Geschichte Hehre Leichen
Es sollte endlich Schluß sein mit den Königen und Königinnen in Frankreich - und mit den königlichen Knochen auch. »In der Monarchie«, so hatte der Abgeordnete Paul Barras dem Konvent zugerufen, »hat man selbst die Gräber dazu erzogen, den Königen zu schmeicheln.« _(* Franz I. und Claude de France. )
Also machten sich Pariser Revolutionäre im Jahre 1793 über das her, was sie an der Kathedrale von Saint-Denis im Norden vor der Stadt am widerwärtigsten fanden: die Ruhestätten der ehrwürdigsten Toten des Ancien regime.
Die Reste von fast 160 Königen, Königinnen, Prinzen und Prinzessinnen sowie 10 königlichen Granden wurden aus ihren wertvollen Särgen und Sarkophagen gerissen und in nahe gelegenen Gruben verscharrt. 1817 ließ der wieder eingesetzte König, Ludwig XVIII., die gemixten Gebeine ausbuddeln und in zwei unscheinbaren gemauerten Knochenschreinen in einem Seitenraum der Krypta von Saint-Denis beisetzen.
Nun soll wieder gebuddelt werden - damit die Toten zum 200. Jubeltag der Hinrichtung Ludwigs XVI. am 21. Januar 1993 endlich würdig arrangiert sind. Aber wie - darum rangeln die beiden Branchen der französischen Königstreuen: die Anhänger der 1883 ausgestorbenen Hauptlinie des ehemaligen Herrscherhauses Bourbon ("Legitimisten") und jene einer Seitenlinie ("Orleanisten"), die heute mit dem Grafen Henri von Paris, 83, den Thronprätendenten stellt.
Alles, was an Saint-Denis rührt, erregt die historisch bewegten Franzosen. Denn die Basilika der Abtei - sie war die reichste und berühmteste Benediktinerabtei Frankreichs - ist die Grabstätte des Nationalheiligen und Märtyrers Denis (Dionysius), des ersten Bischofs von Paris. In ihr wurden die Königsinsignien und das königliche Kriegsbanner, die »Oriflamme«, aufbewahrt und die königlichen Chroniken geführt. Einige Äbte von Saint-Denis waren Regenten des Königreichs.
Über zwölf Jahrhunderte versammelten sich fast alle französischen Monarchen in der Basilika zur letzten Ruhe - von Dagobert I. (gestorben 639) bis Ludwig XVIII. (gestorben 1824): Merowinger, Karolinger, Kapetinger, Valois und Bourbonen.
Die Nekropole ist architektonisch einzigartig. Von Saint-Denis ging die französische Gotik aus - die Kathedralen von Chartres, Senlis und Meaux wurden nach dem Vorbild Saint-Denis gebaut.
Und etliche der Grabdenkmäler sind Meisterwerke der französischen Renaissance, vor allem die wie kleine Tempel reich in Marmor und Bronze ausgeführten Mausoleen von Ludwig XII., Franz I. und Heinrich II. samt Gattinnen: Ihre Marmorgestalten knien jeweils im Ornat auf dem Dach des Tempelchens wie Lebende und liegen im unteren Teil als Tote entkleidet - mit fein ziselierten, für die Renaissance-Skulptur typischen realistischen Gesichtszügen. Die Sarkophage machen Saint-Denis zu einem gewaltigen Museum der französischen Grabskulptur.
Der Inhalt der Sarkophage war schon problematisch, als die königlichen Gebeine noch darin ruhten. Denn seit dem 14. Jahrhundert wurden die hehren Leichen, wie andernorts in Europa auch, nicht mehr vollständig bestattet: Vor der Einbalsamierung entfernte man Herz und Eingeweide, um sie getrennt beizusetzen. Bei der Schändung 1793 entgingen die Kunstwerke selbst nur knapp der Zerstörungswut der revolutionären Vandalen.
Ein »Komitee zur Gestaltung der Krypta und zur Aufwertung der Königsgräber« unter dem Historiker und Ex-Minister Alain Decaux will nun die Nekropole neu herrichten. Doch da knirscht es: Die Legitimisten wollen die beiden Knochenschreine aus dem Seitenraum der Krypta in zwei zentrale Kapellen überführen. Die Orleanisten dagegen wünschen nur eine einzige große Begräbnisstätte mit der Inschrift: »Allen unseren Königen«.
Diese Formel würde auch den einzigen Monarchen einbeziehen, der je für das Haus Orleans auf dem Thron saß: Louis Philippe I., der »Bürgerkönig«, der in den Augen der Legitimisten einen doppelten Makel hat: Erstens ist er der Sohn jenes Herzogs Louis Philippe von Orleans, der als »Philippe Egalite« Revolutionär geworden war und mit seiner Stimme im Konvent den Ausschlag für die Hinrichtung seines Vetters Ludwigs XVI. gab. Seither gilt er als »Königsmörder«.
Und zweitens scheute sich Louis Philippe nicht, sich von jenen Revolutionären des Jahres 1830 zum König machen zu lassen, die seinen Vetter Karl X., den letzten Monarchen der bourbonischen Hauptlinie, verjagt hatten.
Was Wunder, daß die Legitimisten von einer Mausoleumsinschrift »Allen unseren Königen« nichts wissen möchten. So muß den Streit um die Toten von Saint-Denis wohl letztlich Kulturminister Jack Lang entscheiden - Saint-Denis ist Staatsbetrieb.
Im Februar empfing der kommunistische Bürgermeister von Saint-Denis, Patrick Braouezec, die Protagonisten der nekrophilen Neuordnung. Er hält die Gelegenheit für günstig, die königliche Totenstadt endlich zu vervollständigen: Nachdem die geköpften Körper von Ludwig XVI. und Marie-Antoinette bereits 1827 in die Krypta überführt wurden, fehlt jetzt vor allem noch Karl X., der letzte Bourbonenkönig. Der, ein besonders kurzsichtiger und starrsinniger Autokrat, starb sechs Jahre nach seiner Absetzung von 1830 im Exil zu Görz (heute Nova Gorica) in Slowenien.
Doch die Slowenen, mit königlichen Leichen nicht gerade gesegnet, wollen ihn behalten.
* Franz I. und Claude de France.