ENGLAND Harte Neuzeit
Fern der Heimat, im Land des unbegrenzten Überflusses, sah Margaret Thatcher einen Silberstreif am trüben Wirtschafts-Horizont Britanniens.
Die Nation sei nun dabei, erklärte sie, die schlimmsten Folgen der peinigenden Wirtschaftsflaute -- Inflation und Massenarbeitslosigkeit -- zu überwinden. »Ich hoffe«, erklärte die Regierungschefin vor britischen Geschäftsleuten, die im saudiarabischen Riad residieren, »daß Sie leidlich optimistisch für die Zukunft sind.«
Durchhalteparolen, wie sie Margaret Thatcher am 20. April bei ihrem Staatsbesuch in Riad ausgab, verkündete derweil daheim ihr treuester Vasall im Kabinett, Schatzkanzler Sir Geoffrey Howe. »Der Aufschwung« sei »in Sicht«, das Nahziel, nämlich eine Renaissance des Pfunds, bereits erreicht.
Nun aber, fast auf den Tag genau zwei Jahre nach dem Amtsantritt von Maggie Thatcher, ist der Hoffnungsstrahl erloschen. Wirklichkeit und Zukunft sehen düsterer aus, als selbst Kritiker der Thatcher-Howe-Wirtschaft in ihren wüstesten Szenarios befürchtet hatten.
Mit nunmehr 2,6 Millionen Arbeitslosen sind in Großbritannien mehr Menschen ohne Broterwerb als in den 30er Jahren während der Großen Depression. Fast eine ganze Generation gerät aufs Abstellgleis: Zwei Drittel aller Erwerbslosen sind weniger als 35 Jahre alt -- ein Anteil, der ab Sommer, wenn die Schulabgänger auf den Markt drängen, noch mehr anschwillt.
Von ihnen wird, wie die staatliche Arbeitsbehörde Manpower Service Commission gerade erst bekanntgab, sogar jeder zweite ohne Job sein. Die Schulabgänger, Angehörige geburtenstarker Jahrgänge, treffen auf einen Stellenmarkt, der weniger als halb so viele Ausbildungsplätze wie Ende der 60er Jahre anzubieten hat.
1982 sind die Aussichten für junge Briten noch verheerender. Dann, so rechneten die Manpower-Beamten hoch, wird nur noch jeder dritte Schulabgänger Lehrling werden können. Der große Rest, insgesamt 750 000, wird das Heer derjenigen verstärken, die in Liverpool und Manchester zum Beispiel Schlange vor den Arbeitsämtern stehen.
Andere gehen, gleichsam in den Fußstapfen der arbeitslosen Väter, »on the knocker": Sie ziehen von Fabriktor zu Fabriktor, klopfen bei den Pförtnern an und lassen ihre Namen aufschreiben -- in der freilich matten Hoffnung, später dadurch einen Job zu kriegen.
Aber auch für jene Briten-Mehrheit, die von der neuen Armutsklasse bislang weit entfernt war, bricht im dritten Herrschaftsjahr von Margaret Thatcher eine harte Neuzeit an.
Weil die Regierungschefin im März ein fiskalisches Schockprogramm durchs Parlament peitschte, das die wichtigsten Verbrauchs-Steuern drastisch in die Höhe trieb (allein der Benzinpreis stieg um 20 Pfennig pro Liter S.123 auf nunmehr 1,51 Mark), und weil zugleich auch die Gehalts- und Lohnerhöhungen unterhalb der Inflationsmarke geblieben sind, rutscht der Lebensstandard immer weiter ab.
Durchschnittlich, so hat das Nationale Institut für Wirtschafts- und Sozialforschung errechnet, werden sich die Briten bis zum Ende dieses Jahres drei Prozent weniger leisten können als bisher. 1982 wird das freiverfügbare Einkommen sogar auf den Stand von 1979 geschrumpft sein.
Unabhängig voneinander ließen Wirtschaftsforscher und Arbeitgeber den bisher geübten Zweckoptimismus der Premierministerin zerplatzen. Großbritannien müsse sich »langfristig auf wirtschaftlichen Schaden einrichten«, formulierten die Wirtschafts-Analytiker. »Keinen Hinweis« auf eine Verbesserung der Lage steuerte der Unternehmensverband CBI bei.
Das schwerwiegende Handikap: Die Bereitschaft der Fabrikherren, zu investieren, nimmt dramatisch ab, nach Angaben der Wirtschaftsforscher in diesem Jahr um 15 bis 18 Prozent. Damit aber verschärft sich ausgerechnet jenes Übel, das die Regierungschefin mit ihrer neuen, monetaristischen Wirtschaftspolitik bekämpfen wollte.
Sie hatte gehofft, mit einer radikalen Strategie des knappen Geldes Großbritanniens Wirtschaft rundum zu erneuern. Vielen mittleren und kleineren Firmen aber ging der Atem aus, weil mit der Geldverknappung auch die Zinsen hochschossen. Der Chemie-Riese ICI, bis vor kurzem noch Garant des Wachstums, erwägt beispielsweise, die Chlorherstellung einzustellen und im Gefolge 11 500 Beschäftigte zu feuern.
