt, die ja in aller Regel als Abtausch selbstgerechter Verlogenheiten mit anschließendem Scherbenzusammenkehren veranstaltet wird, läßt Heidi Genee die Frau einfach Kaffeebohnen knacken und knabbern, aber so triumphierend genüßlich, daß das den Mann mit seiner ganzen wunderbaren Überlegenheits-Rhetorik auf Null bringt.

Auch ihre Sentimentalität hat Heidi Genee sich erhalten. Sie kommt den Kindern zugute, deren Partei gegen den elterlichen Beziehungsmurks der Film überschwenglich ergreift:

Die Partei der beiden Halbwüchsigen, die in einer Gammler-Clique Geborgenheit finden, und besonders die des traurigen Jüngsten, der noch nicht flügge ist: Er darf mit Hilfe seiner Hamster und einer Schar streunender Katzen die letzten Heiligtümer des Patriarchats kaputtmachen, damit diese Urlaubs-Katastrophe auch zu ihrer Moral kommt.

Ihre Naivität ist, über alle stachligen Absichten hinaus, Heidi Genees Stärke. Sie macht diese Anti-Familienkomödie zu einem Hort herzhaften Familiensinns.

Urs Jenny

S.207Mit Barbara Lass und Helmut Griem.*

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