BÜHNE UND FILM Heilige Verrücktheit um Puppen
Keine Straße für Papa Schmid (s. Titel)
Kinder hatten magere, aber gutgemeinte Kränze geflochten, aus Tannengrün und Papierrosen: Münchens Kasperl Larifari hatte 90. Geburtstag.
Im Marionetten-Theaterchen in der Blumenstraße zeigte er sich in demselben Puppenspiel, in dem er 1858 vor die Münchner hingehampelt war, in »Prinz Rosenrot und Prinzessin Lilienweiß« oder »Die bezauberte Lilie« von Graf Pocci, einem romantischen Spektakelstück in fünf Abteilungen.
Der Stammbaum Kasperls und der Marionettenfamilie, deren liebes, derbes, mutterwitziges enfant terrible er ist, hat allerdings weit mehr als 90 Jahresringe. Aber Münchens Kasperl Larifari war ein neues Reis am alten Stamm, ein recht bayrisches.
Münchner Kinder machen ihr mitleidigstes, verächtlichstes Gesicht, wenn jemand Kasperle zu ihrem Kasperl sagt. Graf Franz von Pocci und Joseph Leonhard Schmid haben ihn auf die Welt gebracht und auf die ewig lustigen Beine gestellt.
Pocci und Schmid waren stark münchnerisch. Der eine war Oberstzeremonienmeister bei Hofe, ein künstlerisch vielgewandter Mann, der andere war als Handwerksbursch aus Amberg zugewandert, ein Buchbinder, der dann Vereinsaktuar wurde. Beide hatten einen Narren am Puppenspiel gefressen. 1858 genehmigte, dank Poccis Vermittlung, das Kultusministerium Schmid die erbetene Errichtung eines Marionettentheaters.
Als Schmid an der Jahreswende 1912/13 starb, fast 91 Jahre alt, hatte er 54 Jahre den Kasperl an den Fäden dirigiert und ihm mit dem »Grundbaß des Humors« seine Stimme gegeben. Er war längst »Papa Schmid« geworden und gehörte mit seinem Puppentheater zu München.
Ehrfürchtig-herzliche Nachrufe galten dem großen, hageren Mann mit dem grauhaarigen Bartkranz, der »Schifferkrause«, um das freundliche Gesicht und dem gütig-verschmitzten Lächeln: »ein richtiger lieber Typus aus dem alten München«.
Er hatte das Marionettentheater, das auf Jahrmärkten heruntergekommen war, wieder zu einer Stätte der Kunst gemacht. Er hatte »die alte Tradition des Puppenspiels über die kritische Zeit in die neue geführt, die sich dieser alten Kunst mit Begeisterung annahm«.
Das literarische München schrieb für Papa Schmid, Künstler malten Dekorationen und komponierten für ihn und sprachen und sangen für seine Puppen. Man nennt Pocci, der 1876 starb, den Klassiker unter den Puppenspieldichtern. Von Schmids Theaterchen sprach man als dem Burgtheater der Marionetten.
München hat es Papa Schmid zu danken, daß es eine der wenigen Städte ist, in denen das Puppenspiel eine stabile Heimstätte hat. 1905 baute ihm die Stadt in der Blumenstraße das Theaterchen für seine Puppen. Der Biedermeierpavillon mit dem Säulenportal überstand die feurigen Fährnisse des Krieges. 213 Plätze gibt es darin, sie waren ausverkauft an Kasperls 90. Geburtstag.
Es war nicht Papa Schmids Kasperl Larifari, der auftrat. Nach Schmids Tode hatte seine Tochter, Frau Babette Klinger, sein Werk übernommen. Sie vererbte es 1931 dem langjährigen Mitarbeiter Postamtmann Karl Winkler. Der führte das Spiel noch zweieinhalb Jahre fort und nahm dann Schmids Nachlaß in Gewahrsam.
Der Originalkasperl mit Knollennase, roter Jacke und gelbem Höslein (so wollte Poccis Phantasie ihn gekleidet haben) ruht irgendwo im bayrischen Oberland aus, mit den anderen Puppen in Kisten und Watte verwahrt. Die Kenner dieser feinen, gelenkigen Dingerchen sprechen mit verklärten Augen von den Schätzen.