Bedrohlich langsam laufen die Bänder in der Autoindustrie von Großbritannien. Nur mehr 924 000 Wagen wurden 1980 hergestellt, das Produktionsniveau entsprach demjenigen von 1957.
»Die Briten sind vielleicht phlegmatisch, aber sie sind keine Deppen oder Fatalisten.« So kommentierte der linksliberale »Guardian« vorigen Montag, was die Hauptstadt seit den dreißiger Jahren mit ihren Hungermärschen nicht mehr sah: eine Demonstration von 100 000 Menschen, die vom Hyde Park aus zum Trafalgar Square zogen, um gegen die Misere der Massenarbeitslosigkeit zu protestieren. Ihr Schlachtruf: »Laßt die Reichen für die Krise zahlen.«
500 Marschierer, die am 1. Mai in Liverpool aufgebrochen waren, gingen an der Spitze dieses Lindwurms. Hernach schickten sie eine Delegation ins Unterhaus, um mit Arbeitsminister James Prior eine Stunde lang zu diskutieren.
Zwar kam dabei nicht viel heraus. »Es war«, wie einer der joblosen Besucher sagte, »der Dialog mit einem Tauben.«
Schon der Umstand aber, daß Prior die Männer überhaupt empfing, hatte politische Bedeutung. Prior nämlich zählt zur Riege jener Kabinettsmitglieder, die auf den Wirtschaftskurs von Margaret Thatcher mehr als bisher Einfluß nehmen wollen.
Stets hat die Regierungschefin ihre Kabinettskollegen bisher überfahren, wenn es um wichtige Beschlüsse ging. So überraschte sie die Runde kurz nach ihrem Amtsantritt mit dem Entscheid, die traditionellen Devisenkontrollen aufzuheben.
Und auch über den jüngsten Steuerschock konnten die Minister nicht erst diskutieren. Was die Premierministerin mit ihrem Wirtschaftsberater Alan Walters und Schatzkanzler Sir Geoffrey längst vorbereitet hatte, erfuhr das ergrimmte Gremium nur Stunden vor den Abgeordneten im Unterhaus.
Aber der Druck auf Margaret Thatchers monetaristischen Alleingang wächst. Ex-Premier Edward Heath etwa nennt ihn »katastrophal«. Sir Timothy Kitson, sein konservativer Parlamentskollege, brachte die Kritik noch klarer auf den Nenner, der die Torys verängstigt: »Hoffentlich begreift sie ihre Fehler, ehe wir alle die nächsten Wahlen verlieren.«
Doch die Lady aus der Downing Street ist störrisch. »Niemand kann sie davon überzeugen, daß sie zu der falschen Medizin greift«, meint einer ihrer Erz-Kritiker, der Labour-Mann Roy Hattersley, eher verdoppelt sie die Dosis.«
Gleichwohl ist Margaret Thatcher nun erstmals wenigstens bereit, in drei Sitzungen des Kabinetts über die Wirtschaftspolitik zu diskutieren. Voraussichtlich am 17. Juni, bei der ersten Gesprächsrunde, wird sie eine Forderung wiederholen, die aufmuckenden Politikern wie Prior und Landwirtschaftsminister Peter Walker schwerlich ins Konzept paßt: noch mehr Streichungen im Staatshaushalt, kein Versuch, mit öffentlichen Ausgaben die Wirtschaft anzukurbeln.
Noch in diesem Winter, so prophezeit das Londoner Stockbroker-Büro Phillips and Drews, würden erstmals drei Millionen Menschen arbeitslos -mit verheerenden Folgen für die direkt Betroffenen und am Ende auch für den Staat.
Ein verheirateter Familienvater ohne Arbeit erhält derzeit eine wöchentliche Abschlagszahlung von knapp 160 Mark, Junggesellen müssen mit weniger als 100 Mark zufrieden sein. Künftig aber soll das karge Stempelgeld nicht mehr an die jeweilige Inflationsrate gekoppelt werden.
Gigantisch sind die Kosten, die der Volkswirtschaft im ganzen durch den Teilkollaps des Arbeitsmarktes aufgebürdet werden. Da jeder Arbeitslose jährlich Güter im Wert von 35 000 Mark erzeugen würde, beläuft sich der gesamte Produktionsverlust auf astronomische 85 Milliarden Mark -- ungleich mehr, als vor zwei Jahren noch durch Streiks verlorenging.
Margaret Thatcher aber geht davon aus, trotz solcher Horrorzahlen bis zu den Wahlen 1984 im Amt zu bleiben -- nicht zu Unrecht, wie es scheint.
Mehr denn je seit der Abspaltung der Parteirechten nämlich ist ihr größter Widersacher, die Labour Party Michael Foots, in sich zerstritten. Der Parteiführer kann wahrscheinlich nicht verhindern, daß Traditions-Linksaußen Tony Benn im Herbst antreten wird. S.124 um bei der Wahl des stellvertretenden Parteichefs den Labour-Rechten Denis Healey auszubooten.
Auf der Tribüne vor den 100 000 Demonstranten am Trafalgar Square sprach Foot mit dem neben ihm stehenden linken Aufrührer kein Wort.
S.122Von Liverpool nach London.*