Harmloses Spielzeug - DER SPIEGEL
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USA Harmloses Spielzeug

Soll Saudi-Arabien, Israels mächtigster Gegner, aber Amerikas wichtigster Freund in Nahost, »Awacs«-Flugzeuge erhalten? Darüber kam es zum Konflikt zwischen Präsident und Senat.
• aus DER SPIEGEL 41/1981
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Im Land der Superlative und grellen Reklame wirkte die Verkaufsschau geradezu gespenstisch:

Auf dem Luftwaffenstützpunkt Andrews bei Washington führten Propaganda-Offiziere vor Volksvertretern und Journalisten ein Wunderwerk amerikanischer Technik vor und erläuterten, was es alles nicht kann.

Auf dem Kapitol-Hügel in der Hauptstadt verkündeten Regierungsvertreter in Ausschußsitzungen und Einzelgesprächen die gleiche Botschaft. Verteidigungsminister Weinberger, Außenminister Haig, Sicherheitsberater Richard Allen und ein Schwarm von Beamten erklärten verwirrten Senatoren, wie harmlos das Superding sei.

Die Rede war von »Awacs«, jenem fliegenden Warn- und Kontrollsystem ("Airborne Warning and Control System"), von dem Jimmy Carters CIA-Chef Stansfield Turner noch geschwärmt hatte, damit sei man den Russen um sechs Jahre voraus. Nun sollte Awacs plötzlich harmloses Spielzeug und nutzloser Ausschuß sein.

Das Flugzeug, eine umgebaute Boeing 707, sei, so erfuhr die Öffentlichkeit, »eigentlich eine Entwicklung der 60er Jahre«. Die Computeranlagen gingen kaum über das hinaus, was man bei »Radio Shack« kaufen könne, Amerikas größter Kette für Stereoanlagen und Taschenrechner.

In der Nähe des Frankfurter Flughafens, so eine der neuen Legenden, habe einmal ein Awacs-Radarschirm den Autobahnverkehr als Flugbetrieb signalisiert. Bei einer Übung nahe Seattle im Nordwesten der USA habe sich ein Flugzeug einer Awacs-Maschine bis auf 50 Meter nähern können, ohne daß die Awacs-Besatzung den Nachbarn bemerkt hätte.

Die offizielle Verniedlichung des Systems soll Amerika -- und besonders die Parlamentarier in Washington -von zwei Dingen überzeugen: Freund Israel braucht die Maschinen nicht zu fürchten. Und: Es wäre keineswegs eine Katastrophe, wenn etwa ein Awacs-Flugzeug einmal den Sowjets in die Hände fällt.

Solche Sorgen aber herrschen im Lande. Und -- kurioserweise -- drohen Engagement für Israel und Angst vor den Sowjets den Hardliner Reagan in eine erste große Krise zu stürzen.

Denn der Präsident hat am Donnerstag offiziell verkündet, daß er fünf Awacs-Systeme an Saudi-Arabien liefern will. Der Kongreß kann das verhindern, wenn beide Häuser innerhalb von 30 Tagen ihr Veto einlegen.

Das aber ist wahrscheinlich. Im Repräsentantenhaus läuft die Stimmung so klar gegen Reagans Entscheidung, daß der Präsident dort von vornherein auf eine Kampagne verzichtete. Er konzentrierte sich auf den Senat. Aber sein Werben und Schmeicheln hat bislang nur wenige Senatoren bekehrt. 65 der 100 Senatsmitglieder neigen dazu, den Awacs-Verkauf an die Saudis zu verhindern.

Sie würden Saudi-Arabien, Amerikas besten Verbündeten am Golf, verstimmen und damit das Kredo von Reagans Nahostpolitik -- eine strategische Allianz zwischen gemäßigten Arabern, Israel und den USA gegen den Sowjet-Expansionismus -- zu Fall bringen.

Und daheim zerbräche bei einer Niederlage im republikanisch beherrschten Senat das Bild vom starken Präsidenten, der bislang sogar im Repräsentantenhaus entscheidende Abstimmungen gewonnen hat, obwohl die oppositionellen Demokraten dort über eine sichere Mehrheit verfügen.

