»Hauptsache, du überlebst« - DER SPIEGEL
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ZEITGESCHICHTE »Hauptsache, du überlebst«

Als Arbeitsanreiz errichteten die Nationalsozialisten in Konzentrationslagern Bordelle für Häftlinge. Eine Dissertation widmet sich jetzt dem lange tabuisierten Schicksal der Zwangsprostituierten.
Von Mareike Fallet und Simone Kaiser
• aus DER SPIEGEL 22/2009
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Mit Stiefeltritten trieb der SS-Mann Margarete W. und die anderen Häftlingsfrauen aus dem Waggon auf einen Lastwagen. »Plane beiseite, Klappe runter. Alle Mann da rauf!« Durch das Plastikfenster in der Plane sah sie, wie der Wagen in ein Männerlager fuhr. Er hielt vor einer Baracke mit Bretterzaun.

Die Frauen wurden in einen möblierten Aufenthaltsraum geführt. Die Baracke unterschied sich von denen, die Margarete W., damals 25, aus ihrer Zeit im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück kannte: Es gab Tische, Stühle, Bänke, Fenster, sogar mit Vorhängen. Die Aufseherinnen erklärten den Neuankömmlingen, sie seien »jetzt in einem Häftlingsbordell«. Sie hätten es gut, sie bekämen auch gut zu essen und zu trinken. Und wenn sie sich fügen würden, dann würde ihnen nichts passieren. Dann bekam jede der Frauen ein Zimmer zugewiesen. Margarete W. zog in das mit der Nummer 13.

Das Häftlingsbordell im KZ Buchenwald wurde am 11. Juli 1943 eröffnet. Es war der vierte von insgesamt zehn sogenannten Sonderbauten, die auf Anweisung des Reichsführers SS Heinrich Himmler zwischen 1942 und 1945 in Konzentrationslagern errichtet wurden. Er führte in den Lagern ein Prämiensystem ein, mit dem die »besondere Leistung« von KZ-Insassen mit Hafterleichterung, Verpflegungszulagen oder Geldprämien belohnt werden sollte.

Für nützlich hielt es Himmler zudem, »dass den fleißig arbeitenden Gefangenen Weiber in Bordellen zugeführt werden«, schrieb der Reichsführer SS am 23. März 1942 an den für die Lager zuständigen SS-Mann Oswald Pohl. Himmlers zynische Vision: Die Bordellbesuche sollten die Produktivität der Arbeitssklaven in Steinbrüchen oder Munitionsfabriken erhöhen.

Dass Bordelle in Sachsenhausen, Dachau und selbst in Auschwitz existierten, dass dort weibliche KZ-Gefangene zur Prostitution gezwungen wurden, gehört bis heute zu den wenig bekannten Aspekten des Nazi-Terrors. Doch in den vergangenen neun Jahren hat der Berliner Kulturwissenschaftler Robert Sommer, 34, weltweit in Archiven und KZ-Gedenkstätten recherchiert und zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen geführt*. Und so leistet seine im Ju-

ni erscheinende Dissertation erstmals eine umfassende wissenschaftliche Übersicht dieser »besonders perfiden Form der Gewalt in den KZ«. Auf der Forschungsarbeit basiert auch ein Großteil der Wanderausstellung »Lagerbordelle. Sex-Zwangsarbeit in NS-Konzentrationslagern«, die dieses Jahr in mehreren Gedenkstätten zu sehen ist.

Sommer liefert reichlich Material gegen die Legende, die Nationalsozialisten hätten die Prostitution verboten oder entschieden bekämpft. Vielmehr habe das Regime, vor allem mit Kriegsbeginn, nach der totalen Überwachung der Prostitution getrachtet, sowohl im Gebiet des »Altreiches« als auch in den besetzten Territorien. Ein flächendeckendes System staatlich kontrollierter Bordelle überzog damals halb Europa, das laut Sommer »aus zivilen, militärischen sowie Bordellen für Zwangsarbeiter bestand und sich zugleich auch in das System der Konzentrationslager hinein erstreckte«. Die österreichische Widerstandskämpferin und Ravensbrück-Überlebende Antonia Bruha wusste schon vor Jahren zu berichten: »Die Schönsten kamen in die SS-Bordelle, die weniger Schönen in die Soldaten-Bordelle.«

Und die Übrigen ins KZ. In den zehn kleinen Kammern von »Baracke 1« des Lagers Mauthausen in Oberösterreich begann hinter vergitterten Fenstern im Juni 1942 der Betrieb des ersten Lagerbordells überhaupt. Rund 5500 Häftlinge aus dem Stammlager Mauthausen klopften damals in Granitsteinbrüchen Steine für NS-Repräsentationsbauten, Ende 1944 lebten im gesamten Lagerkomplex über 70 000 Arbeitssklaven.

Zehn Frauen hatte die SS für Mauthausen rekrutiert und sich dabei an den Richtlinien des Reichssicherheitshauptamts zur Errichtung von Bordellen für Zwangsarbeiterlager orientiert. Demnach kam auf 300 bis 500 Mann je eine Prostituierte.

Insgesamt rund 200 Frauen teilten das Schicksal der Mauthausener in den KZ-Bordellen. In das Rekrutierungsraster der SS fielen vor allem gesund und gut aussehende Häftlingsfrauen im Alter zwischen 17 und 35 Jahren. Mehr als 60 Prozent von ihnen waren »reichsdeutscher« Nationalität, aber auch Polinnen, Frauen aus der Sowjetunion und eine Niederländerin wurden in die Sonderkommandos überstellt. Jüdinnen ließen die Nazis nicht zu, aus Gründen der »Rassenhygiene«. Auf der Krankenstation wurden die Frauen erst mal aufgepäppelt; sie bekamen Kalziumspritzen, Desinfektionsbäder, besseres Essen und wurden mit Höhensonne bestrahlt.

