»Hans, was willst du? Sag es!«
Momente des Triumphes und der Enttäuschung löschen im Gesicht des Regierenden Koschnick die staatsmännische Miene wie ein Make-up. Er wirkt dann wie ein überforderter Musterschüler von allerdings hundert Kilo Lebendgewicht, der seine Gefühle mit Mühe verbirgt. Hans Koschnick im Glück oder Ungemach hat es schwer, den Nimbus der politischen Kraftnatur zu wahren, zu dem ihm die Computergeschwindigkeit seiner Reaktionen und Reden, sein explosives Lachen und seine faltenlose Bonhomie sonst gratis verhelfen.
Das zeigte sich in der tränenblinden Euphorie des absoluten Wahlsieges vom 10. Oktober. Nicht weniger wurde es offenbar, als letzte Woche beim parteiinternen Gerangel um die Kabinettsliste dank Koschnicks verschwommener Haltung offene Fehde zwischen dem Parteiestablishment und dem wachsenden linken flügel des bremischen Unterbezirks aufloderte.
Bis zuletzt hatten die Linken darauf gehofft, der Wahlsieger Koschnick werde ohne die ihm eigenen Winkelzüge den 42jährigen Senatsdirektor a. D. Waldemar Klischies für das bisher von der FDP verwaltete Justizressort bevorzugen: einen zwar unbequemen, aber sachlich unanfechtbaren Beamten. Einen politisch überdies zu Unrecht Verfolgten der jüngsten Geschichte Bremens, der zu Koschnicks und ihrer aller Unmut Anfang des Jahres unter dem Druck des Bremer Polizeipräsidenten aus seinem Amt entlassen worden war.
Jedoch auch im Glorienschein plebiszitärer Bestätigung erlaubt sich der Zauderer Koschnick offenbar nicht, so einen Mann gegen den Willen des SPD-Establishments in Bremen zurückzuholen. Erbittert über Koschnicks Wankelmut gaben nicht nur die Linken, sondern mehr als 40 Prozent der Delegierten dem abgelehnten Klischies dennoch ihre Stimme, und einer der Jungen aus der Bürgerschaft kündigte im Namen seiner Freunde -- derzeit 23 von 59 SPD-Abgeordneten dieser Regierung die Sympathie.
Hans Koschnick nahm es sichtlich erschreckt -- ein Kompromißvirtuose, dem eine Saite gerissen ist. Lust am Konflikt kann ihm keiner unterstellen. Auch in der unvergessenen Grundstücksaffäre des mächtigen Genossen Boljahn, bei der es ihm vergönnt war, den Reiniger der Partei zu spielen, begann er ja erst zu wüten, als schon andere zum Halali bliesen. Und zu Zeiten der Schülerrevolte von Bremen entwich er aus der brodelnden Stadt zu einer Routinebesprechung nach Düsseldorf. Er folgte damit einer ausgeklügelten Strategie, und es war sein Damaskus-Erlebnis, zu sehen, wie schädlich und kläglich dies planmäßige Ausweichen sich auswirkte.
Freilich -- schon als die Partei ihn beauftragen wollte, seinen martialischen und auch ihm nicht lieben Polizeichef, der die jugendlichen Straßenbahn-Demonstranten in einer Art Kesselschlacht hatte zusammenhauen lassen, disziplinarisch anzugehen, drohte der Regierende mit Abschied. Indem er sich so die politische Einmischung in die Geschäfte der Exekutive verbat, verhieß er, sich den Mann schon selber entsprechend vorzunehmen, und darauf warten manche Genossen noch heute.
Und dann wieder, als eben dieser stramme und geschonte Polizeichef durch mächtiges Drohen seinen bereits erwähnten Vorgesetzten Klischies aus dem Innenressort zu drängen verstand, übte der Regierende seine enorme Zurückhaltung. Er fand es schon merkwürdig, wie da der Unter den Ober durch den Obersten abservieren ließ, aber auf den Tisch schlug er nicht.
Wenn Späne fallen, blickt dieser wortgewaltige Jung-Roland aus dem Flakhelferjahrgang 1929 gerne in eine andere Richtung. Zufällig war er einen Tag auswärts, als Bremens SPD-Fraktion die gebremste Universitätspolitik seiner Regierung in der Bürgerschaft mißbilligte und, er sagt es, »den Aufstand probte«.
Kein kritisches Wort kam von Koschnick, als sein starker Kultursenator Moritz Thape Bremens genialischen Theaterintendanten Kurt Hübner absägte. Diesem Hübner vor allem dankt »unser Bremen« das kulturelle Flair, auf das der Regierende allenthalben in seiner Stadtwerbung verweisen läßt. Da wird sich schon noch irgendein taktisches Moment ergeben, vermutet Koschnick, das überraschend dazu führt, daß der Theatermann, den er, selbstverständlich unverbindlich, seinen Freund nennt, letzten Endes doch noch bleiben kann.
