PAKISTAN Hand ab
Wie weiland Adolf Hitler urteilte der Regierungschef, das Volk verdiene ihn nicht.
»Was ist denn mein Verbrechen?« fragte Pakistans Premier Bhutto, 49, einen amerikanischen Korrespondenten. Und antwortete selber: »Mein Verbrechen ist, daß dieses Land noch nie einen Führer meines Kalibers hervorgebracht hat, einen, der soviel von Weltpolitik, aber auch von diesem Volk versteht und der weiß, wie es regiert werden sollte.«
Das 70-Millionen-Volk, soweit es sich artikulierte, sah das ganz anders. Es strömte auf die Straße, demonstrierte gewalttätig gegen den Premier, plünderte und brandschatzte wochenlang die Städte des Landes.
Fanatisierte Marschierer drangen auf die Polizei ein und rissen vor deren Gewehren die Hemden auf, um den Kugeln die nackte Brust zu bieten.
Die bedrängten Polizisten drückten ab -- und bisher blieben etwa 300 Tote und Tausende Verletzte auf den Straßen liegen. Aber noch im Krankenhaus tobte ein Demonstrant mit einem Einschuß in der rechten Schulter, sobald er auf die Füße käme,. werde er wieder demonstrieren und sich auch ein Loch in die linke Schulter schießen lassen, wenn er damit nur dazu beitragen könne, daß der Premier endlich verschwände.
Der fragte zwar empört: »Warum soll ich zurücktreten, ich bin legal, politisch und moralisch Ministerpräsident von Pakistan« -- aber er zeigt zunehmend Wirkung.
Hastig erfüllte er einige Forderungen der Opposition -- Whiskykenner Bhutto verordnete, wie die islamischen Vorbeter, die Mullahs, schon lange forderten, ein totales Alkoholverbot, Schließung von Nachtlokalen und Spielklubs
doch besänftigen konnte er seine Feinde damit nicht.
Die hatten zum Generalstreik und zum Wirtschaftsboykott aufgerufen: Kein Pakistani sollte mehr Steuern, Gebühren oder für Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln zahlen; die Bürger sollten ihre Konten bei den Staatsbanken auflösen, keine Kredite tilgen, pakistanische Gastarbeiter aus dem Ausland nichts mehr überweisen.
Die totale Konfrontation trieb das Land ins Chaos, in dem sich die Überlebensfrage auf Bhutto oder Pakistan reduzierte.
Begonnen hatte alles Übel, so paradox es scheint, mit einer demokratischen Grundübung, die freilich dem in Demokratie wenig geschulten Land schon bisher fast immer zur Katastrophe geraten war -- mit Wahlen:
Anfang 1959 hatten in Pakistan Wahlen angestanden, doch der Wahlkampf entwickelte sich zur blutigen Schlacht zwischen den Parteien. Folge: Das Militär übernahm die Macht.
Erst 1970 ließen die Soldaten wieder wählen -- doch es gewannen ihrer Meinung nach die falschen Leute. Folge: grausame Unterdrückung des siegreichen ostpakistanischen Landesteils durch die Armee, ein Krieg mit Indien, der in einer vernichtenden Niederlage und dem Abfall des bengalischen Ostpakistan, heute Bangladesch, endete.
In der verbliebenen Reichshälfte Westpakistan übernahm der zweite Sieger der mißglückten Wahlen, Sulfikar Ah Bhutto, die Macht. Er wurde von seinen Anhängern längst als politisches Wunderkind gefeiert, seine Gegner sagten dem machtbewußten Aristokratensproß im Mao-Look schon damals nach, er hätte bewußt zum Krieg getrieben und das halbe Land verloren, bloß um im Rest mal 800 zu werden.
Unbestreitbar ist, daß Bhutto, der in Oxford und Berkeley graduierte, der mit einer persischen Adeligen verheiratet ist und seine Kinder in alle Welt zum Studieren schickt, Restpakistan damals vor dem endgültigen Zerfall rettete.
Durch clevere diplomatische Schachzüge verschaffte er Pakistan auch wieder internationale Geltung -- beispielsweise war er es, der den ersten direkten Kontakt zwischen Kissinger und Mao Tse-tung herstellte. Und er begann, was bis dahin in Pakistan hoffnungslos schien: soziale Reformen der starren Feudalstruktur.
Selbst Großgrundbesitzer, verordnete er dem Staat eine Landreform, er verstaatlichte die Banken und entmachtete Pakistans berühmt-berüchtigte »22 Familien«, die Pakistans Wirtschaft als ihr Privatrevier ausbeuteten.
So errang er wirtschaftliche Erfolge -- zugleich aber unterdrückte er mit Hilfe von Armee, Polizei und bewaffneter Miliz seiner Volkspartei (PPP) jegliche Opposition, regierte mit Ausnahmerecht, umgab sich mit einem Clan unfähiger und korrupter Ja-Sager und verhinderte jede freie Meinungsäußerung durch strikte Zensur.
