Hand hinter dem Vorhang
Wenn ich etwas nicht zu verstehen wünsche, schalte ich ab«, sagte der 79jährige Bernard Mannes Baruch zu seiner 18jährigen Wohnungsnachbarin und Vertrauten Virginia Leigh. Er meinte das elektrische Ohr, das ihm das geplatzte linke Trommelfell ersetzt. Die junge Journalisten-Aspirantin schilderte diese Szene in einem Artikel über die »human side« ihres großen alten Freundes. »Wenn es ihm nicht paßt, angesprochen zu werden, kann er taub sein wie ein Pfahl«, fügte sie hinzu.
Der im Bedarfsfall pfahltaube Greis hört ausgezeichnet, wenn es darum geht, die New Yorker und Washingtoner Kulissen- und Hintergrundgeräusche zu registrieren. Auch wenn er mit seinen Freunden unter den Großen der westlichen Welt berät und Ratschläge erteilt, gibt es keine störenden Pannen im »elektrischen Ohr«.
Dieser Tage saß der britische Ex-Kriegspremier Winston Churchill dem Wallstreet-Weisen in dessen New Yorker Heim gegenüber. Die beiden Ratgeber-Senioren der englisch sprechenden Hemisphäre fühlten in einer entscheidungsvollen Situation der Nachkriegsentwicklung das Bedürfnis, sich auszusprechen. Am Tage vorher hatte der Brite von Boston aus den Moskauer Politbüro-Leuten das alte deutsche Sprichwort von den »Bäumen, die nicht in den Himmel wachsen werden«, zugerufen.
Geräuschkulisse und Hintergrund des Gesprächs, das Churchill mit Bernard M. Baruch führte, waren so, daß der englische Gast ein anderes deutsches Sprichwort hätte zitieren können: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.
In der größten Halle des Waldorf-Astoria-Hotels rollte das Schauspiel des »Kulturellen und Wissenschaftlichen Kongresses für den Weltfrieden« ab. Mit Reden und Plakaten wurde vor und hinter der Drehtür ein kalter Krieg en miniature ausgetragen. Zum Auftreten einer siebenköpfigen Sowjetdelegation mit Dimitri Schostakowitsch an der Spitze begleitmusizierte die »Prawda« sowjetamtlich. »Auf diesem Kongreß«, so schrieb sie, »demonstriere das amerikanische Volk seinen wahren Willen«.
Am Vorabend der Unterzeichnung des Atlantikpaktes war es Stalin, der demonstrieren wollte, wie aktiv seine Fünfte Kolonne nicht nur in Westeuropa, sondern selbst in den Vereinigten Staaten sei. Mögen die USA die Atombombe haben - Rußland veranstaltet mit seiner Fünften Kolonne eine ideologische Kernspaltung und Kettenreaktion unter den Völkern, um zu zeigen, daß seine ideologische Atomkraft ebenso stark ist wie die US-Bomben. Das Gleichgewicht der Kräfte wäre also da.
Stalin ist dabei, seinen Staatsapparat umzubauen. Mehr als ein Dutzend wichtige Veränderungen wurden seit Anfang März in lakonischer Kürze aus Moskau gemeldet. Eines der wichtigsten Ereignisse war die Neubildung des Obersten Verteidigungsrates, der nach Kriegsende aufgelöst worden war. Gleichzeitig tagten unter Marschall Tolbuchin die Oberbefehlshaber der Roten Armee.
Das war Moskaus Antwort auf den Atlantikpakt, den westlichen Sperriegel gegen östliche Expansionspolitik. Stalin fühlt nun, daß sich der Ring um die Sowjetunion allmählich schließt. Er weiß, daß sein Regime durch einen neuen Krieg erschüttert würde. Das Warten auf die amerikanische Wirtschaftskrise dauert schon sehr lange. Es kann sich noch über Jahre hinziehen.