Knapp 70 Prozent der zur Prostitution genötigten Zwangsarbeiterinnen waren als »Asoziale« inhaftiert worden und trugen im Lager den schwarzen Winkel, darunter auch ehemalige Prostituierte, die vor allem zu Beginn den »professionellen« Betrieb der Lagerbordelle garantieren sollten. Das Urteil »asozial« wurde damals schnell gefällt, beispielsweise wenn eine Frau gegen Arbeitsauflagen verstieß.

Inwieweit sich die Frauen wissentlich für die »Sonderkommandos« meldeten, ist strittig. So zitiert Robert Sommer etwa die spanische Widerstandskämpferin Lola Casadell, die 1944 nach Ravensbrück kam. Sie erzählte, wie ihnen die Blockälteste drohte: »Die, die in ein Bordell gehen wollen, sollen in meinem Raum vorbeikommen. Ich warne euch, wenn es keine Freiwilligen gibt, holen wir euch mit Gewalt.«

Die Zeitzeugin Antonia Bruha, die im Krankenrevier des KZ arbeiten musste, erinnerte sich an Frauen, »die sich freiwillig meldeten, weil man ihnen in Aussicht gestellt hat, sie würden nachher frei gehen«. Ein Versprechen, das Himmler entschieden zu weit ging. Er klagte, dass »irgendein Wahnsinniger im Frauen-KL bei der Auswahl von Dirnen für die Lagerbordelle den weiblichen Häftlingen mitgeteilt hat, dass diejenigen, die sich freiwillig melden, nach einem halben Jahr entlassen würden«.

Für viele der todgeweihten Frauen war der Bordelldienst dennoch die letzte Hoffnung, das Lager zu überstehen. »Hauptsache, wir waren erst mal der Hölle von Bergen-Belsen und Ravensbrück entronnen«, sagte Lieselotte B., damals im Lager Mittelbau-Dora inhaftiert, »Hauptsache, du überlebst das überhaupt.« Unter welchen Umständen auch immer sie sich dem Regime fügten: Die angebliche »Freiwilligkeit« sei auch einer der Gründe, »warum die ehemaligen Bordellfrauen bis heute stigmatisiert werden«, erklärt Insa Eschebach, Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück.

Entsprechend der rassistischen NS-Hierarchie in den Lagern durften anfangs nur Deutsche, später aber auch Ausländer das Bordell besuchen. Juden war der Zutritt verboten. In den Genuss dieser »Prämie« kamen überwiegend Kapos, Blockälteste oder andere Lagerprominenz und nur, wer sich die »Sprungkarte« im Wert von zwei Reichsmark leisten konnte. 20 Zigaretten in der Kantine kosteten drei Reichsmark.

Der Ablauf des Bordellbesuchs war durch die SS reglementiert, ebenso wie die Öffnungszeiten. Der Sonderbau in Buchenwald etwa war von 19 bis 22 Uhr geöffnet, bei Licht- und Wassermangel, Fliegeralarm oder bei der Übertragung von Führerreden blieb er geschlossen. Der Dachauer Häftling Edgar Kupfer-Koberwitz schrieb in sein KZ-Tagebuch: »Man wartet auf dem Flur. Der Name und die Nummer des Häftlings werden von einem Rapportführer eingetragen. Dann wird eine Nummer gerufen und der Name des betreffenden Häftlings. Dann heißt es in das Zimmer mit dieser Nummer rennen. Bei jedem Besuch ist es eine andere Nummer. Die zur Verfügung stehende Zeit sind 15 Minuten, genau 15 Minuten.«

Privatsphäre war in den Konzentrationslagern ein Fremdwort, auch in den Bordellen: Die Türen hatten Spione, auf dem Flur patrouillierte ein SS-Mann. Die Häftlinge mussten ihre Schuhe ausziehen, sollten nur das Nötigste sprechen. Erlaubt war ausschließlich die Missionarsstellung.

Häufig kam es gar nicht zum Geschlechtsakt. Manche Männer waren dazu physisch nicht mehr in der Lage, »manche hatten vielmehr das Bedürfnis«, so Sommer, sich einmal wieder »mit einer Frau zu unterhalten oder ihre Nähe zu spüren«.

Groß war in der SS die Angst vor der Verbreitung von Geschlechtskrankheiten. Die Freier bekamen in der Krankenbaracke vor und nach jedem Beischlaf desinfizierende Salben verabreicht, von den Bordellfrauen nahmen die Ärzte Muttermundabstriche gegen den Tripper und Blutproben für den Syphilis-Test.

Die Verhütung hingegen überließ die SS offenbar den Häftlingsfrauen. Da viele Frauen bereits vor ihrer Haft zwangssterilisiert worden waren, andere durch das Leiden im Lager unfruchtbar wurden, kam es eher selten zu Schwangerschaften. Und wenn sich doch ein »Betriebsunfall« ereignete, tauschte die SS die Frauen einfach aus und schickte sie zur Abtreibung.

Wer die Drangsal des Bordell-Lebens aushielt, so hat Sommer recherchiert, hatte immerhin erhöhte Aussicht, dem Tod im Lager zu entkommen. Fast alle Zwangsprostituierten überlebten das Terror-Regime der Nazis. Was aus ihnen wurde, ob sie ihre Traumata jemals verarbeiten konnten, ist weitgehend unbekannt. Die meisten schwiegen über ihr Schicksal ihr Leben lang. MAREIKE FALLET, SIMONE KAISER

* Robert Sommer: »Das KZ-Bordell. Sexuelle Zwangsarbeit innationalsozialistischen Konzentrationslagern«. Schöningh,Paderborn; circa 492 Seiten; 39,90 Euro.

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