So meinte er Anfang dieses Jahres gefahrlos Wahlen ansetzen zu können; doch die Opposition »Nationale Allianz« (PNA), ein aus neun Parteien zusammengewürfelter bunter Haufen, der von strenggläubigen Moslem-Mullahs über Ultra-Nationalisten bis zu belutschischen Sezessionisten reichte, geriet in unerwarteten Schwung.
Sie brachte fast überall mehr Menschen auf die Beine als Bhuttos PPP. Ihre Führer verkündeten lange vor dem Wahlgang einen Erdrutsch-Sieg. Einer ihrer Prominenten, der Ex-Luftmarschall Aghar Khan, gab gar bekannt, er habe der Luftwaffe und den Pakistan International Airlines Befehl gegeben, einen geschlagenen Bhutto nicht ins Ausland entkommen zu lassen, da er vor Gericht gestellt werden sollte.
Die nervös gewordene Regierungspartei, die nach Ansicht aller seriösen Beobachter sicher dennoch eine Mehrheit gewonnen hätte, wollte daraufhin sichergehen und organisierte auf breiter Front Wahlschwindel.
Führer Bhutto und 30 seiner Mitarbeiter wurden bereits am 20. Januar als gewählt erklärt, da sich in ihren Wahlkreisen keine Gegenkandidaten gemeldet hätten.
Befehlsgemäß brachten alle Zeitungen des Landes ein großes Bhutto-Bild auf der ersten Seite, wozu wahlweise die Unterschrift zu stellen war: »der große Führer«, »der unumstrittene Führer« oder »der überragende Führer«. Die Tageszeitung »Dawn« in Karatschi brachte sicherheitshalber gleich alle drei.
In Wahrheit, so die Opposition, waren die Gegenkandidaten von der Polizei zur Aufgabe gezwungen, verhaftet oder -- wie im Fall des Bhutto-Konkurrenten Dschan Mohammed Abbasi -- entführt worden, bis die Eintragungsfrist verstrichen war.
Beim Urnengang selbst vertrieben in einigen Wahlkreisen MPi-bewaffnete PPP-Milizen mit Salven in die Luft die Wähler, tauschten Urnen aus oder verschwanden mit Stimmzetteln.
Resultat: Die Opposition gewann nur 35 von 200 Sitzen.
Sie beschloß, das Ergebnis keinesfalls zu akzeptieren, die gewonnenen Mandate nicht anzunehmen und »Adolf Bhutto«, so einer ihrer Slogans, auf der Straße zu bekämpfen.
Orthodoxe Moslems, die für striktes Alkoholverbot, Schleierzwang sowie Wahl-Verbot für Frauen und Rückkehr zum reinen islamischen Recht (mit »Hand ab«-Strafen für Diebe) kämpfen, erklärten »Whisky-Bhutto« den Heiligen Krieg.
Seither tobt zumindest in den Städten der Bürgerkrieg, fließt täglich Blut, liegt die Wirtschaft des Landes lahm.
Bhutto erteilte den Sicherheitskräften Schießbefehl, verdoppelte die Polizisten-Löhne, ließ 28 000 Oppositionelle einsperren -- aber er wurde der rebellischen Massen nicht Herr. Die PNA schickte Frauen und Kinder auf die Straße, die Gewerkschaften riefen einen Streik nach dem anderen aus. PPP-Büros wurden angezündet, PPP-Funktionäre ermordet.
Bhuttos eigenes Gefolge bröckelte ab, selbst gewählte Abgeordnete verließen die Partei. Auch Pakistans Botschafter in Madrid und Athen, frühere hohe Generäle, die Bhutto 1971 zur Macht verholfen hatten, traten zurück und stellten sich gegen ihn; Diplomaten in Moskau und Kairo folgten.
Bhutto räumte schließlich ein, vielleicht hätte es »in etwa 15 Wahlkreisen Unregelmäßigkeiten gegeben -- aber zerstört man deshalb ein Land«?
Er bot der Opposition zuerst 30 zusätzliche Sitze im Parlament, dann Provinz-Neuwahlen an -- und, sollte sie die gewinnen, eine Wiederholung der Parlamentswahlen. Er erfüllte die Hauptanliegen der Mullahs, versprach den Reichen Reprivatisierungen und hob sogar die Pressezensur auf.
Doch die PNA sah in den immer panischer wirkenden Konzessionen des verunsicherten Premiers nur Schwächezeichen eines angeschlagenen Feindes und proklamierte Fortsetzung des Straßenkampfes bis zum Abtritt Bhuttos. Der ließ daraufhin in den großen Städten das Kriegsrecht ausrufen. Die Armee erhielt Befehl, auf jeden zu schießen, der sich auf den Straßen zeige.
»Ich bin weder ein Schwindler noch ein Feigling«, hielt der Regierungschef seinen Feinden entgegen und beharrte auch angesichts der tobenden Massen darauf: »Das Volk steht hinter mir.«
Ziemlich genau das hatte Amerikas Watergate-Nixon auch immer beteuert -- noch Tage vor seinem Rücktritt.