Aus gutem Grund verbrachte Winston Churchill in einer solchen weltpolitischen Situation einen Abend seines knappen Amerika-Aufenthalts bei Bernard M. Baruch. Churchill weiß aus der intimsten Kenntnis der politischen und personellen Zusammenhänge, daß sein um fünf Jahre älterer Freund der große Lenker im Hintergrund der amerikanischen Politik ist. Dessen Denkschriften zur Außen- und Wirtschaftspolitik der USA werden im Weißen Haus bedacht und beachtet. Baruch ist auch heute noch die »Hand hinter dem Vorhang«
Harry S. Truman ernannte ihn zum Mitglied des »Nationalen Sicherheitsrates«. Dort werden die großen Entscheidungen der USA-Politik gefällt. Im Kreis der Generale und der großen Rüstungsbosse sitzt mit seinem »elektrischen Ohr« jener Mann, der in zwei Weltkriegen die amerikanische Rüstungsindustrie führte. Und der auch die Atombombenproduktion leitete.
Wenn Churchill in Boston von der Atombombe als dem einzigen Mittel sprach, das bisher den Krieg verhindert habe, so war das eine Geste an seinen alten Freund. Mit ihm hatte er schon im ersten Weltkrieg eng zusammengearbeitet.
Als Bernard Baruch 1870 als Sohn eines aus Polen in die USA eingewanderten Arztes geboren wurde, war gerade der Bürgerkrieg beendet, der zur großen Umschichtung der amerikanischen Gesellschaft führte. Industrie und Finanz entwickelten sich in wahrhaft »amerikanischem« Tempo. Von der alten Generation der großen Finanzmänner gibt es keinen mehr, der diese erregende Entwicklung in allen Phasen so durchlaufen hat wie Baruch.
Die großen Bankhäuser und gewaltigen Trusts schossen aus dem Boden: die Rockefeller, Carnegie, Pierpont Morgan, Hill und Mellon. Pierpont Morgan II. war zu seiner Zeit der einflußreichste Mann in den Staaten. Er repräsentierte die Macht der Wallstreet hinter dem Präsidenten. Diesen Einfluß hat heute Baruch übernommen.
In der großen kapitalistischen Epoche baute er als Bankier in New York seine Beziehungen zu den Dollar-Gewaltigen aus. Er wurde der Vertrauensmann der Finanz und der Industrie. Seitdem verfügt er über den direkten Draht zur Wallstreet.
Unter Präsident Woodrow Wilson erlangte Bernard Baruch seine erste große Position. Als sich Wilson am 6. April 1917 entschloß, in den Krieg einzutreten, gab er die Parole aus: »Macht, Machteinsatz bis zum äußersten, Machteinsatz ohne Einschränkung und Begrenzung!«
Als einer seiner engsten Mitarbeiter übernahm Baruch die Leitung des Kriegsindustrieamtes. Er wurde zum Diktator über Industrie, Arbeiter und Landwirtschaft. Unter seiner Regie brachte die Regierung drei Dutzend Milliarden Dollar auf. Zehn Milliarden davon wurden den Alliierten geliehen, vornehmlich England und Frankreich. In einem Jahr ließ er über drei Millionen Tonnen Schiffsraum bauen.
Nach Friedensschluß sank sein Einfluß. Baruch beschränkte sich auf seine privaten Finanzgeschäfte. Auch hier erwies er sich seines Namens würdig*).
Als jedoch Franklin D. Roosevelt 1933 die Macht in den USA übernahm, holte er seinen alten Freund und Berater wieder. Unter Roosevelt wuchs dessen Einfluß in der Demokratischen Partei und im Weißen Haus gewaltig. Als der Krieg bevorstand und die USA an den Uebergang von der Friedens- zur Rüstungsindustrie denken mußten, war es Baruch, der die Schaltstationen hinter den Kulissen bediente.
