Harem
Der Verfasser des Türkei-Artikels »Atatürk tanzte voran« (SPIEGEL Nr. 34) beweist gute Sachkenntnis. Er hat die Kernprobleme ausführlich dargestellt. Aber durch die Bemerkung »Die Harems wurden geschlossen« hat er etwas ungenau gespiegelt. Der türkische Harem war nicht gleichbedeutend mit Polygamie oder gar verbotenem und nur nach vorsichtigem Umschauen zu besuchendem Haus, wie man das in Europa vielfach annimmt. Man versteht darunter nur den weiblichen Teil der Familie und die noch nicht erwachsenen Kinder, die »hinter Haremsgittern« ein Eigenleben, fern dem eigentlichen Leben, führren mußten und staatsrechtlich gesehen ziemlich rechtlos waren. Polygamie war wegen der hohen Kosten seltener, denn jede Frau hatte Anspruch auf einen eigenen Haushalt und auf einen Anteil am Vermögen des Mannes, der ihr bei der Eheschließung verschrieben wurde und der von Gesetzes wegen bei jeder rechtmäßigen Frau der gleiche war. Nur bei den anatolischen Bauern, für die mehr Frauen zugleich mehr Arbeitskräfte bedeuteten, war Polygamie verbreiteter. Um den neuen Rechtsstatus der türkischen Frau mit Wahlrecht, freier Berufsausübung, sportlicher Betätigung usw. zu kennzeichnen, spricht man deshalb besser von einem Aufheben des Haremszwanges als von einem Verbot.
Um beim Kommentieren zu bleiben: Der Fez war zwar verboten, aber eine Ausnahme gab und gibt es doch: die Hodschas, die Geistlichen, dürfen ihn noch immer tragen, allerdings schlingen sie um ihre privilegierte Kopfbedeckung die weiße Priesterbinde.
Köln-Lindenthal
J. OSTER