DÄNEMARK Halbe Portion
Lange lebte es sich gut im Staate Dänemark. Seine Bürger erfreuten sich des dritthöchsten Lebensstandards in Europa, es herrschte Arbeitsfriede, eine Lohnerhöhungs-Automatik bescherte den Arbeitnehmern stetig steigende Einkommen.
Dann nahte jäh die Stunde der Wahrheit. Der Beitritt des Landes zum Gemeinsamen Markt zwang zu teils unpopulären ökonomischen Maßnahmen, plötzlich wurden die Dänen mit der Tatsache konfrontiert, daß sie zu lange zu flott gelebt hatten.
Seit Kriegsende führte das Industrie- und Agrarland stets mehr ein als aus, die Defizite wurden mittels einer wachsenden Auslandsverschuldung unter den Teppich gekehrt.
Gleichzeitig aber zimmerten die Regierungen in Kopenhagen ein ebenso beispielhaftes wie teures Sozialgebäude für die Bürger -- und blähten die Bürokratie auf: Ein Zehntel des Fünf-Millionen-Volkes zählt mittlerweile zu den Staatsdienern.
Vergangene Woche stellte sich die Idylle Dänemark jählings anders dar: 153 000 Arbeiter in den Schlüssel-Industrien streikten, die Unternehmer sperrten 105 000 weitere Werktätige aus, das Land hatte seinen größten Arbeitskonflikt seit 1936 -- man war zwar konsequent, aber auch, wie es schien, ungewollt in die Konfrontation hineingeschlittert:
Bislang waren Arbeitskämpfe meist durch ein Regierungsdiktat beendet worden -- sofern sie überhaupt ausbrachen. Löhne und Gehälter sind in Dänemark an den Verbraucherpreisindex gekoppelt. Erreicht der Index, auch durch gestiegene Importpreise, bestimmte Marken, steigen die für eine jeweils zweijährige Tarifperiode fixierten Stundenlöhne jedesmal automatisch um eine »Teuerungs-Portion« (30 Ore, rund 14 Pfennig).
Weil die Steuerlast ständig steigt und nicht zuletzt durch diese Automatik die Nominallöhne zunehmend in den Progressionsbereich geraten, bekommt jedoch mittlerweile der Lohnempfänger netto nur noch die halbe Teuerungs-Portion. Die andere Hälfte kassiert das Finanzamt.
Das verbitterte Dänemarks Arbeiter, sie fühlen sich immer mehr geprellt. In den jüngsten Tarifverhandlungen forderten die Gewerkschaften deshalb die Verdoppelung der Teuerungszulage auf 60 Ore.
In allen normalen Tariffragen, wie Lohnzulagen, Sonderanhebung der Mindestlöhne und gleicher Lohn für Frauen, war der Dänische Arbeitgeberverband (DA) dem Gewerkschaftsbund (LO) unter beiderseitigem Knurren schließlich entgegengekommen. Aber die Verdoppelung des Teuerungs-Geldes lehnten die Unternehmer strikt ab.
Mithin mußte der staatliche, aber autonome Schlichter eingreifen -- dessen Wort bisher fast Gesetz war. Sein Kompromißvorschlag -- die Erhöhung der strittigen Portion von 30 auf 40 Ore -- wurde von der LO, auf Anraten der Regierung, als neue Verhandlungsbasis akzeptiert, vom DA jedoch abgelehnt. Schlichter Sigurd Wechselmann gab auf und damit das Land für den Arbeitskampf frei.
Zu spät waren sich die Widersacher über den Unsinn eines derartigen Frühlingsbeginns plötzlich einig. Arbeitgeber-Chef Leif Hartwell: »Das ist Wahnsinn«, IG-Metall-Chef Paulus Andersen: »Ich halte das auch für Wahnsinn.«
Solche Jeremiaden brachten dänische Zeitungen auf den Verdacht, die Kampfbereitschaft beider Seiten sei nur »das übliche Theater« gewesen. Insgeheim hätten sie erwartet, auch diesmal rechtzeitig mit Staatsgewalt zurückgepfiffen zu werden.
Doch der neue Premier Anker Jorgensen, zuvor Chef der größten Einzelgewerkschaft und ein Mann von Grundsätzen, wollte in den ersten Tarifstreit seiner Amtszeit nicht eingreifen. Die Tarifautonomie sei sonst nicht mehr glaubwürdig.
So kam der Konflikt am Mittwoch voriger Woche in Gang: mit nordischer Kühle, ohne großen Klamauk.
Vom Streik waren Leichentransporte und die Hersteller von Särgen ebenso ausgenommen wie Krankenhäuser, Schulkinder-Busse und Tierpflege-Institute.
Doch schon am ersten Kampftag hatten beide Seiten neue Teilstreiks und Aussperrungen gesetzesgemäß avisiert, die in dieser Woche eingeleitet werden sollten. Dann wäre die dänische Wirtschaft nahezu komplett gelähmt, da auch die vom Kraftfahrer-Streik vorerst ausgesparten Heizöl- und Benzin-Kutscher sowie die Flugzeug- und Landwirtschaftsmaschinen -- Mechaniker vorgemerkt wurden -- womit der Ausstand zwangsläufig zum Generalstreik würde.
Daß es dazu kommen könnte, lasten die Arbeitgeber der sozialdemokratischen Regierung an. Sie habe voriges Jahr im Lohnfortzahlungsgesetz für Kranke die Karenztage gestrichen und so den Arbeitgebern eine Extra-Last von jährlich über 400 Millionen Kronen aufgebürdet.
Diese Argumentation schürte jedoch den Verdacht, die Arbeitgeber hätten die Verdoppelung der Teuerungszulage nur verweigert, um sich an der Regierung zu rächen, vielleicht gar, um den Gewerkschafter- Premier loszuwerden.
Anker Jorgensen steckt ohnehin in einer schweren Staatsfinanzkrise. Kopenhagens »Ekstra Bladet« höhnte vorige Woche: »Gute Nacht, Anker!«