Es gab kein größeres Rüstungsprojekt, das Roosevelt nicht mit seinem Freunde
*) Baruch (hebräisch) - »der Gesegnete«. besprach. Die Rüstung erreichte diesmal Dimensionen, die man bisher nicht gekannt hatte: 125000 Flugzeuge, 85000 Panzer, 25 Millionen Tonnen Schiffsraum. Ganze Industrie-Komplexe wurden innerhalb des amerikanischen Kontinents nach Westen verlagert.
In den Jahren 1942 und 1943 steckten die Vereinigten Staaten allein 18 Milliarden Dollar in den Neuaufbau von Rüstungsindustrie-Anlagen. Dazu gehörte auch die Produktion von Atombomben, mit der man sich seit 1940 beschäftigte.
Bernard Baruch hat erzählt, daß er sich von Atomwissenschaftlern über die Geheimnisse der Atomphysik unterrichten ließ. Wie ein Schüler habe er Stunde genommen. Er begriff die Bedeutung der neuen Waffe, wurde Experte ihrer wichtigsten Probleme und schließlich Präsident der Atomenergie-Kommission.
Der Baruch-Plan über die internationale Atomenergie-Kontrolle wurde von den sowjetischen UNO-Vertretern nicht akzeptiert. Das Scheitern der Verhandlungen trug zum schnellen Ende der amerikanischrussischen Kriegsfreundschaft bei.
Roosevelt und Baruch glaubten, daß ihr Land mit der Niederringung Deutschlands und Japans die beiden gefährlichsten industriellen Konkurrenten auf dem Weltmarkt los sei. Am 1. März 1945 überreichte Baruch dem Weißen Haus eine Denkschrift. Darin heißt es: »Wir müssen Deutschland und Japan hindern, sich wieder im Ausfuhrhandel der Welt festzusetzen. Wenn wir den Wettbewerb regierungs-subventionierter Schwitzarbeit von 170 bis 200 Millionen Deutschen und Japanern ausschalten - sie gehören zu den billigsten Produzenten der Welt - , dann werden wir nicht nur dem Feind die Mittel künftiger Kriegführung verweigern, sondern auch die industriellen Möglichkeiten der übrigen Welt erweitern.«
Baruchs Theorie erwies sich als falsch. Sogar in Amerika kommentierte man schon damals, daß »es ja dann auch für den Staat New York von Vorteil sein könnte, wenn man die Fabriken von Pennsylvanien und Illinois in die Luft sprengen würde.« Aber solche Kommentare zündeten erst viel später. Auf der Potsdamer Konferenz bildete Baruchs Denkschrift die Grundlage der Verhandlungen.
Seither hat sich viel geändert. Der Westen bezog seine durch Atommacht und Atlantikpakt gestärkten Positionen. Die Weichen werden neu gestellt. Männer wie Baruch und Churchill bemühen sich, das ihre zu tun, um die Schicksale von Völkern und Kontinenten in die von ihnen für richtig gehaltenen Geleise zu leiten.
Auf der stillen Parkbank unter den Fenstern des Weißen Hauses, von der man sagt, sie sei sein einziges Büro in Washington, sieht man zuweilen den langen, alten »Disraeli Amerikas« sinnend sitzen. Durch die scharfen Brillengläser blicken seine Augen kühl und abwägend auf die Probleme der Zeit.
Der 79jährige Baruch, den man in New York das »Wallstreet-Orakel« zu nennen pflegt, spendet seine Ratschläge Generalen und Präsidenten ebenso wie jungen Menschen, die gerade erst beginnen, ins Leben und in die Politik hineinzuriechen.
Virginia Leigh meint sogar, daß er die Jungen bevorzuge, weil es sich bei denen mehr lohne. Sie, mit ihren 18 Jahren das »Küken« unter »Colliers« Mitarbeitern, schwärmt für den scharmanten Alten, der einmal gutgelaunt zu ihr sagte: »Virginia, wenn ich noch ein junger Mann von 60 wäre, hätte keiner deiner Boy-friends Chancen mehr bei dir.«
Virginia war keß genug zu entgegnen: »Und wenn ich eine ältere Frau von 25 wäre ... Oh, boy!«