Hauptsächlich schockieren - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 103 / 113

Briefe

Hauptsächlich schockieren
• aus DER SPIEGEL 20/1996
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hauptsächlich schockieren

(Nr. 18/1996, Sekten: Satanisten machen sich breit)

Wir gehören selbst seit Jahren der schwarzen Kulturbewegung an. Obwohl wir in dieser Szene schon weit gereist sind und manche Bekanntschaft mit Schwarzen geschlossen haben, hatten wir noch nicht das zweifelhafte Vergnügen, einen Satanisten zu treffen. Die Einstellung zur Kirche ist bei vielen wahrlich nicht die beste, was jedoch auf keinen Fall bedeutet, daß man deshalb den Satan anbetet. Erst der christliche Glaube hat die Geburt des Teufels als solchen ermöglicht, denn in den alten Religionen existierte das personifizierte Böse nicht. Eine friedfertigere, harmonischere Szene als die der Schwarzen ist kaum vorstellbar. *UNTERSCHRIFT:

Kaiserslautern MICHAELA CLOS NICOLE GILCHER

Jugendliches Vandalentum ist ebensowenig mit Satanismus gleichzusetzen wie christliche Nächstenliebe einer Mutter Teresa mit militanten Aktionen fanatisierter Abtreibungsgegner oder beispielsweise dem Judenhaß Martin Luthers. Wenn man die Maßstäbe der Sektenexperten konsequent anwendet, so haben vermutlich 90 Prozent aller Verbrechen und Vergehen in der Bundesrepublik einen christlichen Hintergrund. Der Satanismus/Setianismus ist eine ehrenwerte religiöse Strömung, für die jegliches Leben als achtenswert und unverletzlich gilt. *UNTERSCHRIFT:

Stuttgart ROLAND WINKHART Tempel von Set

Für die meisten jugendlichen Satanisten und Black-Metal-Fans ist der Kult eine Modeerscheinung und ein Mittel, gegen ihre Eltern und die Welt der Erwachsenen zu protestieren. In meiner Jugendzeit hat es noch gereicht, Beatles-Fan zu sein, um sich mit den Erwachsenen anzulegen und sich von ihnen abzugrenzen. Der Satanskult gibt allerdings mehr her, weil er auch gegen die Kirche gerichtet ist - ohne die Christen gäbe es ihn nicht. Nur einige wenige Satan-Fans sind so verbissen und gehen so weit, daß sie Kirchen anzünden oder menschenverachtende Rituale veranstalten. Die meisten nehmen das Ganze überhaupt nicht ernst, und die Musiker unter ihnen lachen oft selbst über ihre finsteren Texte. Alle, die ich persönlich kennengelernt habe und die vor zehn Jahren, als es schon einmal eine »Satanswelle« gab, Crowley gelesen und sich Pentagramme umgehängt haben, haben schon nach ein paar Jahren mit dem ganzen Quatsch wieder aufgehört. Einige von ihnen sind inzwischen Familienväter. Death-Metal hat im Gegensatz zu Black-Metal überhaupt nichts mit dem Satanskult zu tun. Die Texte dieser Bands handeln zwar von Mord und Totschlag, sind dabei aber nicht gewaltverherrlichend. Sie sollen hauptsächlich schockieren. *UNTERSCHRIFT:

Berlin HARRIS JOHNS Musik Lab Berlin und Produzent von Helloween, Sodom, Kreator

Herzlichen Dank für Ihren Beitrag, welcher der Akzeptanz von Gruftis in unserer Gesellschaft sicher sehr hilfreich sein wird. Hier nun mein Tagesablauf: Nachdem ich nach dem Aufstehen eines meiner Hühner geopfert habe, pflege ich im allgemeinen ein bis zwei kleinere Mädchen zu vergewaltigen, bevor ich meine Exkremente genüßlich verzehre. Dann trauere ich über mein Dasein, grabe auf meinem Lieblingsfriedhof einige Leichen aus und schände diverse Gräber. Als Tagesabschluß töte ich dann meist noch einen Jungen und verschlinge dessen frische Leber. Ach ja, zwischendurch gehe ich meinen sonstigen Interessen und Pflichten nach, zum Beispiel als Zivildienstleistender behinderte Kinder zu pflegen, mich auf mein Politik- und Germanistikstudium vorzubereiten oder ehrenamtlich Sozialarbeit im Sportverein zu leisten. *UNTERSCHRIFT:

Bremen ANDREAS WIMMEL

Zur Ausgabe
Artikel 103 / 113