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USA Hauch von Masochismus

Fleißig, doch farblos: Präsidentschaftskandidat Gore kann sich nicht aus dem Schatten Bill Clintons lösen.
Von Hans Hoyng
• aus DER SPIEGEL 34/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Er stand auf dem Podium und schwitzte, während sein Chef am Rednerpult wieder einmal den Charmeur gab. Noch einmal brachte der ganz nach Bedarf seine Zuhörer zum Lachen oder zum Weinen und zwang sie, mit einem Zwinkern seiner Augen und einem kleinen Lacher in seiner Stimme, ihn, bitte schön, trotz aller menschlichen Schwächen zu lieben.

Doch während Bill Clinton vorigen Dienstag in Monroe, Bundesstaat Michigan, sein Publikum zu überzeugen suchte, erst unter einer Präsidentschaft seines Vize Al Gore werde Amerikas goldenes Zeitalter voll erblühen, wischte der sich unablässig den Schweiß von der Stirn - so, als habe die Nummer zwei in Wahrheit Angst, doch noch die Nummer eins zu werden.

Die symbolische Übergabe der Parteiführung im hart umkämpften Kernland der USA absolvierte Clinton gewohnt locker und lässig: Mal nahm er seine eigene Frau Hillary - strahlend, als ob nie etwas gewesen wäre - in den Arm, mal Gores Frau Tipper und mal auch beide.

Gleichzeitig mühte sich der neue Führer der Demokraten mit einer Dankesrede, die offenbar ein hartes Stück Arbeit war für jemanden, der angeblich nichts so sehr liebt wie harte Arbeit. Gores Umarmungen der Öffentlichkeit haftet stets ein Hauch von Masochismus an.

3200 Kilometer weiter westlich beobachteten die 4368 Delegierten des Wahlparteitags der Demokraten den Stabwechsel teils mit Resignation, teils mit Panik. Je nach Umfrage lag ihr Kandidat zwischen 14 (CNN) und 4 Prozentpunkten hinter seinem Rivalen George Bush Jr. zurück. Die Parteitagswoche musste die Wende bringen. »Gore muss endlich eine Beziehung zu den Wählern herstellen«, klagte Richard Gephardt, Fraktionschef der Demokraten im Repräsentantenhaus und langjähriger Rivale von Gore.

Nur, wie wäre das zu schaffen? Seit er sich vor einem Vierteljahrhundert zum ersten Mal um einen Sitz im Kongress bewarb, galt Gore, heute 52, als erfolgreicher Politiker, zuweilen gar als Wunderkind.

Und doch: Umfragen sprachen Bush die größere Kompetenz für das Präsidentenamt zu und zeigten, dass kaum jemand den langgedienten Vizepräsidenten wirklich zu kennen glaubt.

Also musste Gore sich noch einmal neu erfinden. Niemand in Washington analysiert so gnadenlos seine eigenen Fehler und versucht, sie zu korrigieren. Gore heuert die besten Experten an, wenn er - selten genug - eigene Defizite in bestimmten Politikbereichen eingestehen muss. Sprachpädagogen sollen seine trockene Vortragsweise flüssiger machen, sogar einen Tänzer ("so 'ne Art Ballett-Typ") hat der Vize engagiert, um sein notorisch ungelenkes Auftreten zu dynamisieren.

Geholfen hat es ihm bisher nicht viel, und ihm bleiben nur noch wenige Wochen, um ein ganzes Bündel einander widersprechender Aufgaben zu bewältigen: Er muss Härte zeigen, um seine eigene Durchsetzungsfähigkeit zu beweisen - gleichzeitig Herz, um klarzustellen, dass er ein liebenswerter und wählbarer Kandidat ist.

Er muss sich von Clinton absetzen, um endlich sein eigener Herr zu werden, und kann gleichzeitig nicht auf dessen Wahlkampfhilfe verzichten. Er muss Kompetenz in jenen Sachgebieten beweisen, in denen er Bush unterlegen ist, aber gleichzeitig vermeiden, als jener Musterschüler zu erscheinen, der er auch ist.

Mit einer bis ins kleinste Detail ausgefeilten Doppelstrategie versuchte Gore auf dem Parteitag, seinem mannigfachen Dilemma beizukommen. Verwandte und Freunde, Nachbarn, Seelsorger und Kriegskameraden wurden rekrutiert, um den Workaholic als Ehemann, Vater und Christ weichzuzeichnen. »Ein zutiefst guter Mann«, attestierte sein ehemaliger Chef.

Die Charakterzeugen lobten seine »Ehrlichkeit«, seine »Stärke« und seine »Integrität« vor allem, um ihn von den Affären Clintons abzusetzen, gegen den erneut eine Grand Jury wegen Meineids ermittelt. Fast wortgleich mit dem Rivalen Bush rief Vizepräsidentschaftskandidat Joe Lieberman nach einer »moralischen Erneuerung«.

Auf dem Höhepunkt des Parteitags, in der Rede seines Lebens, versprach der Kandidat dann selber allen alles Mögliche: kostenlose Pillen für die Rentner, mehr Geld für staatliche Schulen, Krankenversicherung für alle, Steuersenkungen für den Mittelstand und schärfere Waffengesetze für die gewaltgeplagten Städte.

Dem Wink mit dem Füllhorn staatlicher Großzügigkeit lag eine präzise Kalkulation zu Grunde. 270 Wahlmännerstimmen braucht Gore, um Präsident zu werden, und nur auf etwa 110 kann er sich bislang verlassen. Um die restlichen zu erobern, hat er sein Programm maßgeschneidert auf die Bedürfnisse einzelner Staaten.

Angriffe auf die Wucherpreise der Pharmaindustrie sollen den Sieg in den Rentnerstaaten Florida (25 Wahlmänner) und Pennsylvania (23 Wahlmänner) bringen. Der Kampf für sicherere Schulen und härtere Waffengesetze gilt dagegen besonders dem Trendstaat Kalifornien (54 Wahlmänner).

Und so, auf seine fleißige, präzise, aber auch pedantische Art wahrte Gore zumindest eine Chance, doch noch ins Weiße Haus einzuziehen - dass mehr nicht drin war, weiß niemand besser als der bis zur Quälerei selbstkritische Kandidat. »Ich bin ganz bestimmt nicht der aufregendste Politiker, den es gibt«, gestand er seinen Zuhörern ein.

Und dann sagte er einen Satz, an dem er angesichts des Parteitagszirkus, angesichts teurer professioneller Imagepfleger und der Allmacht der Demoskopen wohl selbst nicht mehr so recht glaubt: »Eine Präsidentschaftswahl ist doch mehr als ein Popularitätswettbewerb.« HANS HOYNG

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