Heißer Bart - DER SPIEGEL
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RÜSTUNG Heißer Bart

Die Briten verschwiegen während des Kalten Krieges gefährliche Unfälle mit Atomwaffen - daheim wie in Deutschland.
• aus DER SPIEGEL 28/1998
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Mai war gekommen und hatte den Frühling an den Niederrhein gebracht. Doch während überall frisches Leben keimte, ereignete sich 20 Kilometer nordwestlich von Mönchengladbach ein Unfall, der die ganze Region in eine Todeszone hätte verwandeln können.

Bis zur vergangenen Woche wußte weder die Öffentlichkeit noch die Regierung in Bonn, daß die Bundesrepublik im Mai 1984 um ein Haar eine ihrer größten Nachkriegskatastrophen erlebt hätte: Auf dem Stützpunkt Brüggen der britischen Royal Air Force (RAF) war eine scharfe Atombombe des Typs WE-117 von einem Transportfahrzeug gefallen, zweimal hart aufgeschlagen und schwer beschädigt liegen- geblieben. Der RAF-Oberbefehlshaber in Deutschland, Luftmarschall Sir Patrick Hine, erschien sofort am Unfallort.

Für so bedrohlich hielten die Briten die Lage, daß sie einen großen Hercules-Lufttransporter nach Brüggen schickten. An Bord befand sich eine Spezialtruppe für die Beseitigung radioaktiver Kontamination. »Das Areal wurde abgesperrt«, berichtete jetzt ein RAF-Mechaniker dem Londoner »Sunday Telegraph«.

Es war nur ein Fall in einer ganzen Reihe bislang geheimgehaltener britischer Mißgeschicke mit Atomwaffen. Schon zehn Jahre zuvor hatte es auf der RAF-Basis Laarbruch in Nordrhein-Westfalen ein ähnliches Unglück gegeben. Doch die Briten vertuschten alles, die KaltenKrieger wollten die Anti-Atom-Bewegung nicht aufscheuchen.

Maltas Regierung wurde nicht verständigt, als 1974 auf Her Majesty's Ship »Tiger« vor La Valletta ein Torpedo auf eine Atombombe geprallt war. Und die Zyprioten erfuhren ebenfalls erst jetzt, daß es auf der RAF-Basis Akrotiri gleich zwei haarsträubende Vorfälle mit Atombomben gegeben hatte.

Auf mindestens sieben RAF-Stützpunkten kam es zu Beinahe-Katastrophen wie der von Brüggen. Wiederholt trat radioaktives, hochgiftiges Tritium aus undichten Sprengköpfen aus. Der Flugzeugträger »Victorious« gab 1960 sogar »Alarmstufe Rot«, als sich bei der Montage der Nuklearsprengsatz einer 1000-Kilo-Bombe vom Typ »Red Beard« (Roter Bart) überhitzte.

Die Heimatfront blieb nicht verschont. In Großbritannien wurde 1967 ein mit Atomwaffen bestücktes Kampfflugzeug vom Blitz getroffen. Doch die Regierung täuschte auch die eigene Bevölkerung jahrzehntelang mit der Lüge: »Atomwaffenunfälle, bei denen Radioaktivität freigesetzt wurde, hat es nicht gegeben.«

Richtig ist, daß in keinem Fall die Gefahr einer Atombomben-Explosion bestand. Schon in den sechziger Jahren waren die Sicherheitsvorkehrungen so hoch entwickelt, daß eine Kettenreaktion bei nahezu allen denkbaren Unfällen ausgeschlossen werden konnte.

Die extrem hohen Temperaturen und vor allem die auf Tausendstelsekunden genaue Synchronisation gleich mehrerer Zündzeitpunkte, die nötig sind, um eine Spaltung oder eine Fusion von Atomen in Gang zu bringen, können praktisch nicht ohne Absicht ausgelöst werden.

Dennoch birgt jeder Unfall mit Atomwaffen hohe Risiken. Mönchengladbach hätte 1984 ein kleines deutsches Tschernobyl werden können, wenn die WE-117-Bombe zerbrochen und vielleicht gar der hochbrisante konventionelle Zündstoff abgebrannt wäre. Er umgibt einen radioaktiven Kern, dessen Partikel von den Qualmwolken eines Feuers über weite Strecken fortgetragen werden können.

Bruchteile eines Gramms des Bomben-Baustoffs Plutonium 239 reichen, um einen Menschen zu töten. Wo das extrem langlebige Element freigesetzt wird, entsteht eine unbewohnbare Todeszone.

Nachdem 1957 auf dem US-Stützpunkt Greenham Common in der englischen Grafschaft Berkshire ein B-47-Bomber mit einer Atombombe an Bord ausgebrannt war, verheimlichten die Militärs jahrelang die radioaktive Verseuchung. Unerklärlich blieb die Häufung von Leukämie-Fällen bei Kindern in der Region, bis bekannt wurde, daß Wissenschaftler bereits 1960 hohe Konzentrationen von Uran 235 rund um Greenham Common festgestellt hatten.

Professor Sir William Penney, Vater der britischen Wasserstoffbombe, wurde damals gewarnt, daß Bombenspuren noch »in sehr großen Entfernungen (in der Größenordnung von 100 Meilen) gemessen werden könnten«. Auf Bodenproben verzichtete man trotzdem.

London hat dieses Jahr die letzten Nuklearsprengköpfe aus Deutschland zurück in die Heimat gebracht. Doch die US-Streitkräfte lagern noch immer Atomwaffen zwischen Rhein und Elbe, zwischen Nordsee und Alpen - nur Ostdeutschland ist atomwaffenfrei.

Auch in amerikanischen Lagern könne jederzeit passieren, was bei den britischen Unfällen mit Glück vermieden wurde, fürchten Nuklearexperten. Ein atomerfahrener deutscher Offizier ist sogar überzeugt, daß sich auf US-Stützpunkten »ähnliche Vorfälle ereignet haben wie bei den Briten«.

Das Pentagon in Washington sagt dazu nur, was es zu allen Fragen über die Stationierung von Nuklearwaffen im Ausland sagt: »No comment.«

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Atomare Unfälle bei der britischen Armee

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Atomare Unfälle bei der britischen Armee

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