Helden oder Strolche
(Nr. 18/1975, SPIEGEL-Gespräch mit Vietnam-General Westmoreland: Nr.l9/ 1975, SPIEGEL-Titel: »Kein Verlaß auf Amerika?' Interview mit US-Außenminister Kissinger; SPIEGEL-Essay von David Halberstam: »Amerikas Fall aus der Gnade')
Der 30. April ist für mich ein denkwürdiger Tag. Das erstemal in meinem Leben erlebe ich einen Tag ohne Krieg auf der Welt (ich bin am 31. Juli 1951 geboren).
Frechen (Nrdrh.-Westf.) WOLFGANG WERNER
Bilanz: 56 000 tote Gls, 303 000 Verwundete, 141 Milliarden Dollar Kriegskosten, acht Millionen Erwerbslose, eine rebellierende Jugend. eine resignierende Mittelschicht, eine verlorene Glaubwürdigkeit. Und wofür das alles? -- Für die Illusion, einen Dschungelkrieg gegen ein kampfentschlossenes Volk gewinnen zu können.
Berlin KONRAD BORN
Thieu wollte nie kämpfen. er wollte nur, daß die Amerikaner für ihn kämpfen. Daß sie ihm die Waffen überließen und dadurch gleichzeitig zum Kampf verpflichteten, hat er als persönlichen Insult empfunden. Durch das spontane Wegwerfen der Waffen, während er gleichzeitig seine Flucht -- à la Tschiang Kai-schek -- vorbereitet, rächt er sich an ihnen für ihre Anmaßung. »Ich bin doch Buddhist, wie kann man von mir erwarten, daß ich verantwortlich mitkämpfe (und dadurch meine Seele beschmutze) und dies dazu noch im Dienste Amerikas?« Für das Volk, das leidet und stirbt, ohne zu begreifen wofür, hat er keinen Blick. Dieser Iyp des Gewalthabers lebt nur für sein Geld und seine Familie -- etwas, das uns schwer verständlich ist. Für uns sind Soldaten Helden, für den früheren buddhistischen Orient Strolche.
Tübingen PROF. W. LIEBENTHAL
Früher pflegten Feldherren nach solchen »Erfolgen« sich ins eigene Schwert zu stürzen. Herr Westmoreland schreibt seine Memoiren. Hückeswagen (Nrdrh.-Westf.) ERNST DITTRICH
General Westmoreland sagte während seiner Indochina-Zeit, »die Nordvietnamesen seien die Preußen des Orients«. Abgesehen davon, daß Nordvietnams Stehvermögen gegenüber einem waffentechnologisch und materiell weit überlegenen Gegner entsprechende preußische Qualitäten übertroffen hat, ist es eine Eselei, falls Westmoreland jetzt erklärt, er hätte mit seinem damaligen Preußen-Vergleich »keine Herabsetzung (der Nordvietnamesen) beabsichtigt«, womit er im selben Atemzug ein Vierteljahrtausend deutschen Soldatentums (politische Aspekte einmal ganz beiseite gestellt) abwertet. Frage an Westmoreland, ob er schon etwas vom preußischen General von Steuben gehört hat, ohne den, laut George Washington, die Unabhängigkeit der USA nicht hätte erkämpft werden können.
Sindelfingen FERDINAND WAHL
sagt General Westmoreland: »Wie er (General Giap) seine Truppen indoktriniert hat, das ist schon außergewöhnlich. Ich meine, daß wir seit Tagen der SS unter Adolf Hitler keine derartig indoktrinierten Truppen gesehen haben.« Der General scheint also der Meinung zu sein, die außergewöhnlichen Leistungen der Nordvietnamesen seien die Folge einer wirksamen Propaganda, um nicht zu sagen einer Gehirnwäsche. Daß sie für eine weltanschauliche Idee und vor allem für Vietnam gekämpft haben könnten, kommt ihm nicht in den Sinn; denn dann hätte er sich fragen müssen, wofür Amerika eigentlich gekämpft hat. Die Antwort gibt das SPIEGEL-Essay von David Halberstam »Amerikas Fall aus der Gnade«. Denn dies ist, weit über die militärische Niederlage hinaus, das Entsetzliche. was geschehen ist ...
