Heiliger Trödel - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 28 / 111

KIRCHE Heiliger Trödel

Vor der Papst-Visite in Bayern wird das Oberhaupt vermarktet wie noch nie. Mit offiziellen Fan-Artikeln will die Kirche vom Benedikt-Hype profitieren.
Von Alexander Linden und Peter Wensierski
• aus DER SPIEGEL 36/2006
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Fünf Generationen ist der »Hutkönig«, gegenüber vom Dom, nun schon in Regensburg ansässig. Königs- und Fürstenhäuser zählten zu den Kunden der Manufaktur. Gediegenheit ist Programm bei dem altehrwürdigen Hutmacher. Nur in diesem Jahr muss eine kleine Ausnahme sein. Seit wenigen Tagen liegt eine Kopfbedeckung namens »Benedikt« im Schaufenster. Die Kreation im Stile eines Don-Camillo-Huts gibt es gleich in fünf Ausführungen. Die edelste - Hasenhaarfilz mit roter Biese auf Velours - kostet ein Heidengeld: 598 Euro.

Der Countdown läuft im Freistaat Bayern, in der Stadt Regensburg und in Orten wie Marktl oder Altötting. Wenige Tage sind es noch bis zur Visite von Papst Benedikt XVI. Doch schon seit Wochen wird versucht, mit dem Heiligen Vater ganz irdisch Kohle zu machen: mit Ratzinger-Hut, mit Ratzi-Wurst, Benedikt-Bier und Ratzinger-Tassen. Selbst ein Radierer »Ratzefummel« ist auf dem Markt. Schon schwärmt die bayerische Tourismus- und Marketing-Gesellschaft vom neuen Aufschwung, den die Visite bringen werde, von neuen Pilger- und Touristenströmen in Klöster und Kirchen der Region dank weltweiter Medienpräsenz.

Und als hätte Ratzingers Dienstherr - Jesus Christus - niemals die Händler aus

dem Tempel vertrieben, mischt die katholische Kirche bei dem Schacher ganz kräftig mit. Ähnlich wie der Fifa sind ihr Markenpiraten ein Dorn im Auge. Nur eine vom Regensburger Klerus auserkorene Firma darf ganz offiziell Benedikt-Devotionalien zum Bayern-Besuch vertreiben. Schließlich soll mit dem Erlös ein Teil der Papst-Visite, geschätzte 20 Millionen Euro, refinanziert werden.

So wie Adidas Partner der Fußball-Weltmeisterschaft war, ist die Firma Sixsigma Merchandising Partner für das Bistum Regensburg beim Papst-Besuch. Und während die Kirche beim Familienbild noch etwas rückständig ist, setzt sie beim Geldeintreiben auf modernste Vertriebswege. Ein Klick auf www.willkommen-benedikt.de im Internet, und schon kann alles, was der Heilige Stuhl hergibt, in den virtuellen Warenkorb geworfen werden.

Bis vor wenigen Wochen war Sixsigma-Geschäftsführer Jürgen Wittmann in der Region nur als Partyveranstalter und Beleuchtungsratgeber aufgefallen. Nun hat er zu Reklamezwecken einen sprachlichen Mix aus Werbe- und Kirchendeutsch parat: »Es sollten ausschließlich Key-Visuals verwendet werden«, erklärt er die Marketing-Strategie des Herrn, »die aus Sicht der Kirche geschmackvoll erscheinen.« Eloquent erläutert er, dass es auch um Religion zum Anfassen gehe.

Im Unterschied zu vielen Händlern weiß er Bischof Gerhard Ludwig Müller, Oberhirte des Bistums Regensburg, auf seiner Seite: Nicht bloße Souvenirs, nein, »Zeichen der Freude und Zusammengehörigkeit« werde man verkaufen, erklärt der Hüter der Ratzi-Rechte. Und lässt gleich klarstellen, was nicht zulässig ist. Das Bild des Allerheiligsten etwa solle »nicht verunstaltet werden«, sekundiert artig sein Sprecher, und sich »nicht auf Teddybären oder Plüschkissen wiederfinden«.

Höchstselbst präsentierte Müller die offiziellen Fan-Produkte: Neben »Fingerrosenkränzen« hat der Benedikt-Shop auch spülmaschinenfeste Kaffeebecher mit Papst-Bildchen im Angebot. Als Pilger-

Accessoire stellte Müller ein Weihwasserfläschchen mit Papst-Konterfei und offiziellem Logo für fünf Euro vor, als Ersatz für zerschlissene Deutschland-Flaggen eine Vatikan-Autofahne - haftend bis maximal 75 Stundenkilometer.

Um die unliebsame Konkurrenz plattzumachen, braucht der Klerus diesmal nicht die Inquisition. Sanfter Druck reicht vor Ort oftmals aus, hier ein paar mahnende Worte des Ortsgeistlichen, dort der Besuch eines Lokalpolitikers beim unerwünschten Benedikt-Vermarkter. Noch vor kurzem wurde im schönen Marktl eine Ratzinger-Wurst angeboten. Aber der Papst gegrillt? Das war unpassend. Inzwischen sind die Würste - nach diskreter Intervention - raus aus dem Sortiment. Auch Konditoren haben die »Papst-Benedikt-Torte« zur »Benedikttorte« abgerüstet.

Der Heilige Vater ist noch längst nicht eingetroffen, da hat der heilige Trödel schon seine Wirkung erzielt. Und zwar nicht nur finanzielle, über die man selbstverständlich vor Ort schweigt.

Bis ins eher heidnische Berlin wirkt inzwischen ein Papst-Kugelschreiber mit eingebautem Mini-Papamobil. Erworben hat ihn das Oberhaupt der Protestanten, der Berliner Bischof Wolfgang Huber, bei einem Besuch in Altötting. Beim Bewegen des Stifts, schwärmt der evangelische Geistliche, fahre das Papamobil wirklich hin und her. Theologe Huber deutete dies gleich als Symbol: »Man kann das dann auch wieder rückwärtsfahren lassen, und bei einem Papst, der vor allem als Intellektueller gilt, ist das ja auch gut, einleuchtend, überzeugend, eindrucksvoll, dass er zu seinen Wurzeln zurückkehrt.«

So viel geistliche Strahlkraft traut sein Regensburger Kollege eigentlich nur den offiziellen Papst-Produkten zu.

ALEXANDER LINDEN, PETER WENSIERSKI

* Bei der Präsentation der offiziellen Papst-Devotionalien am18. August in Regensburg.

Zur Ausgabe
Artikel 28 / 111

Mehr lesen über