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JUGOSLAWIEN / TITO Halbe halbe

• aus DER SPIEGEL 40/1970
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Vor einem Vierteljahrhundert zwang der rote Partisanenführer südslawischen Völkerwirrwarr auf dem Balkan in einen Staat: das kommunistische Jugoslawien. Nun droht dem Staat Gefahr, wenn ihn Tito, 78, selbst nicht mehr zusammenhalten kann.

»Im Ausland ist sehr viel darüber geschrieben worden, daß dieses Jugoslawien auseinanderfallen wird, wenn ich gehe«, meditierte der Partei- und Staatschef am Montag letzter Woche vor Genossen. »Auch bei uns gab es viele Kombinationen, wer an meine Stelle treten wird.«

Niemand kann die Rolle des Volksvaters Tito übernehmen. Kein jugoslawischer Spitzenfunktionär besitzt genügend Autorität; mögliche Erben, etwa den Sowjetfreund Rankovic (ehemals Staatssicherheitschef) oder der US-Freund Djilas ("Die neue Klasse"), repräsentierten nur Minderheiten und sind längst ausgebootet.

Kein Nachfolger kann wie Tito Jugoslawien verkörpern -- das rote Musterland wirtschaftlicher Dezentralisierung und eines freiwilligen Rückzugs der Staatspartei, das Experimentierfeld für Arbeiter-Mitbestimmung und Gleichberechtigung verschiedener Nationalitäten.

Der Hader -- vor allem zwischen Serben, Kroaten, Slowenen und Skipetaren -- ließ sich in 25 Jahren nicht begraben, »Ich selbst kann es kaum fassen, daß wir uns auch heute noch, sogar in unserer höchsten Führung, mit Sprachstreitigkeiten beschäftigen müssen«, gestand Tito im August auf einer Inspektionsreise durch sein Reich, »Wie ist es möglich, daß gewisse Leute wieder den Kopf heben, obwohl unsere Verfassung chauvinistische Propaganda und das Säen innernationaler Zwistigkeiten ausdrücklich verbietet?«

Unter den Berichten, die er erhalte -- so Tito in Mostar -, seien »die negativen am häufigsten«. Der laut Verfassung auf Lebenszeit amtierende Greis (mit dem Aussehen eines Mittfünfzigers) fürchtet einen Machtkampf der Epigonen: Die Frage, wer an seine Stelle treten wird und seine Kompetenzen übernehmen soll, könnte »eine sehr ernste Krise auslösen«.

Titos Testament: Ein kollektives Staatsoberhaupt soll die Führerfigur ersetzen, ein Präsidium der Republik aus zwei bis drei Vertretern jedes Bundeslandes und der großen Organisationen -- vor allem der Partei,

Die zerstrittene Partei erhielt bereits im vorigen Jahr ein 15köpfiges Exekutivbüro als zentrales Führungsorgan -- die Konflikte unter den Nationalkommunisten der Bundesländer aber gingen weiter.

Der einzige Machtapparat, der bei einer ernten Krise die Ordnung retten könnte, ist die Armee -- aber die in ihrer Mehrheit serbischen Offiziere stehen im Verdacht, sich nach Moskau zu orientieren. Vielleicht auf Futsch-Gerüchte spielte Tito jetzt in seiner Nachfolge-Rede (die er in der kroatischen Landeshauptstadt Zagreb hielt) an: »Ich bringe das vor, denn wenn dies ohne mich geschehen würde, könnte es manchem scheinen, daß man mich jetzt loswerden will.«

Noch immer scheint denkbar, daß nach Titos Abgang Expansionisten in Moskau -- gestützt auf serbische Militärs und stalinistische Tito-Feinde -- durch ein auseinanderbrechendes Jugoslawien einen Zugang zum Mittelmeer suchen möchten.

Voriges Jahr erinnerte der Zagreber Radio-Kommentator Sundic an »jene bekannten Drohungen, in denen gesagt wird, daß die Intervention in der Tschechoslowakei nicht der letzte Schritt dieser Art sei. Heute erscheinen uns diese Drohungen ernster, als sie gestern noch waren. Man könnte sagen, daß der Wolf Wolf bleibt, auch wenn er im Schafsfell auftritt.«

Zur außenpolitischen Absicherung seines Staates schickte Tito seinen Premier Ribicic nach Moskau, verständigte sich wieder mit China und Albanien, aktivierte seine diplomatischen Beziehungen zum Vatikan und sagte dort seinen Besuch an, empfahl sich Bundesdeutschlands Herbert Wehner und bemühte sich um den mächtigsten Gast: US-Präsident Nixon.

Denn den Kommunisten, der seit 1945 an der Macht ist, beschleicht noch immer die Angst vor einer Abrede beider Weltmächte über die Teilung Jugoslawiens in zwei Separatstaaten:

* ein westlich orientiertes, katholisches Kroatien (mit Slowenien und Bosnien) und

* ein moskautreues, orthodoxes Serbien (mit Montenegro, während auf Mazedonien die Bulgaren Ansprüche erheben).

»Ich habe schon erwähnt, daß einige Großmächte Tendenzen vertreten, sich miteinander über die Teilung der Interessensphären abzustimmen«, orakelte Tito voriges Jahr vor den Arbeitern einer Werft in Kraljevica, auf der er als junger Mann selbst gearbeitet hatte. »Heute bemerkt man, daß sogar die Frage der Glaubenszugehörigkeit wieder in Umlauf gebracht wird. Es gibt welche, die sagen, die Orthodoxen wollen dieses, die Katholiken jenes.«

»Was heißt das?« erläuterte Tito die dunklen Worte: »Es handelt sich um das alte Halbe-halbe-Prinzip: Das wird euch und das wird uns gehören.« Er meinte damit eine Kriegsabsprache zwischen Stalin und Churchill, an die Moskauer Propagandisten jetzt wieder erinnern:

»Lassen Sie uns unsere Angelegenheiten auf dem Balkan regeln«, hatte der Briten-Premier am 9. Oktober 1944 dem Kremlherrn in Moskau empfohlen, »... was würden Sie dazu sagen, wenn Sie in Rumänien zu 90 Prozent das Übergewicht hätten und wir zu 90 Prozent in Griechenland, während wir uns in Jugoslawien auf halb und halb einigen?«

Dann schrieb Churchill seine Prozentrechnung auf einen Zettel ("Jugoslawien: 50-500 %"), und Stalin machte darauf mit Blaustift einen Haken.

Schon reute es Churchill: »Könnte man es nicht für ziemlich frivol halten, wenn wir diese Fragen, die das Schicksal von Millionen Menschen berühren, in so nebensächlicher Form behandeln? Wir wollen den Zettel verbrennen.«

Aber Stalin sagte: »Nein, behalten Sie ihn.«

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