Göttingen PROF. DR. H. DREXLER
Das einzige Mal findet Westmoreland einen Bezug zur Realität, wenn er sagt. »es liegt wenig Trost in der Erkenntnis, daß wir die Machtübernahme der Kommunisten zehn Jahre lang hinausgeschoben haben«. In der Tat, das ist für diese Herren kein Trost: Ihre Herrschaft in der Welt ist vorbei, sie können einer unwiderstehlichen historischen Strömung nichts entgegensetzen, sie vertreten eine bereits vergangene gesellschaftliche Epoche.
Mannheim P. SCHLIFF
Der Meinungsumschwung in den USA wird von der öffentlichen Meinung hierzulande noch nicht zur Kenntnis genommen. nicht nur bei der Opposition, sondern bis weit in das SPD/FDP-Regierungslager hinein, sonst wäre eine so instinktlose Äußerung, wie die kürzlich von Minister Leber ausgesprochene Verurteilung der vielfach kritischen deutschen Haltung zur amerikanischen Vietnampolitik der letzten zehn Jahre wohl unmöglich.
Dortmund R. PAULI
Die »Verbündeten«, die im Windschatten amerikanischer Stärke jahrzehntelang ein selbstsüchtiges Glück genossen haben, ohne dafür irgendein Opfer zu bringen, reagieren nun auf das Versagen der Amerikaner unsicher und ängstlich und zugleich überheblich. Ihnen ist vorzuwerfen, daß sie, anstatt Amerika in seinem aufreibenden Abwehrkampf gegen den überall vorandrängenden Sowjet-Imperialismus zumindest moralisch zu unterstützen, eine zweideutige und demoralisierende Haltung eingenommen haben.
Lohmar (Nrdrh.-Westf.) PETER HENNINGER
Als Amerikaner möchte ich unserem Freund und Verbündeten, der Bundesrepublik, meine Dankbarkeit für ihre offene Verwerfung der vertragswidrigen Gefechte Nordvietnams ausdrücken. Das deutsche Volk kann sich darauf verlassen, daß die amerikanische Regierung das gleiche täte, wenn die Russen Bonn angreifen sollten. Und hättet Ihr Glück, würde unser Kongreß einige Dollar zur Unterstützung genehmigen.
Stockton (USA) STEPHEN SCHMID
Mao hatte recht: Amerika ist ein »Papiertiger«! Thailand und Südkorea sollten ihre Verpflichtungen gegenüber den USA überprüfen.
Schleswig HOLGER STEGEMANN
Ein in vieler Hinsicht interessantes Gespräch, das dem SPIEGEL gegeben wurde. Jedoch, wie ernst kann man viele Passagen nehmen? Wird man in der Tat wirklich »niemals wieder unsere Soldaten in einen Krieg schicken, wenn wir nicht darauf ausgehen, ihn zu gewinnen«? Hoffentlich ziehen die USA wirklich »einige wertvolle Lehren«!
Bochum JOACHIM BUDIG
Die erste Lehre, die die amerikanische Außenpolitik aus der gegenwärtigen Situation in Indochina ziehen sollte, ist die, einen so schmarotzerhaften. arroganten und großmäuligen »Verbündeten« wie Euch augenblicklich fallen zu lassen. -- So wie der Vietcong den Mekong überschritten hat, sollte auch Sowjet-Rußland ermutigt werden, die Elbe zu überschreiten und Eurem geschätzten Volk seine Segnungen zuteil werden lassen. Das Allerletzte auf Erden, was die amerikanischen Steuerzahler unterstützen, verteidigen oder womit sie sich in irgendeiner Weise assoziieren sollten, seid Ihr, ein possenreißender Goebbels-hafter Schmarotzer. gekleidet in ein schlecht sitzendes, fadenscheiniges liberales Gewand, gemästet durch die Großzügigkeit und den Goodwill des amerikanischen Volkes. für alle Ewigkeit beladen mit dem Fluch unerträglicher Arroganz und eines ekelerregenden Gehabes totaler Überlegenheit. Wollt Ihr denn um Gottes \Villen -- nach allem, was Ihr im 20. Jahrhundert der Welt zugefügt habt -- niemals Eure übergroße Piefke-Klappe halten?
Pennsylvania (USA)
DR. ALEXANDER RUDHART Professor für Europäische Geschichte Villanova University