Heißer Frieden - DER SPIEGEL
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SCHWEIZ Heißer Frieden

Die Regierung in Bern will die Armee radikal verkleinern. Beim Volk hat die Truppe längst ihren Heldenmythos eingebüßt.
Von Jan Dirk Herbermann
• aus DER SPIEGEL 25/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Sonne brennt auf die grünen Hügel des Kantons Aargau, Kühe weiden träge, und nur ein paar Männer denken an Krieg. In Sichtweite der Autobahn Basel-Zürich trainieren sie für den Ernstfall. »Sie müssen einen Stoß des Gegners durch Ihren Raum verhindern«, befiehlt Divisionär Max Riner den jungen Offizieren der Schweizer Armee.

Die Oberleutnants parieren, wenden ihre Karten hin und her, tüfteln eine Taktik aus. Der Feind steht im Nordwesten, bleibt aber unsichtbar. »Unser ganzes Volk muss sich mit der Bedrohung auseinander setzen«, verlangt Riner, Kommandant der Felddivision 5.

Nur: Seit gut einem Jahrzehnt ist dem Schweizer Volk der einzige potenzielle Feind abhanden gekommen. Die letzten blutigen Gefechte auf Schweizer Boden im so genannten Sonderbundskrieg datieren vom November 1847. Die letzten Schüsse galten elf deutschen Militärflugzeugen Anfang Juni 1940.

Unbeeindruckt vom langen Frieden, halten sich die sieben Millionen Eidgenossen gleichwohl bis heute eine Dinosaurierarmee mit einem Umfang von 385 000 Mann im Ernstfall. Auch wenn nur ein Teil davon im Rotationsverfahren Dienst schiebt - pro Kopf der Bevölkerung ist das die größte Truppe Europas. »Die Schweiz hat keine Armee, sie ist eine«, höhnt der Zürcher Autor Thomas Küng. Zudem bietet das kleine Land mehr Kampfpanzer auf als Großbritannien; insgesamt sollen über 2000 Panzerfahrzeuge jeden möglichen Gegner in Schach halten. Das Militär frisst rund zehn Prozent des Staatshaushalts.

Doch mit dem alpinen Riesenheer soll jetzt Schluss sein. Unter dem Titel »Armee XXI« hat die Regierung, Bundesrat genannt, einen radikalen Plan vorgelegt: »Der aktive Bestand der neuen Armee beträgt 100 000 bis 120 000 Armeeangehörige.« In spätestens drei Jahren, so fordert Bundespräsident und Verteidigungsminister Adolf Ogi, soll die alte Armee abgelöst werden. Knappe Kassen »sowie die technische und gesellschaftliche Entwicklung« erzwängen den »revolutionären Schritt«.

Prompt muckten Mitglieder des konservativen Offizierskorps gegen das radikale Abspecken auf. Wehrminister Ogi reagierte barsch. Er vergatterte die Anführer zum Stillschweigen. Allerdings wagt es auch Ogi nicht, an den Grundpfeilern der helvetischen Sicherheitspolitik zu rütteln: Neutralität, Wehrpflicht und Milizsystem bleiben - auch in Zukunft deponiert jeder Armeeangehörige Sturmgewehr oder Dienstpistole zu Hause.

Den Berner Strategen ist eine »wehrhafte Schweiz« nach wie vor Gebot: »Die eindimensionale Bedrohung während des Kalten Krieges hat einem mehrdimensionalen Gefahren- und Risikopotenzial, einem ,Heißen Frieden', Platz gemacht«, heißt es in den Politischen Leitlinien des Bundesrates zur Armeereform. »Wehrlosigkeit führt zum Verlust der eigenen Handlungsfähigkeit und kann Aggressivität geradezu herausfordern.«

Schneidige Rhetorik, die jedoch wirkungslos verhallt. Denn das Heer hat in den vergangenen Jahren dramatisch an Prestige eingebüßt. Nach dem Zweiten Weltkrieg rückten die Schweizer Bürgersoldaten zunächst ins Zentrum der nationalen Mythologie vor. War nicht die Armee das Symbol des eisernen schweizerischen Freiheitswillens? Hatte nicht die »Aktivdienstgeneration« dem gefährlichsten aller Aggressoren, Hitler, mannhaft getrotzt? Ein glatter Selbstbetrug.

In Wahrheit nutzten die Deutschen den kleinen Nachbarstaat als bombensichere Rüstungsschmiede, Finanzdrehscheibe und Devisenbeschaffer. Erst nach jahrelanger Diskussion akzeptieren die Eidgenossen - nicht ohne Murren - die bittere Wahrheit.

Seither haben die bewaffneten Formationen auch als Klammer des viersprachigen Gemeinwesens ausgedient. »Der Glaube daran schwindet«, sagt der Zürcher Militärsoziologe Karl Haltiner, der selbst eine italienischsprachige Einheit kommandierte.

Die »Gruppe für eine Schweiz ohne Armee« will das Land gleich von allen Soldaten befreien. Aktivist Nico Lutz glaubt, eine Abstimmung über diese Forderung gewinnen zu können: »Bei der letzten Volksbefragung 1989, zwei Wochen nach dem Fall der Berliner Mauer, votierten 36 Prozent der Stimmberechtigten für die Abschaffung der Armee.«

Deutlich bröselt auch die Allianz zwischen Heer und Wirtschaft. Früher galt das ungeschriebene Gesetz: Nur wer es beim Militär zu etwas brachte, konnte auf eine steile Karriere hoffen. Als beispielsweise Mathis Cabiallavetta 1996 an die Spitze der Schweizerischen Bankgesellschaft rückte, rümpften die alten Haudegen in der Zentrale die Nase: der Neue hatte es in der Armee nur zum Soldaten gebracht.

Heute reagieren die Chefs von Banken, Versicherungen und Industrie erleichtert, wenn die Mitarbeiter von einer Karriere im Waffenrock nichts mehr wissen wollen. Denn Schweizer Soldaten müssen derzeit noch zwischen dem 20. und 42. Lebensjahr für rund 300 Tage einrücken, Hauptleute 900 Tage und Oberste 1200 Tage - zu viel im Zeitalter globalen Wettbewerbs.

Selbst als Hort archaischer Wehrtechnik scheint die Schweizer Armee endgültig vor dem Aus zu stehen. Die drei Radfahrerregimenter mit ihren 3500 Heeresvelos dürften die anstehende Reform schwerlich überdauern - ein Schicksal, das sie mit Kavallerie und Brieftauben teilen. Die Reitereinheiten wurden bereits 1972 ausgemustert, die Armeevögel 1995. JAN DIRK HERBERMANN

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