Schon jammern militante Reagan-Anhänger wie die Kolumnisten Rowland Evans und Robert Novak über »die Konsequenzen der Niederlage«. Und im Außenministerium, so ein hoher Beamter, wird bereits die Frage gestellt: »Wer verlor Saudi-Arabien?«

Noch ist Saudi-Arabien nicht verloren: Vorige Woche reiste Washingtons neu ernannter Botschafter in Dschidda, Richard W. Murphy, eilig in das Wüstenreich. Er wollte den Ölprinzen Kompromisse vorschlagen, die den Senat -- vielleicht -- umstimmen könnten, etwa eine saudische Zusage, US-Spezialisten an Bord der Awacs zu dulden.

Einen Schuldigen aber haben viele in Washington schon ausgemacht: Sicherheitsberater Allen soll die Stimmung im Senat falsch eingeschätzt und viel zu spät mit der Werbekampagne des Weißen Hauses begonnen haben.

Die lief dann so hektisch und überdreht, daß viele nicht überzeugt wurden. So brummte etwa Senator Henry Jackson angesichts der Awacs-Verharmlosungen: »Als das Pentagon Geld für die Entwicklung wollte, ist uns etwas ganz anderes erzählt worden.« Die anderen Erzählungen galten, bis das umstrittene Saudi-Geschäft aktuell wurde, und lauteten etwa so:

Awacs kann bis zu 400 Flugzeuge im Umkreis von über 350 Kilometern ausmachen, unabhängig vom Wetter und von der Bodenbeschaffenheit. Denn die hochfliegenden Aufklärer blicken (anders als Radaranlagen am Boden) auch hinter Berge. Die Maschine ist ein ideales Frühwarnsystem, ist aber auch zum Angriff einsetzbar: Ein Awacs kann aus relativ sicherer Entfernung die eigenen Jagdflugzeuge und Raketen führen und gegnerische Abwehrmaßnahmen frühzeitig ausmachen -- für Israel Grund genug, seine Sicherheit gefährdet zu sehen, und das ausgerechnet durch die Schutzmacht USA.

In jeder Awacs-Maschine sitzen 14 Spezialisten an den Radarschirmen und Computern, jedes Flugzeug kann sich, ohne aufzutanken, elf Stunden in der Luft halten. Eine voll ausgerüstete Awacs kostet rund 150 Millionen Dollar.

Die Saudis waren bereit, für das Geschäft 8,5 Milliarden Dollar auf den Tisch zu legen. Denn mit fünf Awacs-Maschinen sollen Bodeneinrichtungen und ein komplettes Ausbildungsprogramm geliefert werden -- wie auch Tankflugzeuge und Zusatzausrüstungen S.175 für F-15-Jagdbomber, welche die Saudis früher erhalten hatten.

Das Pentagon trieb das Geschäft voran, weil es ein phantastischer Auftrag für Amerikas Rüstungsindustrie ist. Die CIA unterstützte es im Hinblick auf den Horchposten am Persischen Golf. Auch Haig zog voll mit. Denn die Beamten im State Department können sich die Reaktionen in der arabischen Welt ausmalen, wenn das Geschäft platzt. »Der Abschluß mag ein Fehler gewesen sein«, urteilt Henry Kissinger, »aber nachdem er einmal getätigt worden ist, müssen die Vereinigten Staaten dazu stehen.«

Im Senat freilich verbündeten sich die von den Ereignissen im Iran geschockten Senatoren mit den Freunden Israels.

Die einen haben nicht vergessen, daß nach dem Fall des Schah-Regimes wertvolles Gerät den Feinden Amerikas in die Hand fiel. Damals atmete das Land auf, weil der Schah zugesagte Awacs noch nicht erhalten hatte.

Die anderen erinnern sich zu gut an die offensiven Einsatzmöglichkeiten von Awacs, die Menachem Begin jüngst bei seinem US-Besuch herausstellte. Und natürlich machte auch Amerikas jüdische Lobby mobil.

Die Konkurrenz flog den Saudi-Prinzen Bandar Ibn Sultan ein. Der in Amerika ausgebildete Pilot und Sohn des saudischen Verteidigungsministers spielte mit dem Chef der Vereinigten Stabschefs, General David C. Jones, Squash. Doch der General brauchte nicht mehr bekehrt zu werden.

Frederick Dutton, prominenter Anwalt und Chef-Lobbyist für Saudi-Arabien, sinnierte in der »Washington Post« über aggressivere Werbemethoden: »Wenn ich könnte, wie ich wollte, würde ich die ganze Stadt mit Stoßstangen-Aufklebern überfluten: 'Reagan oder Begin'.«

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