Heilige Eide - DER SPIEGEL
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Türkei Heilige Eide

Gehört Schweinezucht zu den Menschenrechten? Ein türkischer Bauer will es vom Europäischen Gerichtshof wissen.
• aus DER SPIEGEL 39/1989
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kaum hatte der Dorfimam beim Freitagsgebet öffentlich den »Teufelsanbeter« angeklagt, da machten sich die Gläubigen schon auf, das vermeintliche Gottesurteil zu vollstrecken. Sie zogen zur Schweinefarm von Yusuf Tavukcu und massakrierten 31 zumeist trächtige Sauen.

Schon zuvor hatte das Verwaltungsgericht in der Dardanellenprovinz Canackale den 47jährigen Landwirt dazu verdonnert, seinen Betrieb im Dorf Kahvetepe zu schließen und die Tiere nicht mehr zu füttern. Tavukcu: »Sie sollten verhungern, aber das konnte ich nicht zulassen, deshalb habe ich sie, während die Berufung lief, gefüttert und mit Wasser versorgt.«

Moslem Tavukcu hatte gegen ein Tabu des Islam verstoßen, dem etwa 99 Prozent aller Türken angehören. Nach dem Koran gelten Schweinefleisch und Wein als unrein; ihr Genuß ist dem Gläubigen verboten.

Nun züchtete der Schweinebauer seine Tiere keineswegs als Fleischlieferanten für die eigenen Landsleute; er zielte auf den wachsenden Bedarf der Touristen, die auch im Moslemland etwa auf Frühstücksspeck nicht verzichten mögen.

Überdies gilt die moderne Türkei nach dem Staatsverständnis ihres Gründervaters Kemal Atatürk als säkulares Land, in dem Staat und Religion nach westlichem Vorbild streng voneinander getrennt sein sollten.

Doch seit der Mullah-Revolution im benachbarten Iran ist auch zwischen Asien und Europa die Rückkehr des Islam ins öffentliche Leben unübersehbar. Die Zahl der Koranschulen explodiert, mitten in der Hauptstadt Ankara rollen freitags Tausende von Gläubigen ihre Teppiche zum Gebet aus. Staatspräsident Kenan Evren und Ministerpräsident Turgut Özal pilgern als treue Moslems nach Mekka.

Was Wunder, daß Schweinezüchter Tavukcu der heimischen Justiz wenig Vertrauen entgegenbringt. Hilfesuchend wandte er sich deshalb an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Der soll ihm nun bestätigen, daß er durch religiöse Vorurteile geschädigt wird, daß Schweinezucht also zu den Menschenrechten gehört.

Auch die Weinkellereien des Landes, in dem durchaus edle Tropfen reifen, spüren die wachsende Macht des Islam. Mehmet Basman, Chef einer der führenden Kellereien: »Wenn wir den Bauern die Trauben abkaufen, müssen wir heilige Eide schwören, daß wir keinen Wein daraus machen.« Nach Straßburg will er aber noch nicht gehen. f

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