Heißer Tip - DER SPIEGEL
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AFFÄREN / BUTTER-EXPORT Heißer Tip

• aus DER SPIEGEL 13/1971
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Assessor Jürgen Frantz von der Hamburger Staatsanwaltschaft bemüht sich seit kurzem, die Hintergründe eines verworrenen Butter-Geschäfts aufzuklären. »Wegen Verdacht des Betruges« läßt er Seeleute und Manager verhören, die an einem mit etwa 29 Millionen Mark subventionierten Butter-Transport in die DDR beteiligt waren.

Der illegale Fetthandel wurde wie ein billiger Kriminalreißer inszeniert: Am 11. Januar verließ das schwedische Kühlschiff »Albany« mit rund 6000 Tonnen Butter des hanseatischen Milch-, Fett- und Eierkontors (der Bundeszentrale der deutschen Molkereiwirtschaft) den Hamburger Hafen. Die Zoll- und Schiffspapiere wiesen als Bestimmungsort den libanesischen Hafen Beirut aus. Kaum hatte der Dampfer die deutschen Hoheitsgewässer aber verlassen, nahm Kapitän Julius Otto Sjöström Kurs auf den DDR-Hafen Rostock.

Dort wurde die Ladung bis auf 200 Tonnen gelöscht, die anschließend nach Beirut geschippert wurden. Ein Abgesandter des Hamburger Kontors machte von den Butterresten bombastische Bilder, die später als Beweis für die ordnungsgemäße Ablieferung des Butterberges im Orient dienen sollten.

Die potemkinsche Verschleierungstaktik war notwendig, weu die hanseatischen Fetthändler die begehrte Export-Erstattung aus der EWG-Kasse nur für Lieferungen an sogenannte Drittländer kassieren dürfen. Die DDR hingegen gilt wegen des Interzonen-Handelsabkommens nicht als EWG-Ausland und hätte für die Butter den EWG-Preis von 6,35 pro Kilo statt den in Rechnung gestellten Weltmarktpreis von 1,52 Mark bezahlen müssen.

Nachdem Seeleute der »Albany« den Zollfahndern einen heißen Tip gegeben hatten, forderte die Finanzbehörde die 29 Millionen Mark Export-Subvention wieder zurück. Bisher wartete der Fiskus auf das Geld jedoch vergeblich, denn einflußreiche Bauernführer wie Ex-Staatssekretär und Raiffeisen-Präsident Theodor Sonnemann und CDU-Bundestagsabgeordneter Hans-Jürgen Klinker, die im Aufsichtsrat des Hamburger Kontors den Ton angeben, setzten eine Stundung durch.

Sonnemann und Klinker wollen von der dubiosen Butter-Odyssee freilich nichts gewußt haben. Zum Sündenbock für die Verfehlungen des Kontors erklärten sie den libanesischen Kaufmann Wardeth ("Den hat noch niemand mit sterblichen Augen gesehen«, so Sonnemann) und ihren langjährigen Geschäftsführer Horst-Günther Marquardt, der seinen Dienst »in gegenseitigem Einvernehmen« quittieren mußte. Inzwischen verlangte der agile Kontormanager von seinen ehemaligen Arbeitgebern aber »volle Rehabilitation«.

Marquardts Dienstherren verschwiegen bisher, daß Beauftragte der deutschen Milchwirtschaft schon seit Jahresfrist über die Verlagerung eines Butterberges in die UdSSR verhandelten. Im Sommer vergangenen Jahres erklärten sich sowjetische Aufkäufer schließlich bereit, aus den EWG-Kühlhäusern mindestens 60 000 Tonnen subventionierte Butter zum Weltmarktpreis abzunehmen.

Kurz vor Vertragsabschluß zogen sich die Russen jedoch verärgert zurück: Einer ihrer Gesprächspartner, der Hamburger Kontormanager Horst-Günther Marquardt, hatte durch voreilige Pressemeldungen den Eindruck erweckt, russischen Muschiks fehle die Butter auf dem Brot.

Kenner des Buttergeschäfts vermuten, daß die Russen damals beschlossen, über den Umweg Beirut/Rostock dennoch zu ihrem EWG-Fett zu gelangen. Die Sowjets hätten dabei die guten Beziehungen von Willi Clausen, Chef der staatlichen DDR-Außenhandelsfirma »DIA Nahrung«, zu Hamburger Kontormanagern genutzt.

Als Beweis für ihre These machen die Handelsexperten geltend, daß der von Zöllnern und Staatsanwalt beanstandete Butter-Transport in diesen Tagen von Rostock nach Hamburg zurückgeholt und mit neuen Papieren für einen polnischen Hafen versehen werden soll.

Durch die Umdisposition würde die Butter dennoch nach Rußland gelangen. Gleichzeitig wäre das Hamburger Kontor der Peinlichkeit enthoben, die zu Unrecht erhaltenen Millionen zurückzahlen zu müssen.

Der Profit des Hamburger Kontors ist bei dem Ost-Geschäft mit etwa 70 000 Mark gering. An einer fetten Verdienstspanne liegt dem Kontor ohnehin wenig. Funktionäre der Bauern-Verbände wollten mit derartigen Export-Geschäften nämlich nur erreichen, daß die Butter in den EWG-Ländern so knapp wird, daß die Inlandspreise kräftig herauf gesetzt werden können.

Die Spekulation ging auf. Während in deutschen Kühlhäusern noch vor einem Jahr fast 104 000 Tonnen Butter lagerten, sind es heute nur noch 44 000 Tonnen. Da die westdeutsche Bevölkerung mit dieser Menge nur vier Wochen lang versorgt werden kann, würde die Butter bei einem Dürre-Sommer wie im vergangenen Jahr so rar wie in Kriegszeiten werden.

Wegen der Verschleuderung von EWG-Butter an Drittländer, die den Steuerzahler bisher über eine Milliarde Mark kostete, ist Kuhfett in der ganzen EWG Mangelware geworden. Dadurch stieg der Marktpreis über den von der Brüsseler EWG-Behörde festgesetzten Interventionspreis von 6,35 Mark je Kilogramm, zu dem die staatlichen Vorratsstellen den Molkereien die Butter abnehmen müssen. Schon im November 1970 betrug der Großhandelspreis 6,38 Mark, heute liegt er bei 6,45 Mark. Ein Agrar-Funktionär »In Kürze werden wir nochmals eine Erhöhung von fünf Prozent durchdrücken können.«

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