HIGHTECH Headhunting mit Taschenlampe
Amerika, hast du es besser? Kaum hatte Edelgard Bulmahn am vergangenen Donnerstag das Forschungslabor von Hewlett-Packard im kalifornischen Palo Alto betreten, ereilte ihre Gastgeber die Notstandswarnung des örtlichen Energielieferanten. Wenige Minuten später brach beim Computergiganten die Stromversorgung zusammen. Im Lichtkegel einer Taschenlampe zog die Bildungsministerin in einen Konferenzsaal um, in den wenigstens Tageslicht hereinfiel.
Vier Tage lang machte Bulmahn in der vergangenen Woche im Silicon Valley und in San Francisco, der wichtigsten Technologie-Region der Welt, Reklame für das deutsche Hochschulwesen, das vor einer gründlichen Renovierung steht. Etwa 100 junge deutsche Nachwuchswissenschaftler hatte sie in den Fakultätsclub der elitären Stanford-Universität eingeladen, um einen Abwerbeversuch zu unternehmen. »Es wäre schön«, so die Ministerin, »Sie bald wieder zurück in Deutschland zu sehen.«
Es wäre vor allem nötig. Seit Jahren beklagen Bildungsexperten, dass ein großer Teil der Forscherelite auf Nimmerwiedersehen in die USA abwandert. »Die Nachwuchslage ist überaus kritisch«, urteilt die Deutsche Forschungsgemeinschaft.
Nach einer vom Bildungsministerium in Auftrag gegebenen Studie des deutschamerikanischen Center for Research on Innovation & Society (CRIS) verschlägt es jeden siebten deutschen Nachwuchswissenschaftler nach Amerika. Häufig handelt es sich um die Besten: Mit dem Physiker Herbert Kroemer, dem Mediziner Günter Blobel und dem Physiker Horst Störmer wurden in den vergangenen drei Jahren gleich drei deutschstämmige Spitzenforscher, die in den USA arbeiten, mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.
In mehr als 60 Interviews hat das CRIS versucht, die Ursachen für den Treck über den Atlantik zu erkunden. Dabei attackierten die befragten Abwanderer vor allem die starren Hierarchien an deutschen Hochschulen. Anstatt selbst zu forschen, hätten sie ihren Professoren mit Hilfstätigkeiten zu Diensten sein müssen.
Zudem fürchteten sie, nach dem jahrelangen Habilitationsverfahren keine Stelle als Professor zu bekommen. »Nachwuchswissenschaftler in Deutschland«, urteilt Nobelpreisträger Kroemer, »sind Untertanen auf Zeit, die den Ordinarien auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind.
Geradezu paradiesisch erscheinen dagegen die Perspektiven der Jungakademiker in den USA. Davon überzeugte sich Bulmahn bei einem Rundgang über den Campus der Berkeley-Universität. In einem Speisesaal für Lehrkräfte stieß sie auf Scharen junger Leute, die sie - in diesem Alter - in Deutschland noch in der Studentenmensa vermutet hätte.
Als Assistant Professor oder Associated Professor können Nachwuchsforscher in den USA eigene Projekte vorantreiben, statt Kopier- und Vorlesungsaufträge zu erledigen. Mit Stiftungsgeldern, Spenden und Studiengebühren üppig finanziert, zahlen Elite-Universitäten wie Harvard, Yale, Princeton oder Stanford häufig höhere Gehälter als deutsche Hochschulen. Überdurchschnittlich begabten Jungforschern winkt eine Beschäftigung auf Lebenszeit.
Seit Jahrzehnten verwenden die Amerikaner enorme Anstrengungen darauf, die besten Professoren aus aller Welt ins Land zu locken. Nach China, Indien, Taiwan und Großbritannien zählt Deutschland zu den wichtigsten betroffenen Ländern. »Mit dem Weggang deutscher Wissenschaftler«, klagt Bulmahn, »subventionieren wir die Forschung in den USA.«
Um den Nachwuchs künftig im eigenen Land zu halten, will die Bildungsministerin nun das jahrzehntealte Dienstrecht umkrempeln. Noch in dieser Legislaturperiode will sie die Habilitation, bislang Voraussetzung für eine Professur, abschaffen. 30-Jährige dürften künftig zu Juniorprofessoren aufsteigen.
Während ihrer Kalifornien-Reise kündigte Bulmahn zudem an, 1000 der geplanten Juniorprofessuren ab 2002 mit Labors und Forschungseinrichtungen auszustatten.
Die Chance, damit auch deutsche Talente aus den USA zurückzuholen, stehen nicht schlecht. Nach ihrer Rede in der Stanford-Universität bestürmten Nachwuchswissenschaftler Ministerin Bulmahn mit Detailfragen. Hochzufrieden speiste sie danach in Gesellschaft der Nobelpreisträger Kroemer und Johann Deisenhofer. Kroemer lobte: »Sie sind auf dem richtigen Weg.«
Bei ihrem Werben zu Hilfe kommt Bulmahn auch die Demografie. Auf Grund des Altersdurchschnitts zeichnen sich an den Hochschulen in Deutschland demnächst glänzende Karrierechancen ab. Bis zum Jahr 2004, hat sich Bulmahn von ihrem Ministerium ausrechnen lassen, geht etwa die Hälfte aller derzeit tätigen Professoren in Pension. ALEXANDER NEUBACHER
* Am 18. Januar an der Stanford-Universität.