1933 verabschiedete sich Schmids Kasperl in Ferdinand Raimunds »Verschwender": »Da leg ich meinen Hobel hin und sag der Welt ade.« Als sein Nachfolger sprang Hjalmar Binters Kasperl auf die tischplattengroße Bühne in der Blumenstraße.
Hjalmar Binter, der die Tradition des Marionettentheaters fortsetzt, ist der Sohn eines Mitarbeiters von Papa Schmid. Sein Vater, Franz Xaver, gründete selbst eine Marionettenbühne. Hjalmar, bis dahin Bassist an großen Opernbühnen, übernahm sie nach dem Tode des Vaters und fügte ihr als Neuerung die Kammeroper ein.
Binter und seine Leute sind von ihrer Kunst besessen wie nur je Puppenspieler. In allen brennt etwas von dem, was Regisseur Hans Heinz Koesters die »unerläßliche heilige Verrücktheit« nennt. Sie kämpfen, wie die guten Puppenspieler in der ganzen Welt, gegen den Irrtum, das Puppentheater sei nur für Kinder.
Der Bildhauer Walter Oberholzer, heute ein Mann von 54, hat an die 800 Puppen für die Marionettenbühne geschaffen. Es sind, einmal, Wunderwerke der Mechanik. Sogar die Puppenfinger sind beweglich, eine Sängerin z. B. kann dem Kapellmeister das Notenblatt abnehmen. Der Esel in »Tischlein deck dich« niest blanke Goldstücke. Dem verfressenen Bauern kann Kasperl den Bauch aufschneiden, damit die Knödeln herausrollen.
Oberholzers Puppen sind, zum anderen, Kunstwerke, die ihre eigenen Form- und Stilgesetze haben. Der Charakter einer Figur muß zum Ausdruck kommen, Oberholzer ist sorgfältig auf die Gesichtsbildung bedacht. Die Bemalung spielt eine Rolle, auch die Farbe der Bekleidung. Die schneidert Frau Oberholzer, eine Kunstgewerblerin.
Funkelnd geputzte Prinzessinnen aus China, zierliche Rokoko-Kammerkätzchen aus Italien, Räuber, Bauern, Soldaten, Hexen, Geister, Zwerge und Riesen sind unter den Puppen. Künstler, die an Münchens Bühnen einen Namen haben, Schauspieler und Sänger, haben ihnen ihre Stimmen geliehen.
Die Dutzend Fäden, an denen die Puppen aufgeschnürt sind, nennt der Puppenführer Peter Grassinger »die Lebensnerven der hölzernen Akteure«. Es gehört viel Uebung dazu, sie zu dirigieren, und viele Proben sind nötig, bis das Zusammenspiel von Sprecher und Puppenführer vollkommen ist und die Harmonie von Stimme und Bewegung den Marionetten Leben gibt.
Es ist ein seltsam bezauberndes Leben, das zu besinnlichen Betrachtungen führt. Puppenspieler haben leicht ein Stück vom Philosophen. »Marionetten sind echter und eindeutiger, als es Menschen je sein können«, sagt H. H. Koesters.
Binters Hauptmitarbeiter ist J. L. Ostermayr, Dramaturg, Hausdichter und Kasperlsprecher. Er hat die Poccischen Märchen vorsichtig modernisiert und der heutigen Zeit mundgerecht gemacht.
»Unsere Darsteller auf der Bühne leben am Draht«, sagt der weißhaarige Herr mit dem gewaltigen Künstlerkopf. »Aber die hinter ihnen stehen, leben vom 'Draht', und der geht noch zu gering ein.« Nach der Währungsreform hat man die Abendvorstellungen für Erwachsene ausfallen lassen müssen und nur die Nachmittagsvorstellungen für Kinder beibehalten.
Zu Kasperls Jubiläum hatte Hjalmar Binter sich etwas gewünscht. Unter den 5000 Münchner Straßen gibt es vier Schmid-Straßen, für Joseph Leonhard Schmid ist keine dabei. Binter, der dankbare Schüler, hatte sich eine vom Münchner Stadtrat gewünscht. Er wäre auch mit einem Gassel zufrieden gewesen. Die Zusage ist ausgeblieben wie der Währungsreformkredit.