Wohlklingend, finessenreich und vieldeutig dient die Rhetorik des Bürgermeisters Koschnick seiner ziemlich programmlosen Art der Machtausübung. Wenngleich ihm jederzeit Druckfertiges aus dem Munde kommt, setzt er sich lieber etwas auf. Der spontane Sarkasmus, der seiner fortschreitenden Umsicht nicht mehr angemessen ist, soll, so wünscht er, dadurch unterbunden werden.
Kritiker sehen es anders: »Er hat nur Scheu, sich durch Spontanes festzulegen.« Wenn Koschnick spricht, räsonieren seine skeptischen Zuhörer gelegentlich voll Ärger. »Hans, was willst du? Sag"s doch!« Was er will, was er soll, darin schwankt er eben, im privaten wie im politischen Leben.
Er war gewiß kein Vorkämpfer der Reformuniversität. Trotzdem setzten die kritischen Jungen, die sich dafür schlugen, immer wieder auf ihn, Bremens »unumstritten besten Mann«. Doch falls es zum Schwur kommt, schwankt dieser Beste hinüber zur Seite der Etablierten.
Während andere junge Stadtregenten mit aller Kraft um den lokalen Parteivorsitz kämpfen, zog sich Koschnick zurück, nachdem er im Unterbezirk schon Vize war. Kämpfen um mehr, das lag ihm nicht. So sehen wir ihn zum überzeugten Vertreter einer Trennung von Partei und Exekutive werden; Weltkind in der Mitten und ein wenig Volkstribun, dem freilich volkstümliches Gehabe, etwa das auch von ihm -- beim Bremer Volksfest »Eiswette« -- erwartete Bieranzapfen, »in tiefster Seele zuwider wäre«.
Er löffelt mittags am Schreibtisch ein Süppchen aus der Blechterrine; Eintopf steht bei ihm ohnehin obenan. Kein Photograph darf aber dieses rührenden Bildes teilhaftig werden. So etwas wäre nicht bremisch. Bremisch zu wirken, das gilt es. Koschnick schafft das souverän, stattliche Figur im Frack des Bürgertums.
Der Abkomme aus dem Arbeiterviertel ist durch und durch ein Bürger geworden, neuerdings schweren Herzens auch Hausbesitzer, obwohl »mobil bleiben« einmal seine Devise war. Seinen mit Geheimtelephon und viel Alarmtechnik versehenen Bungalow inmitten einer Neubausiedlung schirmt eine mannshohe Mauer gegen die Blicke der Nachbarn ab; Bittsteller, die sich von Hans Koschnicks streng katholischer Frau unangemeldet Rat oder eine Empfehlung beim Regierenden erhoffen, stehen häufig vor der Tür.
Laut Verfassung nur ein Primus inter pares, wenn er hart bliebe aber zweifellos weit mächtiger, brachte der Regierende es bisher nicht zuwege, sich einen, dem neuzeitlichen Regierungsmanagement angemessenen Informations- und Planungsstab im Rathaus zu schaffen, und dementsprechend lückenhaft weiß er über die Vorgänge draußen Bescheid. Er gesteht, sich manchmal isoliert zu fühlen. Er leidet, sagt er, darunter, daß man »von mir immer fertige Aussagen erwartet, daß ich mich nicht auch mal zurücknehmen kann«.
So, in souveräner Schwäche, imposant und ein wenig indifferent, regiert der Sohn eines proletarischen Klassenkämpfers die Hansestadt Bremen; die Pfeffersäcke können jedenfalls beruhigt schlafen. Jene marxistischen Ideale, für die Mutter und Vater im KZ saßen, tauschte der Sohn in einen Pragmatismus ohne Vorzeichen ein.
Seine sozialen Maßstäbe bezieht er auch aus der Mitgliedschaft im protestantischen Patriziersprengel von »Unserer Lieben Frau«. Mehr als von Marx gibt er vor, von Computern zu halten. Sie befördern jedenfalls nicht, was ihn am Marxismus so schreckt: »Diese Bindung, in die der Mensch da hineingetrieben wird.
Scheu vor derlei Bindungen wurzelt in ihm, seit er, Kind von Verfolgten, in den Krieg der Verfolger zog. Nachher schien dieser Verwaltungsdiener mit Mittlerer Reife vorwiegend eingeschworen auf eine schnelle, glatte Laufbahn und auf Parteifreunde, die ihr gerade dienten.
Nicht einmal die Liebhabereien, die man ihm so zuschreibt, teilt er in Wirklichkeit, vom Kartenspiel vielleicht abgesehen. Zu Spielen von Werder Bremen geht er, vorwiegend, um sich durch den Lautsprecher ankündigen zu lassen. Er kann kein Auto steuern, nicht tanzen und, trotz beharrlicher Bemühung der um seinen Kreislauf besorgten Ehefrau, nicht schwimmen. Er lebt, wenn man will, ohne private Eigenschaften in einer neutralen, soliden, wie aus dem Katalog bezogenen Häuslichkeit, in der sich sein einziger Sohn an die Wand ein Plakat von Koschnick hängt.